Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 3 Teil 2/3 Der Stoffwechsel des Pferdes

Was steckt eigentlich im Heu?

Warum zwei Heuballen völlig unterschiedlich sein können

Auf den ersten Blick sieht Heu oft gleich aus.
Ein Ballen liegt neben dem anderen.
Beide riechen nach Gras.
Beide stammen vielleicht sogar vom gleichen Hof.
Und trotzdem können sie für das Pferd völlig unterschiedliche Futtermittel sein.

Warum?

Weil Heu kein standardisiertes Industrieprodukt ist.
Es ist ein Naturprodukt.
Und Naturprodukte verändern sich.

Jedes Jahr.

Jede Fläche.

Jede Ernte.

Die wichtigsten Bestandteile von Heu

Um zu verstehen, warum Heu so unterschiedlich sein kann, müssen wir uns anschauen, woraus es besteht.
Vereinfacht kann man Heu in folgende Hauptbestandteile einteilen:

  • Wasser
  • Kohlenhydrate
  • Rohfaser
  • Eiweiß
  • Fett
  • Mineralstoffe
  • Vitamine
  • sekundäre Pflanzenstoffe

Diese Bestandteile stehen nicht unabhängig voneinander.
Wenn sich einer verändert, verändert sich häufig das gesamte Futterprofil.

Rohfaser – die Grundlage der Pferdeernährung

Der wichtigste Bestandteil von Heu ist die Rohfaser.
Sie ist der Grund, warum Heu für Pferde so bedeutend ist.
Pferde besitzen keine Enzyme, mit denen sie pflanzliche Zellwände vollständig abbauen können.
Deshalb benötigen sie ihre Darmmikroorganismen.
Diese Mikroorganismen verwerten die Faserbestandteile und produzieren daraus Energie.

Was bedeutet Rohfaser eigentlich?

Der Begriff Rohfaser beschreibt vereinfacht gesagt Bestandteile der Pflanzenstruktur.
Dazu gehören unter anderem:

  • Zellulose,
  • Teile der Hemizellulose,
  • Lignin.

Dabei gilt:
Je reifer eine Pflanze wird, desto stärker verändert sich ihre Struktur.
Die Pflanze wird stabiler.
Sie bildet mehr Gerüstsubstanz.

Nicht jede Faser ist gleich wertvoll

Ein wichtiger Punkt:
Mehr Rohfaser bedeutet nicht automatisch besser.
Die Qualität der Faser entscheidet.
Eine sehr alte, stark verholzte Pflanze enthält zwar viel Struktur.
Doch ein hoher Ligninanteil kann die Verdaulichkeit reduzieren.
Ein optimales Heu enthält deshalb eine gute Balance:

  • ausreichend Struktur für die Verdauung,
  • ausreichend Verdaulichkeit für die Energieversorgung.

Eiweiß im Heu – wichtig für Muskeln und Gewebe

Eiweiß wird in der Pferdefütterung häufig missverstanden.
Viele Menschen verbinden Eiweiß ausschließlich mit Muskelaufbau.
Doch Eiweiß erfüllt viele Aufgaben.
Der Körper benötigt Aminosäuren für:

  • Muskulatur,
  • Sehnen,
  • Bänder,
  • Haut,
  • Fell,
  • Enzyme,
  • Hormone,
  • Immunsystem.

Der Eiweißgehalt von Heu schwankt stark

Der Proteingehalt hängt unter anderem ab von:

  • Pflanzenbestand,
  • Schnittzeitpunkt,
  • Düngung,
  • Boden,
  • Witterung.

Jung geschnittenes Gras enthält meist mehr Eiweiß.
Später geschnittenes Gras enthält häufig weniger.
Das bedeutet jedoch nicht:

"Mehr Eiweiß ist immer besser."

Auch hier entscheidet der Bedarf.

Energie im Heu – nicht jeder Heuballen macht gleich dick

Ein häufiger Irrtum lautet:
"Heu ist immer nur Raufutter und macht nicht dick."
Das stimmt nicht.
Heu kann sehr unterschiedliche Energiegehalte besitzen.
Ein junges, früh geschnittenes Heu kann deutlich energiereicher sein als ein spät geerntetes, strukturreiches Heu.
Gerade bei leichtfuttrigen Pferden spielt diese Tatsache eine große Rolle.

Warum Pferde heute häufig zu viel Energie bekommen

Viele Pferde leben heute unter Bedingungen, die sich stark von ihrer ursprünglichen Umwelt unterscheiden.
Die Natur hat Pferde darauf vorbereitet:

  • große Flächen,
  • wechselnde Futterqualität,
  • viel Bewegung.

Unsere moderne Haltung bietet dagegen häufig:

  • hochwertige Wiesen,
  • energiereiches Heu,
  • wenig Suchbewegung.

Das Ergebnis:

Ein Pferd kann mehr Energie aufnehmen, als es tatsächlich verbraucht.

Zucker im Heu – ein oft unterschätztes Thema

Pflanzen produzieren Zucker durch Photosynthese.
Diese Zucker dienen der Pflanze als Energiequelle.
Wie viel Zucker eine Pflanze enthält, hängt von vielen Faktoren ab:

  • Tageszeit,
  • Temperatur,
  • Sonneneinstrahlung,
  • Wachstumsphase,
  • Stress durch Trockenheit.

Deshalb kann auch Heu unterschiedliche Zuckergehalte besitzen.

Warum Zucker nicht grundsätzlich schlecht ist

Zucker ist ein natürlicher Bestandteil von Pflanzen.
Pferde haben sich über Jahrtausende mit pflanzlichen Kohlenhydraten entwickelt.
Das Problem ist nicht Zucker an sich.
Das Problem entsteht, wenn Aufnahme und Bedarf nicht zusammenpassen.
Ein gesundes, aktives Pferd kann mit anderen Mengen umgehen als ein Pferd mit Stoffwechselproblemen.

Mineralstoffe im Heu – warum Herkunft entscheidend ist

Pflanzen können nur aufnehmen, was im Boden vorhanden ist.
Deshalb beeinflussen Boden und Standort maßgeblich die Mineralstoffzusammensetzung.

Beispiele:

Calcium

Wichtig für:

  • Knochen,
  • Muskelkontraktion,
  • Nervensystem.

Phosphor

Wichtig für:

  • Energiehaushalt,
  • Knochenstoffwechsel.

Magnesium

Wichtig für:

  • Muskel- und Nervenfunktion.

Kalium

Wichtig für:

  • Flüssigkeitshaushalt,
  • Zellfunktion.

Warum deutsches Heu nicht überall gleich ist

Deutschland besitzt sehr unterschiedliche Regionen.
Eine Wiese in:

  • Bayern,
  • Schleswig-Holstein,
  • Brandenburg,
  • Rheinland-Pfalz

kann völlig unterschiedliche Bedingungen besitzen.
Unterschiede entstehen durch:

  • Bodenart,
  • Niederschlagsmenge,
  • Temperatur,
  • Pflanzenbestand,
  • Bewirtschaftung.

Beispiel: Bergwiesen

Bergwiesen besitzen häufig eine große Pflanzenvielfalt.
Sie enthalten oft viele verschiedene Gräser und Kräuter.
Die Nährstoffzusammensetzung kann dadurch vielfältig sein.

Beispiel: Intensiv genutzte Wiesen

Stark gedüngte Wiesen mit wenigen Hochleistungsgräsern können höhere Energie- und Eiweißgehalte erreichen.
Das kann für bestimmte Pferde sinnvoll sein.
Für andere jedoch weniger.

Der erste Schnitt und zweite Schnitt – was bedeutet das?

Viele Pferdebesitzer sprechen von:
"Erster Schnitt ist besser."

Oder:

"Zweiter Schnitt ist weicher und wertvoller."

Beide Aussagen sind zu einfach.
Denn die Qualität hängt nicht nur vom Schnitt ab.
Entscheidend sind:

  • Zeitpunkt der Ernte,
  • Pflanzenbestand,
  • Wetter,
  • Trocknung,
  • Lagerung.

Erster Schnitt

Typischerweise:

  • mehr Struktur,
  • oft höhere Faseranteile,
  • häufig längere Halme.

Kann besonders passend sein für:

  • viele Freizeitpferde,
  • leichtfuttrige Pferde,
  • Pferde mit hohem Beschäftigungsbedarf.

Zweiter Schnitt

Typischerweise:

  • feinere Struktur,
  • häufig höhere Verdaulichkeit,
  • teilweise energiereicher.

Kann passend sein für:

  • schwerfuttrige Pferde,
  • ältere Pferde,
  • Pferde mit erhöhtem Bedarf.

Aber:
Ein zweiter Schnitt ist nicht automatisch besser.

Warum eine Heuanalyse sinnvoll sein kann

Viele Pferdebesitzer investieren viel Geld in Zusatzfutter.
Dabei kennen sie manchmal den wichtigsten Bestandteil der Ration nicht:

das Heu.

Eine Heuanalyse kann Informationen liefern über:

  • Energiegehalt,
  • Rohprotein,
  • Mineralstoffe,
  • Zuckerwerte.

Gerade wenn Probleme bestehen wie:

  • Gewichtsveränderungen,
  • Muskelprobleme,
  • Stoffwechselauffälligkeiten,
  • schlechte Futterverwertung,

kann eine Analyse sehr hilfreich sein.

Aus osteopathischer Sicht

Der Körper arbeitet immer mit dem Material, das ihm zur Verfügung steht.
Ein Muskel kann nicht aus "mehr Training" allein entstehen.

Er benötigt:

  • Energie,
  • Aminosäuren,
  • Mineralstoffe,
  • Regeneration.

Die Grundlage dieser Versorgung beginnt häufig mit der täglichen Raufutterration.
Deshalb gehört eine gute Futterqualität auch zur ganzheitlichen Betrachtung eines Pferdes.

Zwischenfazit

Heu ist ein Naturprodukt mit großer Variabilität.

Es gibt nicht:
"das beste Heu".

Es gibt:

  • passendes Heu,
  • unpassendes Heu,
  • Heu für bestimmte Pferde und Situationen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
"Welches Heu ist allgemein am besten?"

Sondern:

"Passt dieses Heu zu diesem Pferd?"

Fortsetzung in Artikel 3 – Teil 3/3

Im letzten Teil dieses Artikels:

  • Warum Heuqualität nicht nur vom Nährstoffgehalt abhängt
  • Wie Lagerung und Hygiene die Gesundheit beeinflussen
  • Was gutes Heu von problematischem Heu unterscheidet
  • Warum Heu die Basis für Muskelaufbau und Regeneration bildet
  • Zusammenfassung und praktische Orientierung für Pferdebesitzer

Quellen

  • National Research Council (NRC). Nutrient Requirements of Horses. National Academies Press, 2007.
  • Meyer, H.; Coenen, M. Pferdefütterung. Schaper Verlag.
  • GfE. Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden.
  • Geor, R.J.; Harris, P.A.; Coenen, M. Equine Applied and Clinical Nutrition. Elsevier.
  • Collins, M.; Fritz, J. Veröffentlichungen zu Futterqualität, Graswachstum und Heuproduktion.