Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 5 Teil 2/4 Muskeln, Bewegung und Energie
"Das individuelle Pferd – warum es keine Einheitsfütterung gibt"
Das Alter des Pferdes verändert seine Bedürfnisse
Warum ein Fohlen nicht wie ein Senior gefüttert werden kann
Ein häufiger Fehler in der Pferdefütterung ist die Annahme:
"Ein Pferd braucht einfach immer dasselbe – nur mehr oder weniger davon."
Das stimmt nicht.
Der Körper verändert sich im Laufe des Lebens.
Ein junges Pferd befindet sich im Aufbau.
Ein erwachsenes Pferd befindet sich hauptsächlich in Erhaltung und Anpassung.
Ein älteres Pferd benötigt häufig Unterstützung, um vorhandene Strukturen möglichst lange zu erhalten.
Die Fütterung sollte deshalb nicht nur nach Gewicht betrachtet werden.
Sie sollte die Lebensphase berücksichtigen.
Die verschiedenen Lebensphasen des Pferdes
Vereinfacht können wir unterscheiden:
- Fohlen und Jungpferd
- erwachsenes Pferd
- Sport- und Leistungspferd
- älteres Pferd
Jede Phase besitzt eigene Anforderungen.
1. Fohlen und Jungpferd – Aufbau braucht Balance
Die ersten Lebensjahre sind entscheidend.
Der Körper entwickelt:
- Knochen,
- Gelenke,
- Muskeln,
- Sehnen,
- Organe,
- Nervensystem.
Dabei ist die Ernährung ein wichtiger Einflussfaktor.
Warum Jungpferde hochwertige Nährstoffe benötigen
Ein wachsender Körper benötigt:
Energie
Für:
- Wachstum,
- Bewegung,
- Entwicklung.
Eiweiß
Für:
- Muskelaufbau,
- Gewebeentwicklung,
- Enzymbildung.
Dabei ist besonders die Qualität der Aminosäuren entscheidend.
Mineralstoffe
Besonders wichtig für:
- Knochenentwicklung,
- Zahnentwicklung,
- Stoffwechselprozesse.
Warum "viel Futter" bei Jungpferden nicht automatisch gut ist
Ein verbreiteter Gedanke:
"Ein Jungpferd muss kräftig wachsen."
Doch zu schnelles Wachstum kann problematisch sein.
Der Körper benötigt eine harmonische Entwicklung.
Nicht maximale Geschwindigkeit.
Eine ausgewogene Versorgung unterstützt:
- stabile Knochenentwicklung,
- gesunde Gelenkanpassung,
- funktionelle Muskulatur.
2. Das erwachsene Pferd – Erhaltung und Anpassung
Ein ausgewachsenes Pferd befindet sich nicht in einer statischen Phase.
Auch ein erwachsenes Pferd verändert sich ständig.
Es:
- baut Muskeln auf und ab,
- erneuert Gewebe,
- passt sich an Belastungen an.
Der Bedarf hängt ab von:
- Körpergewicht,
- Bewegung,
- Haltung,
- Trainingszustand,
- Temperament.
Ein Freizeitpferd mit leichter Arbeit benötigt häufig:
- hochwertiges Heu,
- passende Mineralversorgung,
- ausreichend Bewegung.
Nicht jedes gesunde Pferd benötigt Kraftfutter.
3. Das Sportpferd – Leistung verändert den Bedarf
Ein Pferd im Training unterscheidet sich deutlich von einem Pferd im Erhaltungsbedarf.
Training bedeutet:
Belastung.
Belastung bedeutet:
Anpassung.
Und Anpassung benötigt Baustoffe.
Was braucht ein arbeitendes Pferd?
Ein Sportpferd benötigt abhängig von Intensität und Dauer:
Mehr Energie
Für:
- Muskelarbeit,
- Temperaturregulation,
- Regeneration.
Hochwertiges Eiweiß
Nicht nur für Muskeln.
Auch für:
- Sehnen,
- Bänder,
- Reparaturprozesse.
Mineralstoffe
Für:
- Muskelkontraktion,
- Nervenfunktion,
- Energiestoffwechsel.
Muskelaufbau beginnt nicht im Training
Eine wichtige Erkenntnis:
Training setzt nur den Reiz.
Der Aufbau passiert danach.
Nach einer Belastung entstehen kleine Anpassungsprozesse.
Der Körper benötigt dann:
- Energie,
- Aminosäuren,
- Ruhe,
- Zeit.
Ohne ausreichende Versorgung bleibt der Trainingsreiz möglicherweise ohne optimale Umsetzung.
Warum manche Pferde trotz Training keine Muskulatur entwickeln
Viele Besitzer kennen dieses Problem:
"Mein Pferd wird regelmäßig gearbeitet, aber baut keine Oberlinie auf."
Die Ursache muss nicht fehlendes Training sein.
Mögliche Faktoren:
- falsche Trainingsbelastung,
- fehlende Energie,
- unzureichende Eiweißversorgung,
- Mineralstoffungleichgewichte,
- Schmerzen,
- Stress,
- Verdauungsprobleme.
Der Körper priorisiert immer.
Wenn Grundfunktionen belastet sind, werden Aufbauprozesse nachrangig behandelt.
4. Das ältere Pferd – Erhaltung wird wichtiger
Mit zunehmendem Alter verändern sich verschiedene Körperprozesse.
Nicht jedes ältere Pferd ist automatisch krank.
Aber viele Prozesse laufen langsamer.
Mögliche Veränderungen:
- geringere Muskelmasse,
- langsamere Regeneration,
- veränderte Verdauung,
- Zahnprobleme,
- schlechtere Futterverwertung.
Warum ältere Pferde häufig Muskulatur verlieren
Der altersbedingte Muskelverlust wird als Sarkopenie bezeichnet.
Beim Pferd spielen mehrere Faktoren zusammen:
- weniger Bewegung,
- hormonelle Veränderungen,
- geringere Eiweißverwertung,
- Zahnprobleme,
- chronische Belastungen.
Ernährung und Muskelalterung
Ältere Pferde profitieren häufig von einer angepassten Versorgung.
Wichtige Punkte können sein:
Ausreichend hochwertiges Eiweiß
Damit der Körper Aminosäuren zur Verfügung hat.
Gut verwertbare Energie
Wenn Raufutter schlechter aufgenommen oder verwertet wird.
Angepasste Struktur
Bei Zahnproblemen kann die normale Heuaufnahme schwieriger werden.
Dann können alternative Futterformen sinnvoll sein.
Warum ältere Pferde nicht einfach "weniger brauchen"
Eine häufige Annahme:
"Ein altes Pferd bewegt sich weniger, also braucht es weniger."
Das ist nur teilweise richtig.
Der Energiebedarf kann sinken.
Gleichzeitig kann der Bedarf an bestimmten Nährstoffen steigen.
Zum Beispiel für:
- Muskelerhalt,
- Regeneration,
- Stoffwechselunterstützung.
Die Verbindung zur Osteopathie
Gerade bei älteren Pferden zeigt sich besonders deutlich:
Der Körper ist ein Gesamtsystem.
Ein Pferd mit weniger Muskulatur hat häufig:
- veränderte Bewegungsmuster,
- andere Belastungsverteilung,
- höhere Anforderungen an Gelenke und Faszien.
Die Ernährung kann die osteopathische Arbeit nicht ersetzen.
Aber sie kann die Grundlage schaffen, damit der Körper besser reagieren kann.
Praktische Zusammenfassung
Jungpferd
Benötigt:
- ausgewogene Wachstumsversorgung,
- hochwertige Nährstoffe,
- keine Überversorgung.
Erwachsenes Freizeitpferd
Benötigt häufig:
- gutes Raufutter,
- angepasste Mineralversorgung,
- passende Bewegung.
Sportpferd
Benötigt:
- bedarfsgerechte Energie,
- hochwertige Eiweißversorgung,
- Regenerationsunterstützung.
Senior
Benötigt:
- angepasste Verdaulichkeit,
- Unterstützung des Muskelerhalts,
- genaue Beobachtung.
Wichtigste Erkenntnis
Das Alter verändert nicht die Grundbedürfnisse des Pferdes.
Jedes Pferd braucht weiterhin:
- Raufutter,
- Wasser,
- Bewegung,
- eine stabile Verdauung.
Aber die Anforderungen an Menge und Qualität verändern sich.
Fortsetzung in Artikel 5 – Teil 3/4
Im nächsten Teil:
- Rasse und genetische Unterschiede
- Warum ein Pony anders gefüttert werden muss als ein Vollblut
- Warum "leichtfuttrig" und "schwerfuttrig" entstehen
- Zusammenhang zwischen Stoffwechsel, Haltung und Futterbedarf
Quellen
- National Research Council (NRC). Nutrient Requirements of Horses. National Academies Press, 2007.
- Meyer, H.; Coenen, M. Pferdefütterung. Schaper Verlag.
- Geor, R.J.; Harris, P.A.; Coenen, M. Equine Applied and Clinical Nutrition. Elsevier.
- GfE. Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden.
- Freestone, J.F.; Pferdefütterung und altersbedingte Stoffwechselveränderungen beim Pferd.