Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 10 Teil 2/6 Fütterung im Laufe des Pferdelebens
Rasse und Stoffwechsel beim Pferd: Die genetische Prägung der Verdauungsphysiologie
In der alltäglichen Stallpraxis hält sich hartnäckig ein vereinfachender Grundsatz:
„Ein Pferd braucht eben einfach Pferdefutter.“
Aus physiologischer und biochemischer Sicht greift diese Annahme jedoch zu kurz.
Zwar besitzen sämtliche Vertreter der Gattung Equus caballus ein identisches Grundgerüst des Magen-Darm-Trakts – bestehend aus einem kleinen, einhöhligen Magen, einem voluminösen Blind- und Dickdarmkomplex sowie der Fähigkeit zur mikrobiellen Faserfermentation –, doch unterscheidet sich die metabolische Effizienz, mit der Nährstoffe verarbeitet, verwertet und im Gewebe eingelagert werden, je nach Rasse und Genotyp fundamental.
Der Stoffwechsel als individuelle Kennzahl
Unter Stoffwechsel (Metabolismus) verstehen wir die Gesamtheit aller chemischen Prozesse, durch die der Organismus Futterbausteine aufschließt, in körpereigene Strukturen umwandelt, zur Energiegewinnung oxidiert oder als Reservegewebe anlegt.
Dabei lässt sich in der Praxis regelmäßig folgendes Phänomen beobachten: Zwei Pferde identischen Körpergewichts erhalten bei gleicher Arbeit dieselbe Raufuttermenge.
- Pferd A: Hält sein Gewicht mühelos, zeigt eine gut strukturierte Muskulatur und ist körperlich voll belastbar.
- Pferd B: Neigt zu massivem Fettansatz (insbesondere im Hals- und Kruppenbereich), Kotwasser und schleichenden Stoffwechselproblemen.
Diese Varianz basiert auf dem Zusammenspiel aus:
- genetischer Adaption,
- endokriner Steuerung,
- Muskelfasertypen-Verteilung sowie
- der individuellen Enzym- und Fermentationsaktivität im Magen-Darm-Trakt.
Evolutionsbiologische Adaption: Das Erbe der Herkunft
Die heutigen Pferderassen entstanden durch jahrtausendelange Anpassung an spezifische geografische und klimatische Ökosysteme sowie durch gezielte selektive Zucht durch den Menschen.
Pferde, deren Vorfahren in kargen, kühlen oder wüstenähnlichen Arealen überlebten, entwickelten einen sogenannten Thrifty Genotype (sparsamer Genotyp). Dieser ermöglicht es, auch aus extrem faser- und nährstoffarmem Pflanzenmaterial ein Maximum an flüchtigen Fettsäuren (VFA) zu synthetisieren und energetische Überschüsse sofort als Fettgewebe für kalorienarme Perioden anzulegen.
In der modernen Hauspferdehaltung mit hochkalorischem, zuckerreichem Weidegras und ständiger Futterverfügbarkeit wird diese Überlebensstrategie jedoch zum primären Krankheitsrisiko.
Die Stoffwechseltypen im Rassevergleich
1. Robustpferde, Ponys & Nordische Rassen
- Beispiele: Islandpferde, Fjordpferde, Shetlandponys, Connemara, Andalusier/PRE, Westernrassen (Quarter Horse).
- Eigenschaften: Diese Rassen zeichnen sich durch eine außerordentlich hohe Verwertungseffizienz aus. Ihre hormonelle Achse – insbesondere die Insulinsensitivität und Leptinregulation – ist auf ein schnelles Anlegen von Energiereserven programmiert.
- Metabolische Besonderheit: Bereits geringe Überschüsse an leichtflüchtigen Kohlenhydraten (Stärke und Fruktan) führen zu lang anhaltenden Hyperinsulinämien.
- Pathologisches Risiko: Ausbildung eines Equinen Metabolischen Syndroms (EMS), chronischer Leberbelastung und metabolischer Hufrehe (Laminitis).
- Fütterungsstrategie: Strikte Beschränkung der Energiedichte, Verzicht auf Getreidestärke, Sicherung rohfaserreichen Heus mit niedrigem Zuckergehalt (< 10 % in der Trockensubstanz) sowie gezielte Deckung des Mikronährstoffbedarfs (Zink, Chrom, Magnesium zur Unterstützung der Insulinrezeptoren).
2. Kaltblutpferde
- Beispiele: Noriker, Rheinisch-Deutsches Kaltblut, Shire Horse.
- Eigenschaften: Gezüchtet für enorme Kraftentfaltung bei Schrittgeschwindigkeit, verfügen Kaltblüter über eine große Körper- und Muskelmasse bei gleichzeitig eher ruhiger neuromuskulärer Erregbarkeit.
- Metabolische Besonderheit: Trotz ihrer beeindruckenden Statur besitzen Kaltblüter bezogen auf ihr Körpergewicht einen überraschend niedrigen Erhaltungsbedarf an Energie. Ihre Muskelphysiologie ist reich an langsam zuckenden Typ-I-Muskelfasern (Slow-Twitch).
- Fütterungsstrategie: Keine Erhöhung der Energiezufuhr allein aufgrund des hohen Körpergewichts. Wichtig ist jedoch eine adäquate Versorgung mit essenziellen Aminosäuren zur Erhaltung der großen Muskelmasse sowie die Prävention von PSSM1 (Polysaccharide Storage Myopathy), einer bei Kaltblütern häufigen genetischen Störung der Glykogenspeicherung, die eine strikt fett- und faserbasierte Ernährung erfordert.
3. Warmblutpferde
- Beispiele: Hannoveraner, Holsteiner, Niederländisches Warmblut (KWPN).
- Eigenschaften: Warmblüter repräsentieren den athletischen Allrounder. Ihr Stoffwechsel ist extrem variabel und hängt direkt mit dem individuellen Trainingszustand und dem Bluteinschlag (Anteil an Vollblut) zusammen.
- Metabolische Besonderheit: Ausgewogene Bilanz zwischen Faserverwertung im Dickdarm und der Fähigkeit zur Glykolyse unter Trainingsbelastung.
- Fütterungsstrategie: Abstimmung der Energiezufuhr auf das tatsächliche Arbeitspensum. Freizeit-Warmblüter benötigen meist reine Raufutter-Mineralstoff-Rationen, während Sport-Warmblüter im Turniereinsatz ergänzende Energieträger (hydrothermisch aufgeschlossenes Getreide, pflanzliche Öle) benötigen.
4. Vollblutpferde
- Beispiele: Englisches Vollblut (Thoroughbred), Arabisches Vollblut.
- Eigenschaften: Vollblüter wurden über Generationen auf maximale Ausdauer- oder Sprintleistung, schnelle Muskelkontraktion und hohe Nervenstärke selektiert.
- Metabolische Besonderheit: Hoher Grundumsatz (Basal Metabolic Rate), vergrößertes Herz-Lungen-Volumen, dichte Kapillarisierung im Muskelgewebe und dominierende Typ-II-Muskelfasern (Fast-Twitch). Sie besitzen ein nervöses Temperament, was den Kalorienverbrauch zusätzlich steigert.
- Pathologisches Risiko: Erhöhte Anfälligkeit für magen- und darmassoziierte Erkrankungen (Gastritis/EGUS), da Stress und hohe Stärkegaben die Schleimhäute angreifen.
- Fütterungsstrategie: Hohe Kaloriendichte über magenschonende Energieträger wie verdauliche Fasern (z. B. unmelassierte Zuckerrübenschnitzel, Reiskleie), hochwertige Fette (Öle) und dünndarmverdauliche Proteine, um Gewicht und Muskelmasse ohne Magenbelastung zu sichern.
Gegenüberstellung der Stoffwechseltypen
| Parameter | Der effiziente Verwerter (Leichtfuttrig) | Der hohe Verbraucher (Schwerfuttrig) |
|---|---|---|
| Typische Rassen | Ponys, Isländer, Kaltblüter, PRE | Vollblüter, edle Warmblüter, Senioren |
| Erhaltungsbedarf | Reduziert (oft 10–20 % unter NRC-Standard) | Erhöht (oft 10–30 % über NRC-Standard) |
| Dominierende Fettgewebe | Viszeral- und Fettdepots (Kammfett, Kruppe) | Geringer KFA, rascher Muskel- & Fettabbau |
| Stärkeverträglichkeit | Sehr gering (Gefahr der Insulinresistenz) | Moderat bis hoch (je nach Leistungsanspruch) |
| Fütterungsfokus | Maximale Struktur, zuckerarm, Mikronährstoffe | Hohe Nährstoffdichte, Aminosäuren, Fette/Öle |
Der Denkfehler: Rasse-Schema vs. Individuum
Eine Rassebezeichnung bietet eine wertvolle erste Orientierung, ersetzt jedoch niemals die Beurteilung des einzelnen Individuums.
Zwei Pferde derselben Rasse können durch Faktoren wie Haltungsform, Alter, Kastrationszeitpunkt, Trainingsintensität und Mikrobiom-Zusammensetzung völlig gegensätzliche Fütterungsstrategien erfordern.
Die Bedeutung für Muskelaufbau und Bewegungsapparat
Ein weit verbreiteter Irrtum in der Trainingslehre besagt, dass die Zufuhr von energiereichem Kraftfutter automatisch den Muskelaufbau beschleunigt.
Biologisch betrachtet benötigt Muskelaufbau jedoch drei Komponenten:
- Einen adäquaten Trainingsreiz (Hypertrophie-Impuls durch Progression).
- Ausreichend essenzielle Aminosäuren als Baustoffe.
- Eine ausgeglichene Energiebilanz.
Wird einem leichtfuttrigen Stoffwechseltyp zu viel Energie zugeführt, führt dies nicht zu verstärkter Muskelprotein-Synthese, sondern zur Einlagerung von Fettgewebe (auch intermuskulär) und zur Überlastung der Stoffwechselorgane (Leber, Niere).
Der viszerale Bezug zur Osteopathie
Der individuelle Stoffwechseltyp wirkt sich direkt auf die Gewebsqualität und die Biomechanik aus:
- Der adipöse, leichtfuttrige Typ: Das erhöhte Körpergewicht belastet die Gelenke (insbesondere Huf-, Fessel- und Sprunggelenke) mechanisch. Viszerales Fettgewebe produziert zudem entzündungsfördernde Zytokine (Adipokine), die systemische Entzündungsprozesse im Bindegewebe und in den Faszien anheizen (Low-Grade Inflammation).
- Der unterversorgte, schwerfuttrige Typ: Bei Energiemangel zieht der Körper Aminosäuren aus der Muskulatur ab. Die Stützfunktion des Bewegungsapparates bricht ein; es kommt zu Fehlstatiken der Wirbelsäule, Trageerschöpfung und Trägheitsblockaden des ISG.
Checkliste für die Fütterungsentscheidung
Vor jeder Anpassung der Fütterungsration sollten folgende Fragen systematisch beantwortet werden:
Zusammenfassung
Alle Pferde funktionieren nach denselben grundlegenden biochemischen Gesetzmäßigkeiten. Doch der spezifische Kalorien-, Protein- und Mikronährstoffbedarf wird in hohem Maße durch die genetische Herkunft und den individuellen Stoffwechseltyp bestimmt.
Erfolgreiche Pferdefütterung folgt keinen starr festgelegten Rasseschemata, sondern basiert auf der kontinuierlichen Beobachtung des Pferdekörpers, gepaart mit fundiertem vergleichendem Wissen über die Verdauungsphysiologie.
Fortsetzung Artikel 10 – Teil 3/6
Im nächsten Teil: Training und Fütterung – Was ein Pferd für Muskelaufbau, Leistung und Regeneration wirklich braucht
Die Kernfragen des nächsten Abschnitts:
- Muskelphysiologie: Wie Muskelprotein-Synthese unter Belastung funktioniert
- Energetische Stoffwechselwege: Aerobe vs. anaerobe Energiegewinnung beim Pferd
- Protein & Aminosäuren: Warum Qualität vor Quantität geht (Lysin, Methionin, Threonin)
- Das Kraftfutter-Dilemma: Warum mehr Getreide nicht automatisch zu mehr Muskeln führt
- Regeneration & Faszien: Nährstoffe für eine beschleunigte Erholungsphase
Quellen
- National Research Council (NRC): Nutrient Requirements of Horses. 6th revised edition, National Academies Press, Washington D.C.
- Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE): Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden. DLG-Verlag, Frankfurt am Main.
- Meyer, H.; Coenen, M.; Vervuert, I.: Pferdefütterung. 6. überarbeitete Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart.
- Geor, R.J.; Harris, P.A.; Coenen, M.: Equine Applied and Clinical Nutrition: Health, Welfare and Performance. Saunders Elsevier, Edinburgh.
- Kohnke, J.R.: Feeding and Nutrition: The Making of a Champion. Birubi Australia.
- Harris, P.A.: Feeding the performance horse. Veterinary Clinics of North America: Equine Practice, 15(1), 167–185.