Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 2 Teil 1/3 Der Verdauungstrakt des Pferdes

Warum ein Pferd kein Müsli braucht – sondern Zeit zum Fressen

Wie das natürliche Fressverhalten des Pferdes über Gesundheit, Verdauung und Wohlbefinden entscheidet.

"Mein Pferd bekommt doch alles, was es braucht."

Dieser Satz fällt sehr häufig. Und meistens steckt dahinter eine gute Absicht. Das Pferd bekommt Heu. Es bekommt vielleicht ein Mineralfutter. Es bekommt je nach Bedarf Kraftfutter. Der Besitzer achtet auf Qualität und möchte nichts falsch machen.

Doch bei der Pferdefütterung gibt es eine Frage, die oft viel zu wenig Beachtung findet:

Nicht nur was ein Pferd frisst, entscheidet über seine Gesundheit.

Auch wie ein Pferd frisst, spielt eine entscheidende Rolle.

Denn ein Pferd ist kein Tier, das für wenige große Mahlzeiten geschaffen wurde. Es ist ein Tier, das einen großen Teil seines Tages mit der Suche und Aufnahme kleiner Futtermengen verbringt.

Fressen ist für das Pferd nicht nur Nahrungsaufnahme.
Fressen ist Verhalten.
Fressen ist Beschäftigung.
Fressen ist Verdauung.
Fressen ist ein Teil seiner Biologie.

Ein Pferdetag beginnt nicht mit Frühstück

Wenn wir Menschen morgens aufstehen, denken wir häufig in Mahlzeiten:

Frühstück.
Mittagessen.
Abendessen.

Unser Alltag ist von festen Zeiten geprägt. Beim Pferd funktioniert dieses System anders.

Ein Pferd fragt nicht:

"Um wie viel Uhr gibt es Futter?" Sein Körper ist darauf eingestellt: "Wo finde ich die nächste kleine Portion Nahrung?" Diese Suche nach Futter hat das Pferd über Millionen Jahre begleitet. Ein Wildpferd steht morgens nicht auf und bekommt eine große Portion konzentriertes Futter.

Es beginnt den Tag mit Bewegung.
Es wandert.
Es sucht.
Es frisst.
Es pausiert.
Es frisst wieder.

Dieser Rhythmus ist tief im Organismus verankert.

Warum Pferde so viel Zeit mit Fressen verbringen

Vielleicht wirkt es auf den ersten Blick verschwenderisch. Warum sollte ein Tier so viele Stunden am Tag mit Fressen verbringen?

Die Antwort liegt in der Nahrung selbst. Gräser und Kräuter enthalten relativ wenig Energie pro Bissen. Ein Pferd kann also nicht einfach eine kleine Menge aufnehmen und davon den ganzen Tag leben. Es benötigt viele kleine Mahlzeiten. Dabei geht es nicht nur darum, genug Energie aufzunehmen. Der gesamte Verdauungstrakt ist darauf abgestimmt.

Ein Vergleich aus unserem Alltag

Stell dir vor, ein Mensch müsste seinen gesamten Tagesbedarf innerhalb von zehn Minuten aufnehmen. Danach dürfte er zwölf Stunden nichts mehr essen. Vermutlich würde sich das nicht besonders angenehm anfühlen.

Beim Pferd passiert etwas Ähnliches, wenn lange Fresspausen entstehen. Der Körper erwartet einen kontinuierlichen Nachschub. Nicht aus Gewohnheit. Sondern aus biologischer Notwendigkeit.

Kauen ist mehr als Futterzerkleinerung

Ein Pferd kaut nicht einfach, weil das Futter klein werden muss. Kauen ist ein zentraler Teil der Verdauung.

Während des Kauens passieren mehrere wichtige Dinge gleichzeitig:

  • Das Futter wird mechanisch zerkleinert.
  • Es wird mit Speichel vermischt.
  • Die Verdauung wird vorbereitet.
  • Der Magen erhält Schutz.

Ein erwachsenes Pferd kann täglich mehrere zehntausend Kaubewegungen durchführen. Dabei produziert es große Mengen Speichel. Und genau dieser Speichel ist ein entscheidender Bestandteil der natürlichen Verdauung.

Speichel – der unterschätzte Schutz des Magens

Viele Menschen denken beim Pferdemagen zuerst an Futter. Doch ein wichtiger Schutzfaktor ist etwas anderes: Speichel.

Pferde produzieren Speichel fast ausschließlich beim Kauen. Dieser enthält unter anderem Bicarbonat. Bicarbonat hilft dabei, Säuren abzupuffern.
Der Ablauf ist faszinierend:

Pferd frisst Pflanzenfasern.

Pferd kaut lange.

Speichel entsteht.

Speichel gelangt in den Magen.

Der Magen erhält Unterstützung beim Umgang mit Säure.

Wenn ein Pferd dagegen große Mengen Futter sehr schnell aufnimmt, entsteht deutlich weniger Kauzeit.

Weniger Kauzeit bedeutet: weniger Speichel.

Und weniger Speichel bedeutet: weniger natürliche Unterstützung für den Magen.

Häufiger Irrtum

"Das Pferd hat genug Futter bekommen, also ist alles in Ordnung."

Die Menge allein entscheidet nicht.

Ein Pferd braucht auch ausreichend Zeit, dieses Futter aufzunehmen.

Warum Heunetze und Fressmanagement eine Rolle spielen

In der modernen Pferdehaltung stehen wir vor einer besonderen Herausforderung.

Wir möchten Pferde möglichst artgerecht versorgen. Gleichzeitig leben viele Pferde auf begrenztem Raum. Wir können ihnen keine kilometerweiten Suchflächen bieten. Deshalb versuchen viele Haltungsformen, das natürliche Fressverhalten nachzuahmen.

Zum Beispiel durch:

  • engmaschige Heunetze,
  • Futterautomaten,
  • mehrere kleine Heurationen,
  • Bewegungsställe,
  • Paddock-Trail-Systeme.

Der Gedanke dahinter:

Nicht nur die Futtermenge zählt.

Auch die Beschäftigung mit dem Futter.

Fresszeit ist Lebensqualität

Für Menschen ist Essen oft eine kurze Unterbrechung des Tages. Für Pferde ist es ein großer Bestandteil ihres Tagesablaufs.

Ein Pferd, das ausreichend Zeit zum Fressen hat, zeigt häufig:

  • mehr Ruhe,
  • weniger Langeweile,
  • weniger unerwünschte Verhaltensweisen,
  • einen natürlicheren Tagesrhythmus.

Natürlich ist Fütterung nicht die einzige Ursache für Verhaltensprobleme.

Aber die Bedeutung von Beschäftigung und natürlichem Verhalten wird häufig unterschätzt.

Aus osteopathischer Sicht

Der Körper funktioniert nicht getrennt. Ein Pferd, das sich wohlfühlt, gut verdaut und ausreichend versorgt ist, besitzt bessere Voraussetzungen für körperliche Anpassung.

Bei osteopathischen Betrachtungen sehen wir häufig: Der Bewegungsapparat erzählt eine Geschichte.

Verspannungen.
Veränderungen im Bewegungsmuster.
Schwierigkeiten beim Muskelaufbau.

Diese Dinge entstehen selten aus nur einer Ursache.

Aber Ernährung, Haltung und Verdauung gehören zu den Grundlagen, auf denen Gesundheit aufbaut.


Fortsetzung in Artikel 2 – Teil 2/3

Im nächsten Teil:

  • Warum der Magen des Pferdes keine langen Pausen kennt
  • Warum Magensäure ein dauerhaftes Thema ist
  • Warum der Blinddarm das eigentliche Energiezentrum ist
  • Warum die Darmflora entscheidet, ob Futter wirklich genutzt werden kann
  • Und warum Futterwechsel langsam erfolgen müssen

Quellen

  • National Research Council (NRC). Nutrient Requirements of Horses. National Academies Press, 2007.
  • Meyer, H.; Coenen, M. Pferdefütterung. Schaper Verlag.
  • Geor, R.J.; Harris, P.A.; Coenen, M. Equine Applied and Clinical Nutrition. Elsevier.
  • McGreevy, P.D. Equine Behavior – A Guide for Veterinarians and Equine Scientists.
  • Sykes, B.W.; Hewetson, M. Veröffentlichungen zu Equine Gastric Ulcer Syndrome (EGUS).