Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 6 Teil 3/4 Muskelaufbau beim Pferd
Natürliche Futtermittel für Muskelaufbau und Regeneration
Zwischen traditionellem Wissen und moderner Wissenschaft
Pferdehalter nutzen seit Jahrhunderten Pflanzen, Samen und Kräuter zur Unterstützung ihrer Tiere.
Viele dieser Erfahrungen stammen aus der traditionellen Tierhaltung.
Heute wissen wir:
Einige Pflanzen enthalten tatsächlich bioaktive Inhaltsstoffe.
Dazu gehören beispielsweise:
- sekundäre Pflanzenstoffe,
- Fettsäuren,
- Mineralstoffe,
- Vitamine,
- Schleimstoffe.
Doch wichtig bleibt:
Ein Zusatz kann eine gute Grundlage unterstützen.
Er kann aber keine fehlende Basis ersetzen.
Die wichtigste Regel vor jeder Ergänzung
Bevor ein Pferd ein Zusatzfutter bekommt, sollten zuerst diese Fragen beantwortet werden:
1. Ist die Raufutterversorgung passend?
Ohne gutes Heu oder passende Weide kann kein Zusatzprodukt eine optimale Versorgung herstellen.
2. Ist der Bedarf wirklich erhöht?
Ein gesundes Freizeitpferd benötigt nicht automatisch viele Ergänzungen.
3. Gibt es ein konkretes Ziel?
Zum Beispiel:
- Muskelaufbau,
- Gewichtszunahme,
- Fellwechsel,
- Unterstützung älterer Pferde,
- Verdauung.
Leinsamen – der Klassiker unter den natürlichen Ergänzungen
Leinsamen gehören zu den bekanntesten pflanzlichen Ergänzungen in der Pferdefütterung.
Sie enthalten:
- Schleimstoffe,
- Fett,
- Omega-3-Fettsäuren,
- Eiweiß.
Bedeutung für das Pferd
Omega-3-Fettsäuren
Leinsamen enthalten besonders viel Alpha-Linolensäure.
Diese gehört zu den mehrfach ungesättigten Fettsäuren.
Fettsäuren spielen eine Rolle bei:
- Zellmembranen,
- Entzündungsprozessen,
- Stoffwechselregulation.
Schleimstoffe
Die Schleimstoffe können:
- Wasser binden,
- die Futterstruktur verändern,
- den Verdauungstrakt unterstützen.
Eiweiß
Leinsamen liefern pflanzliches Eiweiß.
Sie können dadurch einen kleinen Beitrag zur Aminosäureversorgung leisten.
Wichtig bei Leinsamen
Leinsamen sollten fachgerecht angeboten werden.
Traditionell wurde Leinsamen häufig gekocht.
Heute werden auch aufbereitete Produkte verwendet.
Der Hintergrund:
Die Verdaulichkeit kann verbessert werden.
Leinöl – konzentrierte Energie
Leinöl liefert vor allem Fett.
Es kann sinnvoll sein bei:
- erhöhtem Energiebedarf,
- schwerfuttrigen Pferden,
- Sportpferden.
Aber:
Öl liefert Energie.
Es liefert keine Aminosäuren.
Für Muskelaufbau allein ist Öl deshalb nicht ausreichend.
Luzerne – hochwertiges Pflanzenprotein
Luzerne (Alfalfa) ist eine Futterpflanze mit:
- höherem Eiweißgehalt,
- Calcium,
- Struktur.
Sie wird häufig eingesetzt bei:
- Sportpferden,
- Pferden im Muskelaufbau,
- schwerfuttrigen Pferden.
Warum Luzerne interessant sein kann
Muskelaufbau benötigt Aminosäuren.
Luzerne kann eine wertvolle Ergänzung sein, wenn die Eiweißversorgung über das Grundfutter nicht ausreichend ist.
Grenzen von Luzerne
Luzerne passt nicht automatisch zu jedem Pferd.
Zu beachten:
- individuelle Verträglichkeit,
- Gesamtration,
- Mineralstoffverhältnis.
Bierhefe – Unterstützung über den Darm
Bierhefe enthält:
- Hefezellen,
- B-Vitamine,
- Aminosäurebestandteile.
Sie wird häufig eingesetzt zur Unterstützung von:
- Verdauung,
- Fellqualität,
- Stoffwechsel.
Zusammenhang Darm und Muskel
Der Darm beeinflusst die gesamte Nährstoffversorgung.
Eine stabile Verdauung bedeutet:
- bessere Nutzung des Futters,
- stabilere Versorgung,
- bessere Voraussetzungen für Regeneration.
Chiasamen – kleine Samen mit interessanten Inhaltsstoffen
Chiasamen enthalten:
- Omega-3-Fettsäuren,
- Ballaststoffe,
- Mineralstoffe.
Sie können beitragen zu:
- Energieversorgung,
- Vielfalt in der Ration,
- Unterstützung der Verdauung.
Der direkte Effekt auf Muskelaufbau ist jedoch nicht vergleichbar mit Training und ausreichender Eiweißversorgung.
Sonnenblumenkerne
Sonnenblumenkerne liefern:
- Fett,
- Eiweiß,
- Vitamin E.
Vitamin E ist besonders interessant für Muskelstoffwechsel.
Es wirkt als Antioxidans und schützt Zellstrukturen vor oxidativem Stress.
Vitamin E und Muskelgesundheit
Bei arbeitenden Pferden steigt durch erhöhte Muskelaktivität auch der Bedarf an antioxidativen Schutzmechanismen.
Besonders relevant kann dies sein bei:
- intensivem Training,
- Sportpferden,
- begrenztem Weidegang.
Hagebutten
Hagebutten enthalten:
- Vitamin C,
- sekundäre Pflanzenstoffe,
- Antioxidantien.
Sie werden traditionell eingesetzt zur Unterstützung:
- des Immunsystems,
- im Fellwechsel,
- als natürliche Ergänzung.
Die direkte Wirkung auf Muskelaufbau ist jedoch nicht belegt wie bei einer ausreichenden Protein- und Energieversorgung.
Brennnessel
Brennnessel enthält:
- Mineralstoffe,
- sekundäre Pflanzenstoffe.
Traditionell wird sie genutzt zur Unterstützung von:
- Stoffwechsel,
- Fell,
- allgemeiner Vitalität.
Auch hier gilt:
Sie kann eine Ration ergänzen.
Sie ersetzt keine bedarfsgerechte Ernährung.
Kräuter – sinnvoll oder überschätzt?
Kräuter sind ein sehr emotionales Thema.
Viele Menschen verbinden mit Kräutern:
- Natürlichkeit,
- Tradition,
- sanfte Unterstützung.
Das kann berechtigt sein.
Aber:
Die Wirkung vieler Kräuter beim Pferd ist wissenschaftlich deutlich weniger untersucht als klassische Nährstoffe.
Deshalb sollte unterschieden werden zwischen:
Gut belegter Ernährung
Zum Beispiel:
- Energieversorgung,
- Eiweißversorgung,
- Mineralstoffe.
und:
traditionell genutzten Pflanzen
deren Nutzen teilweise plausibel, aber wissenschaftlich weniger eindeutig ist.
Wurzeln und Pflanzenstoffe
Auch Wurzeln werden häufig eingesetzt.
Beispiele:
- Löwenzahnwurzel,
- Ingwer,
- Kurkuma.
Sie enthalten verschiedene Pflanzenstoffe.
Ihre mögliche Bedeutung liegt eher in:
- antioxidativen Eigenschaften,
- Unterstützung bestimmter Stoffwechselwege.
Sie sind jedoch kein Ersatz für:
- Training,
- Eiweiß,
- Energie,
- Mineralversorgung.
Was häufig überschätzt wird
Viele Produkte versprechen:
"Mehr Muskeln durch dieses eine Produkt."
Biologisch funktioniert das selten.
Ein Muskel entsteht durch:
- Belastung
- Reparatur
- Anpassung
- Versorgung
Kein Samen und kein Kraut kann einen fehlenden Trainingsreiz ersetzen.
Was häufig unterschätzt wird
Die größten Verbesserungen entstehen oft durch:
Besseres Heu
statt mehr Spezialprodukte.
Angepasstes Training
statt mehr Pulver.
Ausreichende Regeneration
statt ständig neue Ergänzungen.
Praktische Beispiele
Freizeitpferd mit gutem Heu
Meist sinnvoll:
- ausgewogene Mineralversorgung,
- keine unnötigen Zusätze.
Pferd im Muskelaufbau
Möglicherweise sinnvoll:
- hochwertige Eiweißquelle,
- passende Energieversorgung,
- Vitamin-E-Versorgung.
Älteres Pferd mit Muskelabbau
Möglicherweise sinnvoll:
- leicht verfügbare Eiweißquellen,
- angepasste Futterform,
- Unterstützung der Verdauung.
Aus osteopathischer Sicht
Der Körper kann nur auf Behandlung und Training reagieren, wenn die Voraussetzungen stimmen.
Ein Organismus benötigt:
- Baustoffe,
- Energie,
- Bewegungsreize,
- Regeneration.
Ernährung ist deshalb kein isoliertes Thema.
Sie ist Teil der körperlichen Anpassungsfähigkeit.
Zusammenfassung
Natürliche Ergänzungen können sinnvoll sein.
Aber:
Die Reihenfolge entscheidet.
Erst:
✅ gutes Raufutter
✅ passende Haltung
✅ angepasstes Training
✅ ausreichende Versorgung
Danach:
gezielte Ergänzungen nach Bedarf.
Die wichtigste Erkenntnis:
Nicht das besondere Futtermittel macht ein Pferd muskulös.
Es schafft nur die Voraussetzung dafür, dass der Körper Training umsetzen kann.
Fortsetzung in Artikel 6 – Teil 4/4
Im nächsten Teil:
- Warum manche Pferde trotz bester Fütterung keine Muskulatur entwickeln
- Häufige Fütterungsfehler beim Muskelaufbau
- Zusammenhang zwischen Schmerzen, Kompensation und Muskulatur
- Abschluss: Die optimale Strategie für ein gesundes, leistungsfähiges Pferd
Quellen
- National Research Council (NRC). Nutrient Requirements of Horses. National Academies Press, 2007.
- Geor, R.J.; Harris, P.A.; Coenen, M. Equine Applied and Clinical Nutrition. Elsevier.
- Meyer, H.; Coenen, M. Pferdefütterung. Schaper Verlag.
- GfE. Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden.
- McDonald, P. et al. Animal Nutrition.
- Julliand, V. Arbeiten zur Verdauungsphysiologie des Pferdes.