Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 2 Teil 2/3 Der Verdauungstrakt des Pferdes
Warum ein Pferd kein Müsli braucht – sondern Zeit zum Fressen
Wie das natürliche Fressverhalten des Pferdes über Gesundheit, Verdauung und Wohlbefinden entscheidet.
Der Verdauungstrakt des Pferdes – ein System, das auf Dauerbetrieb ausgelegt ist
Wenn wir über Pferdefütterung sprechen, denken viele Menschen zuerst an Futtermittel.
Heu.
Hafer.
Müsli.
Mineralfutter.
Kräuter.
Doch eigentlich beginnt die entscheidende Frage viel früher:
Was passiert mit dem Futter, nachdem das Pferd es aufgenommen hat?
Denn ein Futtermittel ist nicht automatisch wertvoll, nur weil es viele Nährstoffe enthält.
Es muss zum Verdauungssystem des Pferdes passen.
Und dieses Verdauungssystem ist außergewöhnlich spezialisiert.
Vom Maul bis zum Darm – jeder Abschnitt hat eine Aufgabe
Der Verdauungstrakt eines Pferdes ist kein einfacher "Schlauch", durch den Nahrung hindurchwandert.
Jeder Abschnitt erfüllt eine bestimmte Aufgabe.
Der Weg sieht vereinfacht so aus:
Maul
↓
Speiseröhre
↓
Magen
↓
Dünndarm
↓
Blinddarm
↓
Dickdarm
↓
Ausscheidung
Was dabei besonders interessant ist:
Die verschiedenen Bereiche sind auf unterschiedliche Bestandteile der Nahrung spezialisiert.
Der Dünndarm verarbeitet vor allem leicht verfügbare Nährstoffe.
Der Blinddarm und Dickdarm kümmern sich um die Pflanzenfasern.
Genau diese Aufteilung macht das Pferd zu einem einzigartigen Pflanzenfresser.
Der Magen – klein, aber empfindlich
Der Magen eines Pferdes ist im Verhältnis zum Körper erstaunlich klein.
Bei einem ausgewachsenen Pferd macht er nur etwa 8 bis 10 Prozent des gesamten Verdauungsvolumens aus.
Das ist ein deutlicher Hinweis:
Das Pferd ist kein Tier, das große Futtermengen auf einmal aufnehmen soll.
Sein System ist auf regelmäßigen Nachschub ausgelegt.
Warum produziert ein Pferd ständig Magensäure?
Eine der häufigsten Fragen lautet:
"Warum bekommt ein Pferd überhaupt Magensäure, wenn es nicht frisst?"
Die Antwort ist:
Weil der Magen dauerhaft vorbereitet sein muss.
Ein wild lebendes Pferd würde niemals viele Stunden ohne Nahrung verbringen.
Deshalb arbeitet sein Verdauungssystem kontinuierlich.
Das Problem entsteht erst dann, wenn die natürliche Situation verändert wird.
Wenn ein Pferd lange Zeit nichts frisst, aber weiterhin Magensäure produziert wird, kann das empfindliche Gleichgewicht gestört werden.
Der Unterschied zwischen natürlicher und moderner Fütterung
Vergleichen wir zwei Situationen.
Natürliches Verhalten
Ein Pferd:
- frisst viele kleine Portionen,
- kaut lange,
- produziert viel Speichel,
- bewegt sich während der Futtersuche.
Moderne Haltung
Ein Pferd:
- bekommt wenige große Portionen,
- hat längere Futterpausen,
- bewegt sich möglicherweise weniger,
- nimmt Futter teilweise sehr schnell auf.
Keine dieser Situationen ist automatisch "gut" oder "schlecht".
Aber sie zeigen:
Der Körper des Pferdes wurde für einen anderen Rhythmus entwickelt.
Der Dünndarm – hier entstehen wichtige Bausteine
Nach dem Magen gelangt die Nahrung in den Dünndarm.
Hier werden viele Nährstoffe aufgenommen.
Besonders wichtig sind:
Eiweiß
Eiweiß wird in Aminosäuren zerlegt.
Diese benötigt der Körper unter anderem für:
- Muskeln,
- Sehnen,
- Faszien,
- Enzyme,
- Hormone,
- Reparaturprozesse.
Gerade beim Thema Muskelaufbau wird häufig nur über "mehr Eiweiß" gesprochen.
Doch entscheidend ist nicht nur die Menge.
Entscheidend ist die Qualität.
Der Körper benötigt bestimmte Aminosäuren in ausreichender Menge.
Eine davon ist beispielsweise Lysin.
Fehlt eine limitierende Aminosäure, kann der Körper vorhandenes Eiweiß schlechter nutzen.
Energie
Energie wird benötigt für:
- Bewegung,
- Wärmeproduktion,
- Stoffwechselprozesse,
- Wachstum,
- Regeneration.
Dabei stammt die Energie eines Pferdes nicht ausschließlich aus Stärke oder Zucker.
Ein großer Teil entsteht aus der Verarbeitung von Pflanzenfasern im hinteren Verdauungstrakt.
Warum der Blinddarm das eigentliche Kraftwerk ist
Jetzt kommen wir zu einem der faszinierendsten Bereiche der Pferdeverdauung.
Der Blinddarm.
Für viele Menschen klingt er zunächst unspektakulär.
Tatsächlich ist er aber ein biologisches Wunder.
Im Blinddarm leben unzählige Mikroorganismen.
Bakterien.
Einzeller.
Pilze.
Diese Gemeinschaft wird als Darmmikrobiom bezeichnet.
Und sie übernimmt eine Aufgabe, ohne die das Pferd nicht existieren könnte:
Sie macht Pflanzenfasern nutzbar.
Das Pferd kann Gras nicht alleine verdauen
Das klingt zunächst widersprüchlich.
Ein Pferd frisst Gras.
Aber es kann Gras nicht vollständig selbst verdauen.
Der Grund liegt in der Pflanzenstruktur.
Pflanzen enthalten Zellulose.
Diese ist für viele Tiere schwer oder gar nicht nutzbar.
Die Mikroorganismen im Pferdedarm besitzen jedoch die Fähigkeit, diese Struktur aufzuschließen.
Dabei entstehen flüchtige Fettsäuren.
Diese liefern dem Pferd Energie.
Das bedeutet:
Wenn ein Pferd Heu frisst, ernährt es nicht nur sich selbst.
Es ernährt auch eine riesige Gemeinschaft von Mikroorganismen.
Und diese Mikroorganismen ernähren wiederum das Pferd.
Eine faszinierende Zusammenarbeit zwischen Tier und Mikrowelt.
Warum die Darmflora so empfindlich ist
Das Darmmikrobiom eines Pferdes passt sich immer an das aktuelle Futterangebot an.
Ein Pferd, das hauptsächlich Heu frisst, besitzt eine andere mikrobielle Zusammensetzung als ein Pferd, das plötzlich große Mengen frisches Gras erhält.
Das ist grundsätzlich kein Problem.
Denn Anpassung ist normal.
Problematisch wird es, wenn Veränderungen zu schnell erfolgen.
Dann können bestimmte Mikroorganismen zurückgedrängt werden, während andere sich stark vermehren.
Das Gleichgewicht verändert sich.
Deshalb gilt:
Ein Futterwechsel ist nicht nur eine Veränderung für das Pferd.
Er ist eine Veränderung für ein ganzes Ökosystem.
Warum Weidewechsel und Heuwechsel langsam erfolgen sollten
Ein typisches Beispiel:
Der Frühling kommt.
Das Pferd steht mehrere Stunden auf der Weide.
Für den Menschen sieht es aus wie:
"Es frisst nur etwas Gras."
Für den Darm bedeutet es:
- andere Zuckeranteile,
- andere Eiweißmengen,
- andere Faserstruktur,
- andere Nährstoffzusammensetzung.
Die Darmflora benötigt Zeit, um sich anzupassen.
Deshalb sollte ein Weideanweiden immer schrittweise erfolgen.
Nicht aus Vorsicht.
Sondern aus biologischem Verständnis.
Bewegung und Verdauung – zwei Systeme, die zusammengehören
Ein weiterer wichtiger Punkt:
Das Pferd wurde nicht nur als Fresser entwickelt.
Es wurde als wandernder Fresser entwickelt.
Bewegung unterstützt:
- Darmmotorik,
- Kreislauf,
- Stoffwechsel,
- Muskelstoffwechsel,
- allgemeine Gesundheit.
Deshalb ist Haltung ein Teil der Fütterung.
Ein Pferd, das zwar perfektes Heu bekommt, aber den Großteil des Tages unbewegt steht, lebt trotzdem nicht vollständig nach seinen biologischen Bedürfnissen.
Aus osteopathischer Sicht
Der Körper ist ein Netzwerk.
Eine Veränderung an einer Stelle kann Auswirkungen auf andere Bereiche haben.
Ein Darm, der nicht optimal arbeitet, kann den gesamten Organismus beeinflussen.
Ebenso beeinflusst der Allgemeinzustand des Pferdes die Verdauung.
Stress, Schmerzen und Bewegungseinschränkungen wirken sich auf Stoffwechsel und Wohlbefinden aus.
Deshalb betrachten wir in der Osteopathie nicht nur ein einzelnes Gelenk oder eine einzelne Muskelgruppe.
Wir betrachten den gesamten Organismus.
Und dazu gehört auch das Verdauungssystem.
Zwischenfazit
Wir können inzwischen einige wichtige Grundsätze festhalten:
Ein Pferd braucht nicht möglichst viele verschiedene Futtermittel.
Es braucht vor allem:
- eine faserreiche Grundlage,
- ausreichend Kauzeit,
- eine stabile Darmflora,
- regelmäßige Bewegung,
- eine Fütterung, die zu seinem individuellen Bedarf passt.
Fortsetzung in Artikel 2 – Teil 3/3
Im letzten Teil dieses Artikels geht es um:
- Warum Kraftfutter nicht grundsätzlich schlecht ist, aber häufig falsch eingesetzt wird
- Warum "mehr Energie" nicht automatisch "mehr Leistung" bedeutet
- Wie Stress, Haltung und Fütterung zusammenhängen
- Und was eine wirklich pferdegerechte Fütterung ausmacht
Quellen
- National Research Council (NRC). Nutrient Requirements of Horses. National Academies Press, 2007.
- Meyer, H.; Coenen, M. Pferdefütterung. Schaper Verlag.
- Geor, R.J.; Harris, P.A.; Coenen, M. Equine Applied and Clinical Nutrition. Elsevier.
- Julliand, V.; Grimm, P. Veröffentlichungen zur equinen Darmmikrobiologie.
- Sykes, B.W.; Hewetson, M. Veröffentlichungen zu Equine Gastric Ulcer Syndrome.