Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 10 Teil 5/6 Fütterung im Laufe des Pferdelebens

Das ältere Pferd richtig füttern

Das ältere Pferd: Stoffwechsel, Fütterung & Vorbeugung im Alter

Ein altes Pferd ist kein „kaputtes Jungpferd“. Sein Körper funktioniert schlichtweg anders: Der Stoffwechsel verändert sich, die Verdauung kann weniger effizient werden und die Regeneration dauert häufig länger.

Während die Fütterung in jungen Jahren auf Wachstum und Leistung ausgerichtet ist, geht es im Alter vor allem um eines: den Erhalt der Substanz, der Muskeln und der Lebensfreude.

Wann ist ein Pferd eigentlich „alt“?

Eine starre Altersgrenze gibt es in der Tiermedizin nicht. Wie schnell ein Pferd altert, hängt von verschiedenen Faktoren ab:

  • Rasse & Genetik: Ponys und Robustrassen bleiben oft länger fit als Voll- oder Warmblüter.
  • Lebensleistung: Wie hart musste das Pferd in jungen Jahren arbeiten?
  • Vorgeschichte: Gab es früher Nährstoffmängel oder Magen-Darm-Erkrankungen?
  • Hormone: Liegen unentdeckte Hormonstörungen vor (wie z. B. Cushing / PPID)?

Manche Pferde zeigen schon mit 18 Jahren deutliche Alterserscheinungen, während andere mit über 25 Jahren noch topfit sind.

Was verändert sich im Alter? (Die 3 Hauptbaustellen)

1. Die Verdauung lässt nach

  • Dünndarm: Die Verdauungs- und Aufnahmeleistung kann im Alter abnehmen. Dadurch kann die Versorgung mit bestimmten Nährstoffen schwieriger werden.
  • Dickdarm: Veränderungen der mikrobiellen Fermentation können dazu führen, dass das Pferd Energie aus Raufutter weniger effizient gewinnt.

2. Die Zähne nutzen sich ab

  • Zähne wachsen nicht unendlich nach; ihre Struktur und Funktion verändern sich im Laufe des Lebens.
  • Typische Probleme: Schiefe Zähne, Lücken, fehlende Backenzähne oder die schmerzhafte Zahnerkrankung EOTRH.
  • Die Folge: Das Pferd kann Heu nicht mehr richtig zermahlen, kaut weniger effizient und kann dadurch weniger Speichel produzieren. Das erhöht unter anderem das Risiko für Schlundverstopfungen und Verdauungsprobleme.

3. Der Muskelabbau (Sarkopenie) & Hormone

  • Im Alter bauen Pferde schneller Muskeln ab – besonders an Rücken und Oberlinie.
  • Zudem können sich Stoffwechsel und Insulinregulation verändern. Hormonstörungen wie PPID (Cushing-Syndrom) treten bei älteren Pferden häufiger auf.

Das Eiweiß-Missverständnis beim Senior

Früher hieß es oft: „Alte Pferde dürfen wenig Eiweiß bekommen, das schadet Leber und Nieren.“ Eine pauschale Einschränkung der Eiweißversorgung ist nicht sinnvoll.

Da ältere Pferde bestimmte Nährstoffe teilweise weniger effizient verwerten und der Erhalt von Muskelmasse zunehmend wichtig wird, sollte die Proteinversorgung auf ausreichende Menge und hohe Qualität abgestimmt werden. Besonders wichtig sind essenzielle Aminosäuren wie Lysin, Methionin und Threonin.

  • Ungünstig: Große Mengen minderwertiger Proteinquellen ohne bedarfsgerechte Rationsplanung.
  • Sinnvoll: Hochwertige, gut verdauliche Proteinquellen mit einem passenden Aminosäurenprofil, z. B. aus Sojaprotein.

Heuersatz & Gewichtszunahme

Wenn das Pferd Heu nicht mehr richtig kauen kann und sogenannte „Heuwickel“ ausspuckt, muss die Faserversorgung angepasst werden:

  • Eingeweichte Heucobs / Wiesenflocken: Sichern die Raufutterversorgung und können gleichzeitig zusätzliche Flüssigkeit liefern.
  • Unmelassierte Rübenschnitzel: Liefern gut fermentierbare, faserreiche Kohlenhydrate und können eine sinnvolle Ergänzung darstellen.
  • Pflanzenöle (z. B. Reiskleie- oder Leinöl): Bringen zusätzliche Energie in die Ration, ohne zusätzliche Stärke zu liefern.

Welche Alters-Typen gibt es?

  • Der schwerfuttrige Senior:

    • Erkennungszeichen: Rippen sichtbar, eingefallene Flanken, Muskelabbau, mattes Fell.
    • Mögliche Ursachen: Zahnprobleme, verringerte Futterverwertung, Erkrankungen oder ein erhöhter Nährstoffbedarf.
    • Lösung: Eingeweichte Raufutteralternativen, bedarfsgerechte Aminosäuren und hochwertige Energieträger.
  • Der leichtfuttrige / PPID-Senior:

    • Erkennungszeichen: Fettpolster am Mähnenkamm, Neigung zu Hufrehe und gleichzeitig möglicher Muskelabbau.
    • Mögliche Ursache: PPID und damit verbundene Veränderungen des Stoffwechsels.
    • Lösung: Zucker- und stärkearme Fütterung, bedarfsgerechte Proteinversorgung und eine tierärztlich abgestimmte Behandlung, falls PPID vorliegt.

Bewegung & Ergotherapie im Alter

Ein altes Pferd einfach nur auf die Wiese zu stellen und nicht mehr zu bewegen, kann den altersbedingten Abbau von Muskulatur und Beweglichkeit beschleunigen.

Regelmäßige, angepasste Bewegung (z. B. ruhige Schrittarbeit):

  • Unterstützt die Beweglichkeit und Gelenkfunktion.
  • Regt die Darmbewegung an.
  • Fördert die Durchblutung.
  • Hilft, Muskulatur und Koordination möglichst lange zu erhalten.

Wichtig: Die Belastung muss an Fitness, Gelenkzustand und individuelle Leistungsfähigkeit angepasst werden. Die Erholungsphasen können im Alter länger ausfallen.

Der Blick aus Sicht der Osteopathie

Mit zunehmendem Alter können sich Elastizität, Beweglichkeit und Hydratation des Bindegewebes verändern. Auch Schmerzen oder Beschwerden im Magen-Darm-Bereich können über nervale Verschaltungen zu einer erhöhten Muskelspannung beitragen.

Hier gilt: Behandlungen müssen individuell angepasst werden. Es geht nicht um möglichst kräftige Manipulationen, sondern um eine schonende Behandlung und die Entlastung tatsächlich vorhandener Funktionsstörungen.

Die 4 häufigsten Fütterungsfehler bei Senioren

  1. „Das Pferd nimmt ab – gib ihm mehr Getreide/Müsli!“ - FALSCH

    • Richtig: Zunächst Ursachen wie Zahnprobleme, PPID oder andere Erkrankungen abklären. Anschließend können eingeweichte, faserreiche Futtermittel und geeignete Energieträger eingesetzt werden. Große Mengen stärkereicher Futtermittel sind nicht automatisch die beste Lösung.
  2. „Bloß kein Eiweiß füttern!“ - FALSCH

    • Richtig: Die Proteinversorgung sollte bedarfsgerecht und hochwertig sein. Besonders bei Muskelverlust ist auf eine ausreichende Versorgung mit essenziellen Aminosäuren zu achten.
  3. „Das alte Pferd muss sich nur noch ausruhen.“ - FALSCH

    • Richtig: Angepasste, regelmäßige Bewegung unterstützt Muskelerhalt, Beweglichkeit und Verdauung.
  4. „Einfach nur Kraftfutter geben, wenn Heu nicht mehr gekaut werden kann.“ - FALSCH

    • Richtig: Der Pferdedarm braucht weiterhin ausreichend Faser. Wenn langstieliges Heu nicht mehr ausreichend gekaut werden kann, sollten geeignete Raufutteralternativen wie eingeweichte Heucobs eingesetzt werden.

Fazit

Ein altes Pferd braucht keine Schonhaltung, sondern eine genau angepasste Versorgung. Mit leicht kaufbarem Raufutter, hochwertigen Eiweißbausteinen, den richtigen Energieträgern und ruhiger, regelmäßiger Bewegung kann das Pferd bis ins hohe Alter vital und zufrieden bleiben.

Merke: Ältere Pferde brauchen nicht weniger Aufmerksamkeit – sie verlangen ein genaueres Auge und Verständnis für die Veränderungen in ihrem Körper.

(Im nächsten und letzten Teil der Serie: Die individuelle Fütterungsstrategie – Wie Alter, Rasse, Haltung und Training zu einem passenden Futterplan zusammengefügt werden!)

Fortsetzung Artikel 10 – Teil 6/6

Im nächsten und letzten Teil:

Die individuelle Fütterungsstrategie –

Wie Alter, Rasse, Haltung und Training zusammen betrachtet werden

Themen:

  • ein praktisches Entscheidungssystem
  • Körperzustand beurteilen
  • Fütterungsfehler vermeiden
  • vom allgemeinen Wissen zur individuellen Ration

Quellen

  • National Research Council (NRC). Nutrient Requirements of Horses. National Academies Press.
  • Geor, R.J.; Harris, P.A.; Coenen, M. Equine Applied and Clinical Nutrition. Elsevier.
  • Meyer, H.; Coenen, M. Pferdefütterung. Schaper Verlag.
  • GfE. Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden.
  • McDonald, P. et al. Animal Nutrition.
  • Van der Kolk, J.H.; König, H.E. Arbeiten zur Pferdemedizin und Altersphysiologie.