Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 4 Teil 3/4 Fütterung verstehen

"Gras ist nicht gleich Gras"

Die Jahreszeiten verändern das Pferdefutter

Warum eine Wiese niemals zweimal gleich ist

Eine der größten Herausforderungen in der Pferdefütterung ist gleichzeitig eine der natürlichsten Eigenschaften von Pflanzen:
Sie verändern sich.
Eine Wiese im April ist nicht dieselbe Wiese wie im Juli.
Eine Wiese nach einer Regenperiode ist nicht dieselbe Wiese wie nach mehreren Wochen Trockenheit.
Und eine Wiese im Herbst besitzt eine andere Zusammensetzung als im Frühjahr.
Das Pferd bekommt also nicht einfach "Gras".
Es bekommt ein Futter, das sich ständig verändert.

Frühling – der Beginn des Wachstums

Der Frühling ist für Pflanzen eine Zeit des Aufbruchs.
Nach der Winterruhe steigen:

  • Temperaturen,
  • Lichtangebot,
  • Wachstumsaktivität.

Die Pflanze beginnt wieder intensiv zu wachsen.

Was verändert sich im Frühling?

Junge Pflanzen enthalten häufig:

  • viel Zellinhalt,
  • hohe Verdaulichkeit,
  • relativ viel Eiweiß,
  • weniger Strukturfasern.

Für das Pferd bedeutet das:
Das Futter ist häufig nährstoffreicher als später im Jahr.

Warum Frühjahrsgras häufig problematisch wird

Der Satz:
"Frühjahrsgras ist gefährlich"
ist wissenschaftlich zu ungenau.
Gras ist nicht grundsätzlich gefährlich.
Aber mehrere Faktoren können zusammenkommen:

  • plötzliche Futterumstellung,
  • hoher Energiegehalt,
  • veränderte Zuckeraufnahme,
  • noch nicht angepasste Darmflora,
  • möglicherweise geringer Bewegungsumfang.

Ein Pferd, das über Monate hauptsächlich Heu bekommen hat, erlebt mit dem ersten Weidegang eine deutliche Veränderung.
Nicht nur mengenmäßig.
Auch biologisch.

Das Anweiden – mehr als eine Gewohnheit

Viele Menschen denken:
"Ich gewöhne mein Pferd langsam an das Gras."
Tatsächlich passiert dabei etwas sehr Komplexes.
Die Darmflora passt sich an.
Mikroorganismen, die bestimmte Pflanzenbestandteile verarbeiten, vermehren sich.
Andere werden weniger wichtig.
Dieses Gleichgewicht braucht Zeit.

Ein langsames Anweiden unterstützt:

  • Anpassung der Verdauung,
  • stabile Darmprozesse,
  • bessere Verträglichkeit.

Sommer – die Zeit der Reife

Im Sommer verändert sich die Pflanze.
Sie hat einen großen Teil ihres Wachstums abgeschlossen.
Viele Gräser bilden:

  • längere Halme,
  • festere Strukturen,
  • teilweise Samenstände.

Dadurch verändern sich:

  • Faseranteile,
  • Energiegehalt,
  • Eiweißgehalt.

Aber Sommergras ist nicht automatisch "mager"

Eine häufige Vorstellung:
"Im Sommer ist das Gras verbraucht und hat kaum noch Nährstoffe."
Das stimmt nicht grundsätzlich.
Die Qualität hängt stark ab von:

  • Niederschlag,
  • Temperatur,
  • Nutzung,
  • Pflanzenbestand.

Eine gut versorgte Weide kann auch im Sommer nährstoffreich bleiben.

Trockenheit – warum Pflanzen anders reagieren

Längere Trockenperioden verändern den Stoffwechsel einer Pflanze.
Eine Pflanze steht unter Stress.
Sie versucht, Reserven zu sichern.
Dabei können sich verschiedene Inhaltsstoffe verändern.

Zum Beispiel:

  • Zucker,
  • Struktur,
  • Wachstumsgeschwindigkeit.

Warum Trockenheit nicht immer gleich bewertet werden kann

Eine trockene Wiese kann:

  • weniger Wachstum zeigen,
  • strukturreicher werden.

Gleichzeitig können bestimmte Zuckeranteile höher sein.
Deshalb bedeutet:
"weniger Gras"
nicht automatisch:
"weniger Stoffwechselbelastung".

Herbst – unterschätzte Futterperiode

Der Herbst wird oft weniger beachtet als der Frühling.
Dabei verändert sich auch jetzt die Pflanze.
Je nach Wetter kann es zu einem erneuten Wachstumsschub kommen.
Der sogenannte:

Herbstaufwuchs

entsteht vor allem bei:

  • warmen Temperaturen,
  • ausreichendem Regen.

Dann kann die Pflanze wieder:

  • junge Blätter bilden,
  • neue Wachstumsprozesse starten.

Die Zusammensetzung kann sich erneut verändern.

Warum Frost und kalte Nächte eine Rolle spielen

Temperatur beeinflusst den Pflanzenstoffwechsel.
Bei kalten Bedingungen laufen bestimmte Prozesse langsamer.
Die Pflanze produziert und verbraucht Zucker anders.
Deshalb können kalte, sonnige Tage besondere Bedingungen schaffen.

Winter – die Zeit des konservierten Futters

Im Winter steht in den meisten Regionen Deutschlands keine ausreichende Weide zur Verfügung.
Die Grundlage wird:
Heu.
Damit schließt sich der Kreis.
Das Heu ist die gespeicherte Form der Sommerpflanze.

Was im Winter gefüttert wird, entscheidet sich also Monate vorher:

  • auf der Wiese,
  • beim Schnittzeitpunkt,
  • bei der Trocknung,
  • bei der Lagerung.

Warum jedes Jahr anders ist

Viele Pferdehalter kennen dieses Phänomen:
"Dieses Jahr verträgt mein Pferd das Gras schlechter."

Oder:

"Das Heu vom letzten Jahr war anders."
Das ist keine Einbildung.
Jede Vegetationsperiode besitzt eigene Bedingungen.

Ein Jahr mit:

  • viel Regen,
  • wenig Sonne,
  • kühlen Temperaturen

führt zu anderen Pflanzen als ein Jahr mit:

  • Hitze,
  • Trockenheit,
  • langen Sonnenperioden.

Der Einfluss des Klimawandels

Die Veränderungen des Klimas beeinflussen zunehmend auch die Pferdefütterung.
Mögliche Veränderungen:

  • längere Vegetationsperioden,
  • häufigere Trockenphasen,
  • andere Pflanzenzusammensetzung,
  • verschobene Erntezeiten.

Für Pferdehalter bedeutet das:
Die individuelle Beurteilung von Futter wird wichtiger.

Warum ein starres Fütterungssystem nicht funktioniert

Eine häufige Frage lautet:
"Wie viel Gras braucht mein Pferd?"
Die Antwort kann nicht nur eine Zahl sein.
Denn entscheidend sind:

  • Pferdetyp,
  • Gewicht,
  • Alter,
  • Nutzung,
  • Stoffwechsel,
  • Weidequalität,
  • Jahreszeit.

Ein leichtfuttriges Pony auf einer sehr energiereichen Weide benötigt eine andere Strategie als ein altes Pferd mit höherem Bedarf.

Aus osteopathischer Sicht

Der Körper ist kein statisches System.
Er passt sich ständig an:

  • Belastung,
  • Ernährung,
  • Umwelt,
  • Stress.

Wenn sich die Futtergrundlage stark verändert, verändert sich auch die Stoffwechselsituation.
Das kann sich indirekt auswirken auf:

  • Muskelentwicklung,
  • Regeneration,
  • Bewegungsqualität.

Zwischenfazit

Gras verändert sich ständig.
Über das Jahr hinweg verändern sich:

  • Zucker,
  • Eiweiß,
  • Energie,
  • Faserstruktur,
  • Pflanzenvielfalt.

Deshalb ist die wichtigste Fähigkeit eines Pferdehalters nicht das Auswendiglernen einer Futtermenge.
Sondern das Verständnis:
Was bekommt mein Pferd gerade – und passt das zu ihm?

Fortsetzung in Artikel 4 – Teil 4/4

Im letzten Teil:

  • Wie man die Grasqualität praktisch einschätzt
  • Warum Pferde derselben Rasse unterschiedlich reagieren
  • Verbindung zu Alter, Training und Muskelaufbau
  • Zusammenfassung des gesamten Artikels

Quellen

  • National Research Council (NRC). Nutrient Requirements of Horses. National Academies Press, 2007.
  • Meyer, H.; Coenen, M. Pferdefütterung. Schaper Verlag.
  • Harris, P.A. Arbeiten zu Grasfruktanen, Weideführung und Stoffwechsel.
  • Geor, R.J.; Harris, P.A.; Coenen, M. Equine Applied and Clinical Nutrition. Elsevier.
  • GfE. Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden.