Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 4 Teil 1/4 Fütterung verstehen
Gras ist nicht gleich Gras
Warum Weide, Jahreszeit und Wetter die Pferdefütterung verändern
Für viele Pferde ist die Weidesaison der schönste Teil des Jahres.
Die ersten warmen Tage kommen.
Das Gras wächst.
Die Pferde stehen wieder auf der Koppel.
Für viele Besitzer bedeutet das:
"Jetzt bekommt mein Pferd endlich wieder natürliches Futter."
Und grundsätzlich stimmt das auch.
Frisches Gras ist ein ursprüngliches Pferdefutter.
Es enthält:
- Wasser,
- Eiweiß,
- Energie,
- Mineralstoffe,
- Vitamine,
- sekundäre Pflanzenstoffe.
Doch genau hier beginnt ein wichtiger Punkt:
Frisches Gras ist nicht automatisch immer gleich.
Eine Wiese ist kein Futtersack mit immer identischer Zusammensetzung.
Sie ist ein lebendiges Ökosystem.
Und dieses Ökosystem verändert sich ständig.
Die Vorstellung vom "Gras" ist zu einfach
Wenn wir Menschen über Gras sprechen, denken wir oft an eine einheitliche Pflanze.
Doch eine Wiese besteht aus vielen verschiedenen Arten.
Zum Beispiel:
Gräser
- Deutsches Weidelgras
- Wiesenrispe
- Lieschgras
- Knaulgras
- Rotschwingel
- Wiesenfuchsschwanz
Kräuter
- Löwenzahn
- Spitzwegerich
- Schafgarbe
- Kleearten
- Wegwarte
Leguminosen
- Weißklee
- Rotklee
Jede dieser Pflanzen besitzt eine andere Zusammensetzung.
Sie enthält unterschiedliche Mengen an:
- Zucker,
- Eiweiß,
- Mineralstoffen,
- Strukturfasern,
- sekundären Pflanzenstoffen.
Eine Wiese ist deshalb nicht einfach "Gras".
Sie ist eine Mischung vieler Pflanzen mit unterschiedlichen Eigenschaften.
Warum Pflanzen überhaupt unterschiedlich zusammengesetzt sind
Eine Pflanze produziert nicht zufällig bestimmte Inhaltsstoffe.
Sie reagiert auf ihre Umwelt.
Sie muss entscheiden:
Wachsen?
Energie speichern?
Blüten bilden?
Überleben?
Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle.
Faktor 1: Entwicklungsstadium der Pflanze
Eine der wichtigsten Veränderungen entsteht durch das Alter der Pflanze.
Junge Pflanze
Eine junge Pflanze möchte wachsen.
Sie bildet:
- viele Blätter,
- viel Zellinhalt,
- leicht verfügbare Nährstoffe.
Typischerweise:
- höherer Eiweißgehalt,
- höhere Verdaulichkeit,
- mehr Zucker,
- weniger Struktur.
Ältere Pflanze
Eine ältere Pflanze bildet zunehmend:
- Stängel,
- stabile Zellstrukturen,
- Samenstände.
Typischerweise:
- mehr Struktur,
- mehr Faser,
- geringere Energiedichte,
- geringere Eiweißkonzentration.
Das erklärt, warum der Erntezeitpunkt für Heu so entscheidend ist.
Aber auch auf der Weide verändert sich das Futter täglich.
Faktor 2: Tageszeit
Viele Pferdebesitzer wissen inzwischen:
Gras kann unterschiedliche Zuckergehalte besitzen.
Ein wichtiger Grund dafür ist die Photosynthese.
Tagsüber nutzt die Pflanze Sonnenlicht.
Sie produziert Zucker.
Nachts verbraucht sie einen Teil dieser Reserven wieder für ihren eigenen Stoffwechsel.
Daraus entsteht ein natürlicher Tagesrhythmus.
Typischer Verlauf
Morgens
Nach einer Nacht können die Zuckerreserven niedriger sein.
Tagsüber
Durch Sonne steigt die Zuckerproduktion.
Abends
Kann der Zuckergehalt höher sein.
Dieser Rhythmus wird beeinflusst durch:
- Temperatur,
- Sonneneinstrahlung,
- Wachstumsphase,
- Wasserangebot.
Faktor 3: Wetter
Das Wetter beeinflusst eine Wiese massiv.
Eine Pflanze lebt nicht unabhängig von ihrer Umgebung.
Sonnige Tage
Viel Licht bedeutet:
mehr Photosynthese.
Die Pflanze produziert mehr Zucker.
Kühle Nächte
Wenn die Temperatur niedrig ist, wächst die Pflanze weniger stark.
Sie verbraucht weniger Zucker.
Dadurch können Zuckerwerte höher bleiben.
Trockenheit
Bei Trockenstress verändert die Pflanze ihren Stoffwechsel.
Sie kann Zucker einlagern, um Energiereserven zu besitzen.
Regenreiche Perioden
Viel Wasser kann starkes Wachstum fördern.
Die Zusammensetzung verändert sich ebenfalls.
Warum Frühjahrsgras so besonders ist
Das erste frische Gras im Frühjahr wird oft kritisch betrachtet.
Man hört häufig:
"Frühjahrsgras ist gefährlich."
Diese Aussage ist zu einfach.
Nicht das Gras an sich ist das Problem.
Sondern die Kombination verschiedener Faktoren.
Im Frühjahr treffen häufig zusammen:
- junge Pflanzen,
- hohe Wachstumsenergie,
- hohe Verdaulichkeit,
- veränderte Zucker- und Eiweißmengen,
- empfindliche Darmflora nach dem Winter.
Für ein Pferd, das lange Zeit hauptsächlich Heu bekommen hat, bedeutet der Weidestart eine große Umstellung.
Warum Pferde langsam angeweidet werden sollten
Das Anweiden wird häufig nur mit "dem Magen" verbunden.
Tatsächlich betrifft es aber das gesamte Verdauungssystem.
Die Darmflora muss sich anpassen.
Andere Pflanzenbestandteile gelangen in den Darm.
Andere Mikroorganismen werden benötigt.
Die Umstellung braucht Zeit.
Ein sinnvoller Weidestart bedeutet:
- kurze Weidezeiten beginnen,
- langsam steigern,
- Pferd beobachten,
- Heufütterung weiterhin anbieten.
Gras ist Nahrung und Umwelt gleichzeitig
Ein besonders wichtiger Punkt:
Eine Weide liefert nicht nur Futter.
Sie verändert auch das Verhalten.
Ein Pferd auf der Weide:
- bewegt sich mehr,
- sucht Futter,
- frisst über längere Zeit,
- nimmt soziale Reize wahr.
Deshalb ist Weidehaltung mehr als reine Nährstoffaufnahme.
Sie erfüllt auch biologische Bedürfnisse.
Aus osteopathischer Sicht
Bewegung und Ernährung sind eng verbunden.
Eine natürliche Futteraufnahme bedeutet gleichzeitig:
- mehr Bewegung,
- mehr Muskelaktivität,
- bessere Durchblutung,
- andere Belastungsverteilung.
Der Körper reagiert nicht nur auf einzelne Nährstoffe.
Er reagiert auf das gesamte Umfeld.
Deshalb sollte eine Fütterungsbetrachtung niemals isoliert erfolgen.
Zwischenfazit
Gras ist ein lebendiges Futtermittel.
Seine Zusammensetzung verändert sich durch:
- Pflanzenart,
- Alter,
- Tageszeit,
- Wetter,
- Boden,
- Nutzung der Fläche.
Darum gibt es nicht:
"das Gras".
Es gibt:
das Gras dieser Wiese,
zu dieser Jahreszeit,
unter diesen Bedingungen.
Fortsetzung in Artikel 4 – Teil 2/4
Im nächsten Teil:
- Unterschiede verschiedener Weidetypen
- Magerwiese vs. Intensivgrünland
- Bergwiese, Moorwiese und Kulturlandschaft
- Warum Deutschland regional so unterschiedliche Pferdeweiden besitzt
- Warum dieselbe Pferderasse in verschiedenen Regionen unterschiedlich gefüttert werden muss
Quellen
- National Research Council (NRC). Nutrient Requirements of Horses. National Academies Press, 2007.
- Meyer, H.; Coenen, M. Pferdefütterung. Schaper Verlag.
- Geor, R.J.; Harris, P.A.; Coenen, M. Equine Applied and Clinical Nutrition. Elsevier.
- Harris, P.A. Veröffentlichungen zu Grasfruktanen, Weidemanagement und equiner Ernährung.
- GfE. Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden.