Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 4 Teil 2/4 Fütterung verstehen
Gras ist nicht gleich Gras
Nicht jede Wiese ist gleich
Warum Standort, Pflanzenbestand und Bewirtschaftung die Pferdefütterung verändern
Wenn zwei Pferdebesitzer erzählen:
"Mein Pferd steht den ganzen Sommer auf der Weide",
klingt es zunächst nach derselben Situation.
Doch eine Weide im Alpenvorland ist nicht vergleichbar mit einer intensiv bewirtschafteten Grünlandfläche im Norden Deutschlands.
Eine trockene Magerwiese liefert ein anderes Futter als eine gedüngte Hochleistungsweide.
Eine feuchte Niederungswiese unterscheidet sich von einer kräuterreichen Bergwiese.
Der Begriff "Weide" beschreibt also zunächst nur eine Fläche.
Nicht ihre biologische Qualität.
Was bestimmt die Qualität einer Weide?
Die Zusammensetzung einer Wiese wird durch viele Faktoren beeinflusst:
- Bodenart,
- Niederschlag,
- Temperatur,
- Höhenlage,
- Düngung,
- Nutzungshäufigkeit,
- Pflanzenbestand,
- Pflege.
Diese Faktoren bestimmen:
- welche Pflanzen wachsen,
- wie schnell sie wachsen,
- welche Nährstoffe sie enthalten.
Die wichtigsten Weidetypen in Deutschland
Deutschland besitzt eine große Vielfalt an Grünland.
Vereinfacht können wir einige typische Formen unterscheiden.
1. Intensiv genutztes Grünland
Diese Flächen werden häufig für hohe Erträge bewirtschaftet.
Ziel ist:
viel Biomasse in kurzer Zeit.
Typische Merkmale:
- regelmäßige Düngung,
- schnelle Nachsaat,
- leistungsfähige Gräser,
- hohe Wachstumsrate.
Häufig vorkommende Pflanzen:
- Deutsches Weidelgras,
- andere ertragreiche Gräser,
- Kleearten.
Vorteile
Solche Flächen können wertvoll sein für:
- wachsende Pferde,
- tragende Stuten,
- schwerfuttrige Pferde,
- leistungsstarke Sportpferde.
Sie liefern häufig:
- mehr Energie,
- mehr Eiweiß,
- höhere Nährstoffdichte.
Mögliche Nachteile
Für leichtfuttrige Pferde kann eine solche Weide jedoch eine Herausforderung sein.
Besonders wenn:
- wenig Bewegung vorhanden ist,
- lange Weidezeiten bestehen,
- das Pferd wenig Energie verbraucht.
Dann kann die aufgenommene Energiemenge den Bedarf deutlich übersteigen.
2. Extensives Grünland und Magerwiesen
Eine völlig andere Situation finden wir auf mageren Standorten.
Diese Flächen wachsen langsamer.
Der Boden liefert weniger Nährstoffe.
Die Pflanzen müssen mit weniger auskommen.
Typische Eigenschaften:
- höhere Pflanzenvielfalt,
- mehr Kräuteranteile,
- geringere Energiedichte,
- langsamere Entwicklung.
Solche Wiesen ähneln in manchen Eigenschaften eher den ursprünglichen Lebensräumen vieler Pferde.
Sie bieten:
- Beschäftigung,
- unterschiedliche Pflanzen,
- längere Fresszeiten.
Für viele robuste Pferderassen können solche Flächen sehr passend sein.
Zum Beispiel:
- Ponys,
- ursprüngliche Rassen,
- leichtfuttrige Pferde.
3. Bergwiesen
Bergwiesen besitzen besondere Bedingungen.
Die Höhenlage beeinflusst:
- Temperatur,
- Wachstumsgeschwindigkeit,
- Pflanzenzusammensetzung.
Viele Bergwiesen zeichnen sich durch Artenvielfalt aus.
Sie können enthalten:
- verschiedene Gräser,
- Kräuter,
- blühende Pflanzen.
Ein wichtiger Punkt:
Nicht jede Bergwiese ist automatisch "besser".
Auch hier entscheidet die Zusammensetzung.
Eine nährstoffreiche Alm ist etwas anderes als eine karge Hochgebirgsfläche.
4. Feuchtwiesen und Niederungsflächen
Feuchte Standorte besitzen wiederum andere Eigenschaften.
Sie können geprägt sein durch:
- hohe Wasserversorgung,
- andere Pflanzenarten,
- andere Mineralstoffverhältnisse.
Bestimmte Gräser und Kräuter kommen dort häufiger vor.
Auch die Befahrbarkeit und Nutzung unterscheiden sich.
Warum Pflanzenvielfalt eine Rolle spielt
Eine artenreiche Wiese bietet nicht nur mehr Farbe.
Sie bietet auch unterschiedliche Pflanzeninhaltsstoffe.
Verschiedene Pflanzen enthalten:
- unterschiedliche Mineralstoffe,
- verschiedene sekundäre Pflanzenstoffe,
- unterschiedliche Faserstrukturen.
Aus Sicht der Biodiversität ist eine vielfältige Wiese wertvoll.
Aus Sicht der Pferdefütterung bedeutet sie:
Das Pferd erhält ein breiteres Spektrum natürlicher Pflanzenbestandteile.
Aber: Vielfalt bedeutet nicht automatisch unbegrenzt füttern
Ein häufiger Denkfehler:
"Eine natürliche Wiese kann nicht schaden."
Doch auch natürliches Futter kann in einer bestimmten Menge problematisch sein.
Der entscheidende Punkt ist immer:
Passt die verfügbare Energiemenge zum Verbrauch des Pferdes?
Ein Wildpferd bewegt sich täglich über große Flächen.
Ein Pferd auf einer kleinen, üppigen Weide nimmt dagegen möglicherweise sehr konzentriert Energie auf.
Warum deutsche Regionen unterschiedliche Herausforderungen haben
Deutschland ist klimatisch sehr unterschiedlich.
Norddeutschland
Typisch:
- feuchteres Klima,
- viele Grünlandflächen,
- häufig hohe Wachstumsbedingungen.
Mögliche Folgen:
- energiereiches Gras,
- hohe Erträge.
Süddeutschland
Typisch:
- unterschiedliche Höhenlagen,
- mehr Hangflächen,
- vielfältige Landschaften.
Mögliche Folgen:
- größere Unterschiede zwischen einzelnen Flächen.
Trockene Regionen
Bei weniger Niederschlag können Pflanzen anders reagieren:
- langsameres Wachstum,
- andere Zuckerentwicklung,
- andere Struktur.
Warum ein Pferd nicht automatisch an jede Wiese angepasst ist
Ein wichtiger Punkt:
Die natürliche Entwicklung vieler Pferdetypen fand unter bestimmten Umweltbedingungen statt.
Ein Islandpferd entwickelte sich in einer anderen Umgebung als ein Arabisches Vollblut.
Ein Pony aus kargen Regionen musste anders mit Nahrung umgehen als ein Pferd aus fruchtbaren Gebieten.
Heute leben Pferde jedoch häufig nicht mehr dort, wo ihre Vorfahren entstanden.
Ein ursprünglicher "Sparstoffwechsel" trifft plötzlich auf nährstoffreiche Kulturlandschaft.
Die Bedeutung für die tägliche Fütterungsentscheidung
Die Aussage:
"Mein Pferd steht auf der Weide"
reicht deshalb nicht aus.
Wichtige Fragen sind:
- Welche Weide?
- Welche Pflanzen wachsen dort?
- Wie wurde sie bewirtschaftet?
- Wie lange steht das Pferd darauf?
- Wie viel bewegt es sich?
- Welche Rasse und welcher Stoffwechsel liegen vor?
Aus osteopathischer Sicht
Der Körper passt sich immer an seine Umwelt an.
Training ist eine Form von Anpassungsreiz.
Fütterung ist ebenfalls ein Anpassungsreiz.
Eine dauerhafte Überversorgung oder Unterversorgung kann den Organismus beeinflussen.
Gerade bei Pferden mit:
- Muskelproblemen,
- Stoffwechselthemen,
- Spannungsmustern,
- geringer Belastbarkeit,
ist es sinnvoll, nicht nur den Bewegungsapparat zu betrachten.
Die Grundlage liegt häufig viel früher.
Zwischenfazit
Eine Weide ist kein einheitliches Futtermittel.
Sie ist ein komplexes Zusammenspiel aus:
- Pflanze,
- Boden,
- Klima,
- Bewirtschaftung,
- Jahreszeit.
Deshalb kann ein Pferd auf einer Weide gesund zunehmen, während ein anderes Pferd auf derselben Fläche Probleme entwickelt.
Fortsetzung in Artikel 4 – Teil 3/4
Im nächsten Teil:
- Frühling, Sommer, Herbst und Winter – wie sich Gras über das Jahr verändert
- Warum Trockenheit Zuckerwerte verändern kann
- Warum ein trockener Sommer nicht automatisch "schlechteres Gras" bedeutet
- Wie sich Futterqualität von Jahr zu Jahr verändert
Quellen
- National Research Council (NRC). Nutrient Requirements of Horses. National Academies Press, 2007.
- Meyer, H.; Coenen, M. Pferdefütterung. Schaper Verlag.
- GfE. Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden.
- Harris, P.A. Veröffentlichungen zu Grasfruktanen, Weidemanagement und Pferdestoffwechsel.
- Collins, M.; Fritz, J. Arbeiten zu Grünlandmanagement und Futterqualität.