Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 5 Teil 3/4 Muskeln, Bewegung und Energie
"Das individuelle Pferd – warum es keine Einheitsfütterung gibt"
Rasse, Genetik und Stoffwechsel
Warum Pferde unterschiedlich mit Futter umgehen
Wenn wir Pferde betrachten, sehen wir zunächst große Unterschiede:
Ein kleines Pony.
Ein elegantes Vollblut.
Ein kräftiger Kaltblüter.
Ein modernes Sportpferd.
Alle gehören zur gleichen Tierart.
Doch ihr Körper wurde über viele Generationen an unterschiedliche Lebensbedingungen angepasst.
Diese Anpassungen beeinflussen:
- Energieverbrauch,
- Futterverwertung,
- Muskelentwicklung,
- Fettstoffwechsel,
- Anpassungsfähigkeit.
Warum die Evolution den Pferdekörper geprägt hat
Pferde entstanden nicht unter den Bedingungen moderner Stallhaltung.
Ihre Vorfahren lebten in unterschiedlichen Landschaften:
- trockene Steppen,
- karge Graslandschaften,
- kalte Regionen,
- wechselhafte Lebensräume.
Dort war Futter nicht immer reichlich vorhanden.
Überleben konnten besonders diejenigen Tiere, die ihre Energie effizient nutzen konnten.
Der "Sparstoffwechsel" vieler ursprünglicher Pferdetypen
Viele robuste Pferderassen besitzen Eigenschaften, die früher einen Vorteil darstellten.
Dazu gehören:
- gute Nutzung von energiearmem Futter,
- effiziente Verdauung,
- Fähigkeit, Reserven aufzubauen.
Heute kann diese Fähigkeit jedoch zur Herausforderung werden.
Warum?
Weil moderne Pferde häufig Zugang haben zu:
- energiereichem Gras,
- nährstoffreichem Heu,
- wenig natürlicher Futtersuche.
Ponys – kleine Körper, große Effizienz
Ponys werden häufig unterschätzt.
Aufgrund ihrer Größe benötigen sie weniger absolute Energie.
Viele Ponys besitzen jedoch einen sehr effizienten Stoffwechsel.
Das bedeutet:
Sie können aus relativ wenig Futter viel Energie gewinnen.
Typische Herausforderungen bei Ponys
Besonders problematisch können sein:
- sehr energiereiche Weiden,
- lange Weidezeiten,
- wenig Bewegung.
Ein Pony benötigt deshalb nicht automatisch weniger Aufmerksamkeit in der Fütterung.
Oft sogar mehr.
Denn kleine Mengen überschüssiger Energie können langfristig große Auswirkungen haben.
Ursprüngliche Rassen
Viele ursprüngliche Pferdetypen wurden in Umgebungen geprägt, in denen Nahrung schwankte.
Beispiele:
- Islandpferde,
- Fjordpferde,
- verschiedene robuste Ponyrassen.
Diese Pferde entwickelten häufig:
- hohe Widerstandsfähigkeit,
- gute Futterverwertung,
- ausgeprägte Anpassungsfähigkeit.
Das bedeutet nicht:
"Diese Pferde brauchen wenig Futter."
Sondern:
"Diese Pferde nutzen vorhandenes Futter besonders effizient."
Warmblüter – zwischen Freizeit und Sport
Moderne Warmblüter wurden häufig als Reit- und Sportpferde gezüchtet.
Sie unterscheiden sich stark innerhalb der Gruppe.
Ein Freizeit-Warmblut kann einen deutlich anderen Bedarf besitzen als ein intensiv trainiertes Turnierpferd.
Der Bedarf hängt ab von:
- Trainingsintensität,
- Körperbau,
- Temperament,
- Muskelmasse,
- Haltung.
Vollblüter – hoher Energieumsatz
Vollblüter besitzen häufig Eigenschaften wie:
- leichter Körperbau,
- hohe Leistungsbereitschaft,
- intensiver Stoffwechsel.
Viele benötigen bei hoher Belastung:
- mehr verfügbare Energie,
- hochwertige Eiweißquellen,
- gute Regeneration.
Gleichzeitig bedeutet eine hohe Leistungsfähigkeit nicht automatisch, dass jedes Vollblut viel Kraftfutter benötigt.
Auch hier zählt das Individuum.
Kaltblüter – große Körper, andere Strategie
Kaltblüter besitzen häufig:
- große Körpermasse,
- kräftigen Knochenbau,
- ausgeprägte Muskulatur.
Viele sind gute Futterverwerter.
Eine typische Fehleinschätzung lautet:
"Ein großes Pferd braucht automatisch viel Kraftfutter."
Das Gegenteil kann der Fall sein.
Viele Kaltblüter benötigen vor allem:
- hochwertiges Raufutter,
- angepasste Energiezufuhr,
- ausreichend Bewegung.
Warum die Rasse alleine keine Fütterung bestimmt
Eine wichtige Einschränkung:
Die Rasse ist kein vollständiger Bauplan.
Innerhalb einer Rasse gibt es große Unterschiede.
Ein Beispiel:
Zwei Islandpferde können völlig unterschiedlich reagieren.
Pferd A:
- sehr leichtfuttrig,
- wenig Arbeit,
- nimmt schnell zu.
Pferd B:
- sportlich gearbeitet,
- höherer Verbrauch,
- benötigt mehr Energie.
Die Rasse liefert nur einen Hinweis.
Die tatsächliche Anpassung erfolgt am einzelnen Pferd.
Was bedeutet "leichtfuttrig"?
Leichtfuttrig bedeutet nicht:
"Dieses Pferd bekommt zu viel Futter."
Es beschreibt eine Eigenschaft:
Das Pferd kann seinen Energiebedarf mit relativ wenig Nahrung decken.
Mögliche Merkmale:
- Gewichtszunahme bei kleinen Futtermengen,
- gute Nutzung von Gras,
- langsamer Gewichtsverlust.
Was bedeutet "schwerfuttrig"?
Schwerfuttrige Pferde benötigen häufig mehr Unterstützung.
Mögliche Gründe:
- hoher Grundumsatz,
- intensive Arbeit,
- Alter,
- Gesundheitsprobleme,
- schlechte Futterverwertung.
Wichtig:
Ein Pferd, das schlecht zunimmt, sollte nicht automatisch einfach mehr Kraftfutter bekommen.
Zuerst sollten Ursachen betrachtet werden:
- Zähne,
- Verdauung,
- Parasitenstatus,
- Stress,
- Schmerzen.
Der Stoffwechsel entscheidet mit
Der Stoffwechsel beschreibt vereinfacht:
Wie der Körper Energie verarbeitet.
Er beeinflusst:
- Speicherung,
- Verbrauch,
- Anpassung.
Zwei Pferde können dieselbe Menge Heu fressen.
Trotzdem kann eines zunehmen und das andere Gewicht halten.
Zusammenhang zwischen Stoffwechsel und Muskelaufbau
Auch Muskelaufbau hängt vom Stoffwechsel ab.
Ein Pferd benötigt:
- Energie,
- Eiweiß,
- Training,
- Erholung.
Doch die Fähigkeit, diese Ressourcen zu nutzen, ist individuell.
Ein überversorgtes Pferd baut nicht automatisch bessere Muskulatur auf.
Es kann stattdessen eher Fettreserven bilden.
Ein unterversorgtes Pferd kann dagegen trotz Training Schwierigkeiten haben, Muskulatur aufzubauen.
Die Bedeutung der Haltung
Rasse und Genetik sind nur ein Teil der Gleichung.
Ein entscheidender Faktor ist die Haltung.
Vergleichen wir:
Pferd mit viel Bewegung
- lange Laufwege,
- soziale Gruppe,
- natürliche Futtersuche.
vs.
Pferd mit wenig Bewegung
- kurze Wege,
- begrenzte Aktivität,
- konzentrierte Fütterung.
Der gleiche Körper reagiert unterschiedlich.
Aus osteopathischer Sicht
Der Bewegungsapparat benötigt:
- Belastung,
- Versorgung,
- Anpassung.
Ein Pferd mit guter Grundversorgung kann Trainingsreize besser verarbeiten.
Ein Pferd mit ungünstiger Energieversorgung oder Stoffwechselbelastung kann dagegen Schwierigkeiten haben bei:
- Muskelentwicklung,
- Regeneration,
- Beweglichkeit.
Zusammenfassung
Alle Pferde sind gleich aufgebaut.
Aber nicht gleich angepasst.
Unterschiede entstehen durch:
✅ Genetik
✅ Rassegeschichte
✅ Stoffwechsel
✅ Haltung
✅ Training
Die wichtigste Erkenntnis:
Nicht die Rasse entscheidet allein über die Fütterung.
Die Rasse gibt eine Richtung vor.
Das einzelne Pferd bestimmt den tatsächlichen Bedarf.
Fortsetzung in Artikel 5 – Teil 4/4
Im nächsten Teil:
- Wie Haltung und Training die Fütterung verändern
- Warum Muskelaufbau ohne passende Ernährung schwierig ist
- Welche Rolle Energie, Eiweiß und Mineralstoffe spielen
- Praktische Zusammenfassung: Wie man eine individuelle Fütterungsstrategie entwickelt
Quellen
- National Research Council (NRC). Nutrient Requirements of Horses. National Academies Press, 2007.
- Meyer, H.; Coenen, M. Pferdefütterung. Schaper Verlag.
- Geor, R.J.; Harris, P.A.; Coenen, M. Equine Applied and Clinical Nutrition. Elsevier.
- GfE. Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden.
- McGowan, C.M.; Goff, L.; Stubbs, N. Animal Physiotherapy: Assessment, Treatment and Rehabilitation of Animals.