Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 3 Teil 1/3 Der Stoffwechsel des Pferdes
Warum Heu viel mehr ist als getrocknetes Gras
Das wichtigste Futtermittel des Pferdes beginnt als lebendige Pflanze
Wenn Pferdebesitzer über Heu sprechen, klingt es oft nach etwas ganz Selbstverständlichem.
"Mein Pferd bekommt Heu."
Dieser Satz fällt im Stall täglich.
Und genau deshalb wird kaum noch hinterfragt, was Heu eigentlich bedeutet.
Heu wirkt auf den ersten Blick unspektakulär.
Getrocknetes Gras.
Mehr nicht.
Doch diese Betrachtung wird der Bedeutung von Heu nicht gerecht.
Denn Heu ist nicht einfach eine trockene Version einer Pflanze.
Heu ist das Ergebnis eines komplexen biologischen Prozesses.
Es ist gespeicherte Sonnenenergie.
Es ist konservierte Pflanzenentwicklung.
Es ist die Grundlage, auf der der Stoffwechsel des Pferdes aufbaut.
Und genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Die Reise des Pferdefutters beginnt nicht im Stall
Wenn wir über Pferdefütterung sprechen, beginnen wir häufig am falschen Ende.
Wir schauen auf:
- Futtersäcke,
- Zusatzprodukte,
- Mineralfutter,
- Kräuter,
- Öle.
Doch bevor irgendein Futtermittel produziert werden kann, gibt es einen Ausgangspunkt:
Eine Pflanze.
Ein Grashalm.
Eine Wiese.
Die gesamte Geschichte der Pferdefütterung beginnt also nicht im Lagerraum des Reitstalls.
Sie beginnt draußen auf der Fläche.
Unter der Sonne.
Im Boden.
Mit einer Pflanze, die wächst.
Gras ist kein passives Futtermittel
Eine Wiese sieht für uns häufig einfach grün aus.
Doch biologisch betrachtet ist sie ein hochkomplexes System.
Jede Pflanze verfolgt ein Ziel:
Sie möchte wachsen.
Sie möchte Energie speichern.
Sie möchte sich vermehren.
Sie reagiert ständig auf ihre Umwelt:
- Licht,
- Temperatur,
- Wasser,
- Boden,
- Jahreszeit,
- Fraßdruck.
Ein Grashalm ist also kein unbelebtes Futtermittel.
Er ist ein lebender Organismus.
Und genau diese Lebensprozesse bestimmen später, welche Nährstoffe im Heu enthalten sind.
Wie aus Gras Heu wird
Der Weg vom Grashalm zum Heu klingt zunächst einfach:
Gras wächst.
Gras wird gemäht.
Gras trocknet.
Gras wird gepresst.
Doch jeder einzelne Schritt beeinflusst die spätere Qualität.
Der Landwirt muss den richtigen Zeitpunkt wählen.
Denn die Pflanze verändert sich ständig.
Ein sehr junges Gras ist anders zusammengesetzt als ein bereits älteres Gras.
Die Pflanze verändert:
- ihren Zuckergehalt,
- ihren Eiweißgehalt,
- ihre Faserstruktur,
- ihren Mineralstoffgehalt.
Der Schnittzeitpunkt entscheidet also mit darüber, was später im Heu steckt.
Junges Gras – nährstoffreich, aber nicht automatisch ideal
Viele Menschen verbinden junges, saftiges Gras automatisch mit "gesund".
Und tatsächlich enthält junges Gras häufig:
- mehr Eiweiß,
- mehr leicht verfügbare Energie,
- weniger Strukturfasern.
Für bestimmte Pferde kann das sehr wertvoll sein.
Zum Beispiel:
- wachsende Pferde,
- tragende Stuten,
- leistungsstarke Sportpferde.
Doch für andere Pferde kann genau diese hohe Nährstoffdichte problematisch sein.
Zum Beispiel bei:
- leichtfuttrigen Pferden,
- Pferden mit Stoffwechselproblemen,
- Pferden mit geringerem Energiebedarf.
Das zeigt einen wichtigen Grundsatz:
Ein nährstoffreiches Futter ist nicht automatisch für jedes Pferd das richtige Futter.
Reiferes Gras – mehr Struktur, weniger Energie
Während eine Pflanze wächst, verändert sie sich.
Sie bildet mehr Struktur.
Die Zellwände werden stabiler.
Der Anteil an schwerer verdaulichen Fasern nimmt zu.
Dadurch sinkt häufig die Konzentration leicht verfügbarer Nährstoffe.
Gleichzeitig steigt jedoch die Bedeutung als Raufutter.
Für viele erwachsene Freizeitpferde kann ein strukturreicheres Heu deshalb sehr gut geeignet sein.
Es ermöglicht:
- lange Fresszeiten,
- ausreichende Beschäftigung,
- stabile Verdauung.
Die Kunst der Heuernte
Ein hochwertiges Heu entsteht nicht zufällig.
Es ist ein Zusammenspiel aus:
- Pflanzenbestand,
- Wetter,
- Boden,
- Schnittzeitpunkt,
- Trocknung,
- Lagerung.
Man könnte sagen:
Der Landwirt entscheidet nicht nur, wann er mäht.
Er entscheidet zu einem großen Teil darüber, welche Nahrung das Pferd später erhält.
Warum die Farbe allein nichts beweist
Ein weit verbreiteter Irrtum:
"Je grüner das Heu, desto besser."
Eine schöne grüne Farbe kann zwar ein Hinweis auf eine schonende Trocknung sein.
Sie sagt aber allein nicht alles.
Ein gutes Heu muss mehrere Eigenschaften besitzen.
Zum Beispiel:
- angenehmer frischer Geruch,
- keine Schimmelbildung,
- geringe Staubbelastung,
- passende Struktur,
- gute Lagerung.
Auch ein sehr grünes Heu kann ungeeignet sein, wenn es beispielsweise zu energiereich für das Pferd ist.
Heu ist ein Kompromiss zwischen Pflanze und Pferd
Eine interessante Tatsache:
Das optimale Heu für die Pflanze wäre nicht unbedingt das optimale Heu für jedes Pferd.
Die Pflanze möchte wachsen und Samen bilden.
Das Pferd benötigt eine Nahrung, die zu seinem individuellen Bedarf passt.
Deshalb gibt es nicht "das perfekte Heu".
Es gibt nur:
das passende Heu für dieses Pferd in dieser Situation.
Was steckt eigentlich im Heu?
Heu liefert viele verschiedene Bestandteile.
Die wichtigsten Gruppen sind:
Rohfaser
Sie bildet die Grundlage der Verdauung.
Sie versorgt die Darmflora mit Nahrung und unterstützt die normale Darmfunktion.
Eiweiß
Eiweiß liefert Aminosäuren.
Diese benötigt der Körper für:
- Muskeln,
- Enzyme,
- Hormone,
- Gewebeerneuerung.
Energie
Ein Teil der Energie stammt aus den Pflanzenfasern, die im Dickdarm durch Mikroorganismen verarbeitet werden.
Mineralstoffe
Zum Beispiel:
- Calcium,
- Phosphor,
- Magnesium,
- Kalium.
Die Mengen unterscheiden sich jedoch stark abhängig von Standort und Erntezeitpunkt.
Ein wichtiger Gedanke für Pferdebesitzer
Wenn ein Pferd täglich mehrere Kilogramm Heu frisst, ist leicht nachvollziehbar:
Kleine Unterschiede im Heu summieren sich.
Ein Unterschied von wenigen Prozent bei einem Nährstoff kann über Monate einen relevanten Einfluss haben.
Deshalb lohnt sich der Blick auf das Grundfutter.
Nicht erst dann, wenn Probleme auftreten.
Aus osteopathischer Sicht
Der Bewegungsapparat benötigt ständig neue Bausteine.
Muskeln werden aufgebaut und abgebaut.
Faszien verändern sich.
Sehnen passen sich an Belastungen an.
Damit diese Prozesse funktionieren können, benötigt der Körper Energie und Nährstoffe.
Und ein großer Teil davon kommt aus der täglichen Grundversorgung.
Deshalb beginnt die Unterstützung von Bewegung und Regeneration nicht erst beim Training.
Sie beginnt mit dem, was der Körper jeden Tag erhält.
Zwischenfazit
Heu ist nicht einfach getrocknetes Gras.
Es ist:
- gespeicherte Pflanzenenergie,
- Grundlage der Verdauung,
- Beschäftigung,
- Nährstoffquelle,
- Lebensgrundlage der Darmflora.
Und genau deshalb verdient es deutlich mehr Aufmerksamkeit, als es im Alltag häufig bekommt.
Fortsetzung in Artikel 3 – Teil 2/3
Im nächsten Teil:
- Welche Nährstoffe tatsächlich im Heu enthalten sind
- Warum Heu aus verschiedenen Regionen Deutschlands unterschiedlich sein kann
- Warum erster und zweiter Schnitt nicht automatisch besser oder schlechter sind
- Warum Wetter und Boden die Qualität beeinflussen
Quellen
- Meyer, H.; Coenen, M. Pferdefütterung. Schaper Verlag.
- National Research Council (NRC). Nutrient Requirements of Horses. National Academies Press, 2007.
- Geor, R.J.; Harris, P.A.; Coenen, M. Equine Applied and Clinical Nutrition. Elsevier.
- GfE. Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden.
- Collins, M.; Fritz, J. Veröffentlichungen zu Graswachstum und Heuqualität.