Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 6 Teil 2/4 Muskelaufbau beim Pferd
Welche Nährstoffe der Muskel wirklich benötigt
Warum Muskelaufbau mehr ist als nur "mehr Eiweiß"
Wenn Pferdehalter über Muskelaufbau sprechen, fällt sehr häufig ein Begriff:
Eiweiß.
Und tatsächlich:
Eiweiß ist ein wichtiger Bestandteil der Muskulatur.
Aber Muskelaufbau ist deutlich komplexer.
Eine Muskelzelle benötigt ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren:
- Energie,
- Aminosäuren,
- Mineralstoffe,
- Spurenelemente,
- Vitamine,
- Sauerstoffversorgung,
- hormonelle Steuerung,
- Regeneration.
Fehlt ein wichtiger Baustein, kann der gesamte Prozess eingeschränkt sein.
Die Muskelzelle – ein energieverbrauchendes System
Muskeln arbeiten nicht kostenlos.
Jede Bewegung benötigt Energie.
Auch der Aufbau neuer Muskelstrukturen kostet Energie.
Der Körper muss also entscheiden:
Hat er genügend Ressourcen?
Oder muss er sparen?
Energie – die Grundlage für jeden Aufbauprozess
Energie erhält das Pferd hauptsächlich aus:
- Kohlenhydraten,
- Fetten,
- teilweise Eiweiß.
Die wichtigste Grundlage bleibt dabei das Raufutter.
Energie aus dem Raufutter
Gräser enthalten große Mengen an Strukturkohlenhydraten.
Diese werden vor allem im Dickdarm durch Mikroorganismen verarbeitet.
Dabei entstehen:
- flüchtige Fettsäuren,
- die dem Pferd Energie liefern.
Diese Form der Energiegewinnung entspricht der natürlichen Ernährung des Pferdes.
Warum ein Pferd mit guter Raufutterversorgung oft weniger Zusatzfutter benötigt
Ein hochwertiges Heu kann bereits erhebliche Mengen liefern:
- Energie,
- Rohfaser,
- teilweise Eiweiß,
- Mineralstoffe.
Deshalb sollte jede Fütterungsplanung zuerst fragen:
Wie ist die Grundlage?
Nicht:
Welches Zusatzprodukt fehlt?
Energieüberschuss und Muskelaufbau
Ein häufiger Irrtum:
"Mehr Energie bedeutet mehr Muskeln."
Das stimmt nicht.
Wenn Energie über dem Bedarf liegt, speichert der Körper sie.
Vor allem als:
- Fett.
Ein Pferd kann also:
- rund aussehen,
- viel Futter bekommen,
- trotzdem wenig funktionelle Muskulatur besitzen.
Muskelaufbau entsteht durch:
gezielte Belastung + passende Versorgung.
Eiweiß – der Baustoff der Muskulatur
Muskeln bestehen zu einem großen Teil aus Eiweißstrukturen.
Eiweiß wird im Körper zerlegt in:
Aminosäuren.
Diese Aminosäuren nutzt der Körper für:
- Muskelprotein,
- Enzyme,
- Hormone,
- Reparaturprozesse.
Essentielle Aminosäuren
Einige Aminosäuren kann der Körper nicht ausreichend selbst herstellen.
Sie müssen über die Nahrung aufgenommen werden.
Besonders relevant für Muskelaufbau sind:
Lysin
Lysin spielt eine wichtige Rolle bei:
- Proteinsynthese,
- Wachstum,
- Gewebeaufbau.
Methionin
Methionin ist beteiligt an:
- Proteinbildung,
- verschiedenen Stoffwechselprozessen.
Threonin
Threonin unterstützt:
- Eiweißaufbau,
- Schleimhautstrukturen,
- Stoffwechselprozesse.
Warum die Zusammensetzung des Eiweißes entscheidend ist
Nicht jedes Eiweiß ist gleich wertvoll.
Entscheidend ist:
Welche Aminosäuren stehen tatsächlich zur Verfügung?
Man kann es sich vorstellen wie beim Hausbau:
Viele Ziegelsteine helfen nicht, wenn ein wichtiger Baustein fehlt.
Eiweiß im Heu
Heu enthält grundsätzlich Eiweiß.
Der Gehalt verändert sich jedoch durch:
- Pflanzenart,
- Schnittzeitpunkt,
- Düngung,
- Standort.
Früher Schnitt:
- mehr Blattmasse,
- höhere Eiweißgehalte.
Später Schnitt:
- mehr Struktur,
- weniger Eiweiß.
Wann zusätzliche Eiweißversorgung sinnvoll sein kann
Eine Ergänzung kann sinnvoll sein bei:
- stark arbeitenden Pferden,
- Pferden im Muskelaufbau,
- alten Pferden mit Muskelabbau,
- schwerfuttrigen Pferden.
Aber:
Nicht jedes Pferd benötigt zusätzliches Eiweiß.
Ein Freizeitpferd mit gutem Heu kann bereits ausreichend versorgt sein.
Fette – unterschätzte Energiequelle
Fette werden in der Pferdefütterung häufig unterschätzt.
Dabei liefern sie konzentrierte Energie.
Vorteile können sein:
- hohe Energiedichte,
- geringe Belastung für den Zuckerstoffwechsel,
- gute Ergänzung bei erhöhtem Energiebedarf.
Fette können interessant sein für:
- schwerfuttrige Pferde,
- Sportpferde,
- Pferde mit erhöhtem Energiebedarf.
Warum Fett nicht automatisch "dick macht"
Wie bei jedem Nährstoff zählt die Menge.
Fett liefert viel Energie.
Wird mehr aufgenommen als benötigt, kann auch diese Energie gespeichert werden.
Kohlenhydrate – wichtig, aber abhängig von Form und Menge
Kohlenhydrate sind ein natürlicher Bestandteil von Pflanzen.
Sie kommen vor als:
- Strukturkohlenhydrate,
- Zucker,
- Stärke.
Strukturkohlenhydrate
Sie sind besonders wichtig für:
- Darmfunktion,
- Mikroorganismen,
- natürliche Verdauung.
Zucker und Stärke
Diese liefern schnell verfügbare Energie.
Sie können bei bestimmten Pferden sinnvoll sein.
Zum Beispiel:
- intensiv arbeitende Pferde.
Bei empfindlichen Pferden muss jedoch auf die Menge geachtet werden.
Mineralstoffe – kleine Mengen, große Wirkung
Mineralstoffe werden nur in kleinen Mengen benötigt.
Ihre Bedeutung ist jedoch enorm.
Sie sind beteiligt an:
- Muskelkontraktion,
- Nervenleitung,
- Energiestoffwechsel,
- Knochenstoffwechsel.
Magnesium
Magnesium spielt eine Rolle bei:
- Muskel- und Nervenfunktion,
- Energiestoffwechsel.
Calcium und Phosphor
Wichtig für:
- Knochen,
- Muskelarbeit,
- Zellprozesse.
Das Verhältnis dieser Mineralstoffe ist entscheidend.
Spurenelemente
Dazu gehören unter anderem:
- Zink,
- Kupfer,
- Selen.
Sie sind beteiligt an:
- Enzymfunktionen,
- Immunsystem,
- Gewebestoffwechsel.
Warum ein Mineralmangel oft unspezifische Symptome zeigt
Ein Mangel zeigt sich nicht immer sofort.
Mögliche Hinweise können sein:
- schlechte Regeneration,
- stumpfes Fell,
- reduzierte Leistungsfähigkeit,
- verzögerter Muskelaufbau.
Diese Symptome haben jedoch viele mögliche Ursachen.
Eine gezielte Betrachtung ist notwendig.
Wasser – der unterschätzte Nährstoff
Wasser wird häufig vergessen.
Dabei ist es lebensnotwendig.
Es beeinflusst:
- Stoffwechsel,
- Transportprozesse,
- Temperaturregulation,
- Verdauung.
Ohne ausreichendes Wasser kann kein Stoffwechsel optimal funktionieren.
Was bedeutet das praktisch für Muskelaufbau?
Ein Pferd benötigt nicht automatisch:
- mehr Kraftfutter,
- mehr Eiweiß,
- mehr Zusätze.
Sinnvoller ist eine Reihenfolge:
1. Raufutterqualität prüfen
Ist genügend Energie und Struktur vorhanden?
2. Trainingsreiz beurteilen
Ist der Muskel wirklich gefordert?
3. Körperzustand beobachten
Nimmt das Pferd zu oder ab?
Wie entwickelt sich die Muskulatur?
4. Versorgung gezielt anpassen
Nicht nach Werbung.
Sondern nach Bedarf.
Aus osteopathischer Sicht
Muskulatur ist Teil eines größeren Systems.
Ein Muskel kann nur optimal arbeiten, wenn:
- Nervenversorgung funktioniert,
- Beweglichkeit vorhanden ist,
- Stoffwechsel stimmt,
- Regeneration möglich ist.
Deshalb ist Muskelaufbau immer eine Kombination aus:
Bewegung + Versorgung + funktioneller Gesundheit.
Zusammenfassung
Muskelaufbau benötigt:
✅ Trainingsreiz
✅ ausreichend Energie
✅ passende Aminosäuren
✅ Mineralstoffe
✅ Erholung
Die wichtigste Erkenntnis:
Ein Muskel wächst nicht durch einen einzelnen Nährstoff.
Er wächst durch ein abgestimmtes biologisches System.
Fortsetzung in Artikel 6 – Teil 3/4
Im nächsten Teil:
- Welche Futtermittel den Muskelaufbau unterstützen können
- Kräuter, Samen und natürliche Ergänzungen
- Was sinnvoll ist und was eher Marketing
- Welche Rolle Öle, Leinsamen, Luzerne und andere Pflanzen spielen
Quellen
- National Research Council (NRC). Nutrient Requirements of Horses. National Academies Press, 2007.
- Geor, R.J.; Harris, P.A.; Coenen, M. Equine Applied and Clinical Nutrition. Elsevier.
- Meyer, H.; Coenen, M. Pferdefütterung. Schaper Verlag.
- GfE. Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden.
- Julliand, V. Arbeiten zur Verdauungsphysiologie und Mikrobiota des Pferdes.