Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 10 Teil 6/6 Fütterung im Laufe des Pferdelebens
Die individuelle Fütterungsstrategie beim Pferd
Die individuelle Fütterungsstrategie beim Pferd: Vom Futtersack zur Systemanalyse
In der Praxis greifen viele Pferdebesitzer schnell zu bunten Müslis, Spezial-Pellets oder Wundermitteln aus der Dose, wenn das Pferd Schlappheit zeigt, zu dünn ist oder Muskeln aufbauen soll.
Dieser Ansatz bekämpft jedoch nur Symptome. Eine Fütterung, die dem Pferd wirklich nützt, schaut auf das Gesamtsystem Pferd: Es bringt nichts, ein Futter zu kaufen, ohne das Alter, die Rasse, die Haltung, die Trainingsart und die Qualität des Heus zu berücksichtigen.
Die 4 Säulen einer gesunden Fütterung
Um zu verstehen, was ein Pferd im Futternapf braucht, muss man vier Dinge genau analysieren:
1. Das Pferd selbst (Rasse, Alter & Krankheiten)
- Rasse: Robuste Rassen wie Haflinger, Isländer oder Spanier sind häufig gute Futterverwerter. Sie brauchen vergleichsweise wenig Energie und nehmen schnell zu. Voll- und Warmblüter haben häufig einen höheren Energiebedarf.
- Alter & Vorerkrankungen: Ein junges Pferd im Wachstum braucht andere Nährstoffe als ein Senior. Stoffwechselprobleme wie Cushing (PPID), EMS, Magenprobleme oder Muskelkrankheiten wie PSSM können den Futterbedarf grundlegend verändern.
2. Die Haltung (Kälte & Stress)
- Wetter: Ein Pferd im Offenstall kann bei Kälte und Wind mehr Energie benötigen, um seine Körpertemperatur aufrechtzuerhalten. Diese Wärme wird vor allem durch die Verdauung von Raufutter erzeugt.
- Stress: Müssen sich Pferde in der Herde ständig um Fressplätze streiten, kann dies zu Stress, unruhiger Futteraufnahme und möglicherweise zu Magenproblemen beitragen.
3. Das Training
- Ruhige Ausdauerarbeit beansprucht andere Energiesysteme als kurze, explosive Leistungen wie Springen oder anspruchsvolle Dressurlektionen.
- Je nach Intensität und Dauer der Arbeit spielen Fett, Faser und Kohlenhydrate in unterschiedlichem Ausmaß eine Rolle.
4. Die Heu-Qualität (Das Basis-Futter)
- Früher Schnitt: Junge Pflanzen sind häufig nährstoffreicher und können mehr Energie und Eiweiß liefern. Sie können insbesondere für Pferde mit höherem Bedarf interessant sein.
- Später Schnitt: Reiferes, stärker verholztes Heu enthält meist mehr Rohfaser und weniger Energie. Es kann für leichtfuttrige Pferde sinnvoll sein, sofern die übrige Nährstoffversorgung berücksichtigt wird.
Wichtig: Schnittzeitpunkt allein sagt noch nicht zuverlässig aus, wie viel Zucker, Energie, Eiweiß oder Mineralstoffe ein Heu tatsächlich enthält. Eine Heuanalyse liefert deutlich bessere Informationen.
Körperfett und Muskeln richtig beurteilen
Die Pferdewaage allein sagt nicht alles aus. Sie zeigt nur das Gesamtgewicht und unterscheidet nicht zwischen Fett, Muskeln oder dem Inhalt des Magen-Darm-Trakts. Daher nutzt man zwei Systeme:
- Body Condition Score (BCS): Bewertet den Ernährungs- bzw. Fettzustand des Pferdes, beispielsweise anhand von Hals, Rippen, Rücken und Kruppe.
- Muscle Condition Score (MCS): Bewertet die Entwicklung und den Zustand der Muskulatur, insbesondere an Hals, Rückenlinie und Hinterhand.
Achtung vor Verwechslungen: Ein dickes Pferd mit ausgeprägten Fettpolstern, aber wenig Muskulatur und einer schwachen Oberlinie ist nicht automatisch gut ernährt. Es kann gleichzeitig zu viel Körperfett und zu wenig Muskulatur haben.
Heu ist das Fundament – Ergänzungen nur nach Bedarf
Heu bzw. anderes geeignetes Raufutter bildet die Grundlage der Pferdefütterung. Das Kauen fördert die Speichelbildung und unterstützt dadurch die Pufferung der Magensäure. Gleichzeitig liefert die Faser Nahrung für die Mikroorganismen im Dickdarm.
Zusatzfutter sollte vor allem dazu dienen, tatsächliche Nährstofflücken oder einen erhöhten Bedarf gezielt auszugleichen:
- Mineralfutter: Kann Mängel bzw. Unterversorgungen bei Mineralstoffen und Spurenelementen ausgleichen, beispielsweise bei Zink, Kupfer oder Selen.
- Eiweißbausteine (Aminosäuren): Fehlen essentielle Aminosäuren wie Lysin oder Methionin, kann dies den Muskelaufbau und andere körpereigene Aufbauprozesse begrenzen.
- Zusätzliche Energie: Erst wenn die Raufutterration den Energiebedarf nicht deckt, sollte gezielt zusätzliche Energie zugeführt werden. Je nach Leistungsanforderung kommen dafür unterschiedliche Energiequellen infrage.
Wichtig: Nicht möglichst viele Produkte miteinander kombinieren. Durch unkontrollierte Kombinationen können einzelne Nährstoffe unnötig hoch dosiert werden oder sich gegenseitig in ihrer Aufnahme beeinflussen. Besonders bei Spurenelementen ist eine bedarfsgerechte Rationsberechnung sinnvoll.
Geduld! Der Körper braucht Zeit für Veränderungen
Futterumstellungen zeigen ihre Wirkung nicht von heute auf morgen. Wer ständig das Futter wechselt, erschwert die Beurteilung der tatsächlichen Wirkung.
- Darmmikrobiom: Benötigt Zeit, um sich an Veränderungen der Futterration anzupassen. Futterumstellungen sollten deshalb schrittweise erfolgen.
- Muskelaufbau: Benötigt mehrere Wochen bis Monate gezieltes Training und eine ausreichende Nährstoffversorgung.
- Sehnen, Bänder & Bindegewebe: Anpassungsprozesse verlaufen deutlich langsamer und können viele Monate dauern.
Das 4-Schritt-System für jede Futteränderung
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Ziel festlegen: Was soll erreicht werden?
Beispiel: Körperfett reduzieren oder Muskulatur an der Oberlinie aufbauen. -
Ursache finden: Warum ist der Ist-Zustand so?
Beispiele: Energieüberschuss, unausgewogene Ration, unzureichende Eiweißversorgung, gesundheitliche Probleme oder ungeeignete Trainingsbedingungen. -
Gezielt handeln: Möglichst nur eine wesentliche Stellschraube verändern.
Beispiel: Heu analysieren lassen oder die Mineralstoffversorgung überprüfen. -
Erfolg kontrollieren: Nach einigen Wochen überprüfen, ob sich Körperzustand, Muskulatur, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden tatsächlich verändert haben.
Der Blick aus der Osteopathie
Ernährung und Bewegung hängen eng zusammen:
- Magen-Darm-Probleme: Beschwerden im Verdauungstrakt können sich auf Bewegungsverhalten, Wohlbefinden und Muskelspannung auswirken.
- Wasserversorgung: Eine ausreichende Flüssigkeitsversorgung ist für zahlreiche physiologische Prozesse und die normale Funktion von Muskulatur und Bindegewebe wichtig.
- Elektrolyte: Bei starkem Schwitzen können insbesondere Natrium und andere Elektrolyte verloren gehen. Der Bedarf sollte abhängig von Schweißmenge und Leistung beurteilt werden.
Ein Pferdekörper mit einer unausgewogenen Nährstoffversorgung oder gesundheitlichen Problemen kann seine körperliche Leistungsfähigkeit und Bewegungsqualität möglicherweise nicht optimal entwickeln.
Das Fazit der gesamten Serie „Vom Grashalm bis zur Muskelzelle“
Gute Pferdefütterung sucht nicht nach dem einen „Zaubermittel“. Sie versteht das Pferd als Pflanzenfresser mit einem auf die kontinuierliche Aufnahme von Raufutter ausgelegten Verdauungssystem und passt die Ernährung Schritt für Schritt an:
Raufutter als Basis → Darmgesundheit unterstützen → Nährstoffversorgung überprüfen → gezielt ergänzen → regelmäßig kontrollieren
Merke: Füttere nicht das Produkt aus der Werbung, sondern die Nährstoffe, die dein Pferd aufgrund seines individuellen Bedarfs tatsächlich benötigt.
Vorschau auf Artikel 11
Im nächsten Teil dreht sich alles um Kräuter, Samen, Wurzeln und Öle:
- Wann können ätherische Öle, Bitterstoffe und Schleimstoffe sinnvoll sein, beispielsweise bei Husten oder Magenproblemen?
- Mythos Kräuterfütterung: Was ist wissenschaftlich sinnvoll und wo liegen mögliche Risiken?
- Die richtigen Öle: Omega-3 vs. Omega-6 aus Leinöl, Schwarzkümmel- und Hanfsamen.
- Vorsicht bei Dauerfütterung, Leberbelastung und Dopingfallen!
Quellen
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National Research Council (NRC): Nutrient Requirements of Horses
Standardwerk zum Nährstoffbedarf von Pferden. -
Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE)
Wissenschaftliche Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden. -
Meyer, H.; Coenen, M.; Vervuert, I.: Pferdefütterung
Deutschsprachiges Standard- und Lehrbuch zur Pferdefütterung. -
Geor, R. J.; Harris, P. A.; Coenen, M.: Equine Applied and Clinical Nutrition
Internationales Fachbuch zur angewandten und klinischen Ernährung des Pferdes. -
McDonald, P. et al.: Animal Nutrition
Grundlagenwerk der Tierernährung. -
Harris, P. A.: Nutritional management and evaluation of the performance horse
Fachliteratur zur Fütterung und Beurteilung von Sportpferden.