Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 1 Teil 1/3 Grundlagen des Pferdekörpers

Gibt es die richtige Pferdefütterung?

"Warum die Antwort nicht im Futtersack beginnt, sonder Millionen Jahre früher"

Wer sich mit Pferdefütterung beschäftigt, stößt früher oder später auf eine Flut unterschiedlichster Meinungen.

Die einen empfehlen Heu rund um die Uhr. Andere raten zu festen Heurationen. Manche schwören auf getreidefreie Fütterung, während andere den täglichen Hafer als unverzichtbar ansehen. Dazu kommen Mineralfutter, Mash, Öle, Kräuter, Samen und unzählige Zusatzfuttermittel – oft mit dem Versprechen, Muskulatur aufzubauen, den Stoffwechsel zu unterstützen oder die Darmgesundheit zu verbessern.

Kein Wunder also, dass viele Pferdebesitzer irgendwann die Orientierung verlieren.

Vielleicht kennst du das selbst.

Du möchtest dein Pferd möglichst gut versorgen. Also liest du Artikel, hörst Empfehlungen im Stall oder sprichst mit Tierärzten, Trainern und Therapeuten. Doch je mehr Informationen zusammenkommen, desto schwieriger scheint die Entscheidung zu werden.

Dabei wird eine entscheidende Frage erstaunlich selten gestellt.

Nicht:

Welches Futter ist das beste?

Sondern:

Was braucht ein Pferd eigentlich von Natur aus?

Genau dort beginnt jede sinnvolle Pferdefütterung.

Nicht beim Futtersack.

Nicht bei der Marke.

Nicht beim neuesten Trend.

Sondern bei der Biologie.

Warum wir zuerst über die Natur sprechen müssen

Wenn wir verstehen möchten, was ein Pferd heute braucht, lohnt sich zunächst ein Blick weit zurück.

Sehr weit.

Nicht hundert Jahre.

Nicht tausend Jahre.

Sondern Millionen Jahre.

Denn obwohl wir Pferde heute züchten, trainieren und auf ganz unterschiedliche Weise nutzen, hat sich eines kaum verändert:

Der Körper des Pferdes funktioniert noch immer nach denselben biologischen Grundprinzipien wie der seiner wilden Vorfahren.

Natürlich unterscheiden sich ein Shetlandpony, ein Warmblut oder ein Vollblut deutlich in Größe, Körperbau und Leistungsfähigkeit.

Ihr Verdauungssystem dagegen folgt noch immer demselben Bauplan.

Und genau dieser Bauplan verrät uns erstaunlich viel darüber, welche Ernährung für Pferde sinnvoll ist.

Ein Blick auf das Wildpferd

Stell dir für einen Moment vor, wir könnten mehrere tausend Jahre in die Vergangenheit reisen.

Vor uns liegt eine weite, offene Landschaft. Keine Stallungen. Keine Heuraufen. Keine Futtereimer.

Eine kleine Herde Wildpferde zieht langsam über die Ebene.

Sie galoppieren nicht.

Sie stehen auch nicht stundenlang an einem Platz. Sie laufen gemächlich weiter. Ein paar Schritte. Einige Halme Gras. Ein paar Kräuter. Weiter geht es. Dann wieder einige Bissen. So vergeht Stunde um Stunde.

Wenn wir diese Herde den ganzen Tag beobachten würden, fiele uns etwas auf: Eigentlich scheinen die Pferde ständig mit Fressen beschäftigt zu sein.

Und genau so ist es auch.

Wild lebende Pferde verbringen je nach Jahreszeit etwa 14 bis 18 Stunden täglich mit der Nahrungssuche und der Futteraufnahme. Dabei legen sie häufig 10 bis über 20 Kilometer zurück. Nicht, weil sie trainieren. Sondern weil ihre Nahrung über große Flächen verteilt wächst. Fressen und Bewegung gehörten deshalb schon immer untrennbar zusammen.

Diese Lebensweise hat den gesamten Organismus des Pferdes geprägt.

Merke

Ein Pferd wurde nicht dafür entwickelt, zwei- oder dreimal täglich große Mahlzeiten zu fressen.

Es wurde dafür entwickelt, über viele Stunden hinweg kleine Mengen rohfaserreicher Pflanzen aufzunehmen.

Die Evolution kennt keine Sportpferde

Dieser Gedanke erscheint zunächst selbstverständlich.

Und doch vergessen wir ihn im Alltag erstaunlich oft.

Heute unterscheiden wir zwischen:

  • Freizeitpferden
  • Dressurpferden
  • Springpferden
  • Distanzpferden
  • Rennpferden
  • Zuchtstuten
  • Senioren
  • Jungpferden

Für die Evolution existieren diese Kategorien jedoch nicht.

Aus biologischer Sicht bleibt jedes dieser Tiere zunächst einmal eines:

Ein Pflanzenfresser.

Ein hoch spezialisierter Pflanzenfresser.

Genau darin liegt einer der häufigsten Denkfehler in der modernen Pferdefütterung. Wir orientieren uns häufig zuerst an der Nutzung des Pferdes. Dabei sollten wir zunächst seine Natur verstehen. Denn erst auf dieser Grundlage lässt sich entscheiden, welche Anpassungen tatsächlich notwendig sind.

Was bedeutet eigentlich "artgerecht"?

Der Begriff artgerecht wird heute fast überall verwendet.

Bei der Haltung.

Beim Training.

Und natürlich auch bei der Fütterung.

Doch was bedeutet er eigentlich?

Artgerecht bedeutet nicht, dass ein Hauspferd genauso leben muss wie ein Wildpferd. Das wäre weder möglich noch sinnvoll. Artgerecht bedeutet vielmehr, die biologischen Bedürfnisse einer Tierart zu kennen und sie so gut wie möglich zu berücksichtigen.

Bei der Ernährung heißt das:

Nicht jedes Pferd muss auf einer endlosen Steppe grasen.

Aber jedes Pferd profitiert von einer Fütterung, die sich an seinem natürlichen Verdauungssystem orientiert.

Und genau deshalb lohnt sich der Blick auf die Evolution. Sie erklärt nämlich viele Eigenschaften, die uns bis heute begegnen.

Zum Beispiel:

  • Warum Pferde so lange kauen.
  • Warum sie einen vergleichsweise kleinen Magen besitzen.
  • Warum Rohfaser so wichtig ist.
  • Warum lange Fresspausen problematisch sein können.
  • Und warum hochwertiges Heu die Grundlage jeder gesunden Pferdefütterung bildet.

All diese Themen werden wir in den nächsten Artikeln Schritt für Schritt gemeinsam entdecken.

Heute genügt zunächst eine einzige Erkenntnis:

Die richtige Pferdefütterung beginnt nicht im Futtersack.

Sie beginnt mit dem Verständnis dafür, wie ein Pferd entstanden ist.

Aus osteopathischer Sicht

In der Osteopathie betrachten wir den Körper als Einheit. Muskeln, Gelenke, Faszien, Organe und Nervensystem arbeiten ständig miteinander. Damit der Körper Bewegungen anpassen, Gewebe erneuern und Belastungen ausgleichen kann, benötigt er die passenden Voraussetzungen.

Genau hier beginnt die Ernährung.

Denn jedes Gewebe, das wir behandeln, muss anschließend vom Körper erhalten und regeneriert werden. Die Grundlage dafür bilden nicht einzelne Zusatzfuttermittel, sondern die tägliche Versorgung mit den Nährstoffen, für die der Organismus des Pferdes ursprünglich entwickelt wurde. Deshalb lohnt es sich, zunächst die Natur des Pferdes zu verstehen – bevor wir über einzelne Futtermittel sprechen.


Fortsetzung in Teil 2/3: "Warum der Verdauungstrakt des Pferdes uns verrät, wie Pferde gefüttert werden möchten."