Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 1 Teil 2/3 Grundlagen des Pferdekörpers
Der Verdauungstrakt des Pferdes
"Warum jedes Pferd anders gefüttert werden muss – obwohl alle Pferde denselben Verdauungstrakt besitzen."
Wenn wir verstehen möchten, was ein Pferd braucht, müssen wir nicht zuerst auf einen Futtermittelanhänger schauen.
Wir müssen den Körper betrachten. Denn die Natur hinterlässt Spuren. Der Aufbau eines Tieres erzählt immer eine Geschichte darüber, wofür es geschaffen wurde.
Ein Wolf besitzt beispielsweise einen Verdauungstrakt, der darauf ausgelegt ist, Fleisch schnell aufzunehmen und zu verwerten.
Eine Kuh besitzt mehrere Vormägen, weil sie große Mengen Pflanzenmaterial mithilfe von Mikroorganismen aufschließen kann.
Und ein Pferd?
Das Pferd steht zwischen diesen beiden Prinzipien.
Es ist ein hoch spezialisierter Pflanzenfresser, der sich auf eine besondere Strategie verlassen hat:
Viele Stunden fressen – kleine Mengen – kontinuierliche Verdauung.
Der Pferdemagen – klein, aber ständig aktiv
Viele Menschen stellen sich den Verdauungstrakt eines Pferdes ähnlich wie den eines Menschen vor.
Eine Mahlzeit wird aufgenommen.
Sie wird verdaut.
Danach ist erst einmal Ruhe.
Beim Pferd funktioniert dieses System jedoch anders.
Der Magen eines erwachsenen Pferdes ist verhältnismäßig klein. Er fasst ungefähr 8 bis 15 Liter. Gemessen an der Körpergröße eines Pferdes ist das erstaunlich wenig.
Diese Besonderheit erklärt sich aus der natürlichen Lebensweise:
Ein Wildpferd musste keine großen Futtermengen speichern. Es hatte keine seltenen, riesigen Mahlzeiten. Es fand fast ständig kleine Mengen Nahrung.
Der Körper musste also nicht auf Vorrat arbeiten, sondern auf kontinuierlichen Nachschub.
Warum lange Fresspausen problematisch sein können
Eine der wichtigsten Besonderheiten des Pferdemagens ist:
Er produziert ständig Magensäure.
Auch nachts.
Auch wenn das Pferd gerade nicht frisst.
Auch wenn kein Futter im Magen liegt.
In der Natur ist das kein Problem. Denn ein Pferd kaut über viele Stunden am Tag. Beim Kauen entsteht Speichel. Und Speichel enthält Bicarbonat – einen Stoff, der hilft, die Magensäure teilweise zu neutralisieren. Außerdem bildet das kontinuierlich aufgenommene Pflanzenmaterial eine schützende Schicht im Magen.
Der natürliche Ablauf sieht also ungefähr so aus:
Fressen
↓
Kauen
↓
Speichelproduktion
↓
Schutz des Magens
↓
gleichmäßige Verdauung
In der modernen Haltung kann dieser Rhythmus jedoch leicht unterbrochen werden.
Ein Pferd bekommt morgens eine große Portion Heu.
Dann folgt vielleicht eine längere Pause.
Später gibt es Kraftfutter.
Abends wieder Heu.
Für den Menschen wirkt dieser Ablauf normal. Für den Verdauungstrakt des Pferdes ist er jedoch weit entfernt von seiner ursprünglichen Funktionsweise. Deshalb gehören längere Fresspausen heute zu den Faktoren, die mit einem erhöhten Risiko für Magenprobleme in Verbindung gebracht werden.
Häufiger Irrtum
"Wenn mein Pferd genug Futter über den Tag bekommt, spielt es keine Rolle, wann es dieses Futter bekommt."
Doch gerade beim Pferd ist nicht nur die Menge entscheidend.
Auch die Verteilung über viele Stunden spielt eine wichtige Rolle.
Der Dünndarm – hier werden wichtige Bausteine aufgenommen
Nach dem Magen gelangt die Nahrung in den Dünndarm.
Hier passiert etwas sehr Wichtiges: Viele Nährstoffe werden aufgenommen.
Dazu gehören:
- Zucker
- Stärke
- Aminosäuren
- Fette
- Vitamine
- Mineralstoffe
Der Dünndarm ist also der Ort, an dem der Körper viele wichtige Bausteine gewinnt.
Besonders interessant ist dabei das Eiweiß. Denn Eiweiß besteht aus Aminosäuren.
Und Aminosäuren benötigt der Körper unter anderem für:
- Muskelaufbau
- Enzyme
- Hormone
- Reparaturprozesse
- Gewebeneubildung
Später werden wir noch ausführlich darauf eingehen, warum ein Pferd für den Muskelaufbau nicht einfach "mehr Eiweiß" braucht, sondern die richtigen Aminosäuren in ausreichender Menge.
Warum Stärke beim Pferd eine besondere Rolle spielt
Getreide wie Hafer, Gerste oder Mais enthält große Mengen Stärke. Stärke ist ein wertvoller Energielieferant.
Aber:
Das Pferd ist kein Getreidefresser.
Sein Verdauungssystem ist ursprünglich nicht dafür ausgelegt, große Mengen Stärke auf einmal zu verarbeiten.
Kleine Mengen können durchaus sinnvoll eingesetzt werden.
Problematisch wird es, wenn mehr Stärke in den Dünndarm gelangt, als dort verdaut werden kann. Dann kann ein Teil der Stärke weiter in den Dickdarm wandern. Dort trifft sie auf eine Darmflora, die eigentlich auf Pflanzenfasern spezialisiert ist. Das empfindliche Gleichgewicht kann dadurch gestört werden.
Mögliche Folgen können sein:
- veränderte Darmflora
- Fehlgärungen
- Verdauungsprobleme
- erhöhtes Risiko für bestimmte Stoffwechselprobleme
Das bedeutet nicht, dass jedes Pferd niemals Kraftfutter bekommen darf.
Es bedeutet lediglich:
Kraftfutter muss zur Biologie des Pferdes passen – nicht umgekehrt.
Der Blinddarm – das eigentliche Energiezentrum
Der spannendste Teil der Pferdeverdauung befindet sich jedoch weiter hinten. Im Blinddarm und Dickdarm.
Hier lebt eine riesige Gemeinschaft von Mikroorganismen.
Millionenfach.
Milliardenfach.
Diese kleinen Helfer übernehmen eine Aufgabe, die das Pferd selbst nicht erledigen kann: Sie schließen Pflanzenfasern auf.
Denn Zellulose – der Hauptbestandteil pflanzlicher Zellwände – kann vom Pferd nicht direkt verdaut werden. Erst die Mikroorganismen machen diese Energie verfügbar.
Dabei entstehen sogenannte flüchtige Fettsäuren:
- Acetat
- Propionat
- Butyrat
Diese werden vom Pferd aufgenommen und als Energie genutzt.
Das bedeutet:
Ein Pferd lebt nicht nur vom Gras oder Heu.
Es lebt auch von den Millionen Mikroorganismen, die dieses Futter für es verwertbar machen.
💡 Wusstest du schon?
Das Darmmikrobiom eines Pferdes ist ein eigenes kleines Ökosystem. Es reagiert sehr empfindlich auf Veränderungen. Deshalb sollten Futterumstellungen immer langsam erfolgen. Nicht der Futtersack entscheidet über die Verdauung. Die Darmgemeinschaft entscheidet mit.
Warum plötzliche Futterwechsel problematisch sein können
Viele Pferdebesitzer kennen diese Situation:
Die Weidesaison beginnt. Das Pferd kommt plötzlich mehrere Stunden auf frisches Gras. Oder es bekommt ein neues Kraftfutter. Oder die Heuernte wechselt. Für den Menschen ist es nur ein anderes Futter.
Für die Darmflora bedeutet es:
Eine komplette Veränderung des Lebensraumes. Die Mikroorganismen im Darm brauchen Zeit, um sich anzupassen. Verändert sich die Nahrung zu schnell, kann das Gleichgewicht gestört werden.
Darum gilt:
Nicht nur das Pferd muss sich an neues Futter gewöhnen – auch die Darmflora braucht Zeit.
Was bedeutet das für die tägliche Fütterung?
Wenn wir den Verdauungstrakt des Pferdes betrachten, ergeben sich einige grundlegende Regeln:
Ein Pferd braucht:
- möglichst lange Fresszeiten,
- ausreichend Rohfaser,
- hochwertige Pflanzenfasern,
- ausreichend Wasser,
- langsame Futterumstellungen,
- Bewegung.
Diese Punkte sind keine modernen Trends.
Sie sind die logische Konsequenz aus der Anatomie des Pferdes.
Aus osteopathischer Sicht
Der Verdauungstrakt und der Bewegungsapparat stehen nicht unabhängig voneinander. Ein Körper, der dauerhaft mit Verdauungsproblemen, Nährstoffmängeln oder Stoffwechselbelastungen beschäftigt ist, hat andere Voraussetzungen für Regeneration.
Gerade beim Muskelaufbau sehen wir häufig:
Training allein reicht nicht.
Ein Muskel braucht:
- einen Trainingsreiz,
- Energie,
- Aminosäuren,
- Mineralstoffe,
- Erholung.
Fehlt einer dieser Bausteine, kann der Körper nicht optimal reagieren. Deshalb beginnt eine ganzheitliche Betrachtung eines Pferdes nicht erst bei der Muskulatur. Sie beginnt viel früher. Bei dem, was täglich aufgenommen wird.
Zwischenfazit
Bis hierhin können wir eine wichtige Frage beantworten:
Gibt es die eine richtige Pferdefütterung?
Nein.
Aber es gibt klare biologische Grundprinzipien. Jedes Pferd ist anders.
Doch jedes Pferd besitzt denselben ursprünglichen Bauplan: Ein Verdauungssystem für viele kleine Portionen pflanzlicher Nahrung.
Fortsetzung in Artikel 1 – Teil 3/3
Im letzten Teil dieses Artikels geht es um die spannende Frage:
Warum unterscheiden sich Pferde trotzdem so stark voneinander?
Wir betrachten:
- Warum ein Isländer anders gefüttert werden muss als ein Vollblut
- Warum manche Pferde "gute Futterverwerter" sind
- Warum Training, Alter und Rasse die Fütterung verändern
- Und warum es am Ende nicht die perfekte Ration gibt, sondern nur die passende für dieses eine Pferd
Quellen (für Artikel 1)
- National Research Council (NRC). Nutrient Requirements of Horses. National Academies Press, 2007.
- Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE). Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden.
- Meyer, H.; Coenen, M. Pferdefütterung. Schaper Verlag.
- Geor, R.J.; Harris, P.A.; Coenen, M. Equine Applied and Clinical Nutrition. Elsevier.
- Harris, P.A. et al. Publications on equine nutrition, forage feeding and gastrointestinal health.