Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 7 Teil 1/5 Nährstoffe im Gleichgewicht
"Heilpflanzen, Kräuter, Samen und Naturstoffe in der Pferdefütterung"
Kräuter in der Pferdefütterung
Warum Pflanzenvielfalt zur Natur des Pferdes gehört
Die Beziehung zwischen Pferd und Pflanze ist so alt wie das Pferd selbst.
Lange bevor es Kraftfutter, Mineralfutter oder Nahrungsergänzungen gab, ernährten sich Wildpferde von einer großen Vielfalt unterschiedlicher Pflanzen.
Sie fraßen nicht nur Gräser.
Je nach Jahreszeit, Standort und Verfügbarkeit nahmen sie unter anderem auf:
- Kräuter,
- Blätter,
- Zweige,
- Rinden,
- Samen,
- Blüten,
- Wurzeln,
- Früchte.
Dabei suchten sie ihre Nahrung gezielt aus.
Dieses Verhalten bezeichnet man als selektives Fressverhalten.
Pferde entscheiden nicht zufällig, welche Pflanzen sie aufnehmen. Geschmack, Geruch, Erfahrung und der aktuelle Bedarf des Organismus beeinflussen ihre Auswahl.
Viele Wildtiere nutzen Pflanzen seit Jahrtausenden zur Unterstützung ihres Körpers – lange bevor es Medikamente oder Nahrungsergänzungen gab.
Auch beim Pferd spricht vieles dafür, dass diese Vielfalt ein natürlicher Bestandteil seiner Ernährung ist.
Vom artenreichen Pflanzenbestand zur Graswiese
Unsere heutigen Haltungsbedingungen unterscheiden sich jedoch deutlich von denen freilebender Pferde.
Viele Pferde erhalten heute:
- Heu,
- Gras,
- eventuell Kraftfutter,
- Mineralfutter.
Das Grundfutter besteht dabei häufig überwiegend aus verschiedenen Gräsern.
Artenreiche Wiesen mit Kräutern, Blütenpflanzen, Sträuchern und jungen Gehölzen sind dagegen deutlich seltener geworden.
Damit geht nicht nur geschmackliche Vielfalt verloren.
Auch die Vielzahl an natürlichen Pflanzenstoffen nimmt ab.
Warum Vielfalt wichtig ist
Jede Pflanze enthält ihre eigene Kombination aus:
- Vitaminen,
- Mineralstoffen,
- Ballaststoffen,
- Fettsäuren,
- sekundären Pflanzenstoffen.
Gerade diese Vielfalt ist für den Organismus interessant.
Sie sorgt nicht nur für unterschiedliche Nährstoffe, sondern stellt auch verschiedenste Substrate für die Mikroorganismen im Darm bereit.
Ein vielfältiges Futterangebot unterstützt deshalb auch die Vielfalt des Darmmikrobioms.
Und ein stabiles Darmmikrobiom bildet wiederum die Grundlage für:
- eine gesunde Verdauung,
- eine effiziente Energiegewinnung,
- die Bildung bestimmter Vitamine,
- das Immunsystem,
- den Stoffwechsel,
- die allgemeine Gesundheit.
Je abwechslungsreicher das pflanzliche Angebot ist, desto vielfältiger können sich auch die Darmbakterien entwickeln.
Kräuter sind mehr als Geschmack
Kräuter werden häufig nur als kleine Ergänzung betrachtet.
Tatsächlich enthalten viele Pflanzen hochinteressante Inhaltsstoffe.
Dazu gehören beispielsweise:
- Bitterstoffe,
- ätherische Öle,
- Schleimstoffe,
- Gerbstoffe,
- Flavonoide,
- Polyphenole,
- natürliche Antioxidantien.
Diese sogenannten sekundären Pflanzenstoffe dienen der Pflanze ursprünglich als Schutz vor Fraßfeinden, Krankheitserregern oder UV-Strahlung.
Im Organismus des Pferdes können sie verschiedene biologische Prozesse unterstützen.
Je nach Pflanze können sie unter anderem:
- die Verdauung begleiten,
- den Stoffwechsel unterstützen,
- antioxidativ wirken,
- die Schleimhäute unterstützen,
- die Futteraufnahme fördern,
- die natürliche Pflanzenvielfalt der Ration erhöhen.
Kräuter ersetzen niemals die Grundlage
So wertvoll Pflanzen sein können – sie ersetzen keine bedarfsgerechte Fütterung.
Die Basis jeder gesunden Pferdefütterung bleibt:
✅ ausreichend hochwertiges Raufutter
✅ frisches Wasser
✅ eine bedarfsgerechte Mineralstoffversorgung
✅ ausreichend Bewegung
✅ eine artgerechte Haltung
Erst wenn diese Grundlage stimmt, können Kräuter eine sinnvolle Ergänzung darstellen.
Sie sind kein Ersatz für gutes Heu.
Sie sind eine Ergänzung zu einer bereits guten Basis.
Warum Kräuter heute sinnvoll sein können
Viele Pferdehalter fragen sich:
"Braucht mein Pferd überhaupt Kräuter?"
Eine pauschale Antwort gibt es nicht.
Doch wenn wir uns die natürliche Ernährung des Pferdes ansehen, wird deutlich:
Pferde sind evolutionär darauf ausgelegt, unterschiedlichste Pflanzen aufzunehmen.
Da unsere heutigen Weiden und Heuwiesen häufig deutlich artenärmer sind als natürliche Pflanzenbestände, kann das gezielte Angebot verschiedener Pflanzen durchaus sinnvoll sein.
Dazu gehören beispielsweise:
- getrocknete Kräuter,
- frische Kräuter,
- Kräutertees,
- Zweige geeigneter Gehölze,
- Blätter,
- verschiedene Futterpflanzen.
Sie können die Ration abwechslungsreicher gestalten und die natürliche Pflanzenvielfalt erhöhen.
Aber: Natürlich bedeutet nicht automatisch harmlos
Ein weit verbreiteter Irrtum lautet:
"Wenn etwas natürlich ist, kann es nicht schaden."
Das stimmt nicht.
Gerade weil Kräuter biologisch aktive Inhaltsstoffe enthalten, besitzen sie auch eine Wirkung.
Und alles, was wirken kann, kann bei falscher Anwendung auch unerwünschte Effekte haben.
Zu große Mengen einzelner Kräuter können beispielsweise:
- den Stoffwechsel unnötig belasten,
- Verdauungsprobleme verursachen,
- Wechselwirkungen mit Medikamenten eingehen,
- empfindliche Pferde überfordern.
Mehr ist deshalb nicht automatisch besser.
Können Pferde selbst auswählen?
Viele Pferde zeigen ein erstaunlich gutes Gespür dafür, welche Pflanzen sie bevorzugen.
Dieses Verhalten lässt sich besonders bei Pferden beobachten, die Zugang zu einer vielfältigen Vegetation haben.
Dennoch können unsere heutigen Haltungsbedingungen dieses natürliche Auswahlverhalten nur eingeschränkt ermöglichen.
Deshalb sollte der Mensch unterstützend handeln – nicht indem er möglichst viele Kräuter gleichzeitig füttert, sondern indem er dem Pferd eine sinnvolle Auswahl hochwertiger Pflanzen anbietet.
Vielfalt statt Übermaß lautet das Ziel.
Welche Pflanzen können sinnvoll sein?
Neben klassischen Kräutern spielen auch andere Pflanzen eine wichtige Rolle.
Dazu gehören beispielsweise:
- Leinsamen,
- Flohsamen,
- Brennnessel,
- Löwenzahn,
- Mariendistel,
- Fenchel,
- Kamille,
- Pfefferminze,
- Hagebutten,
- junge Zweige von Weide, Haselnuss oder Obstbäumen.
Jede dieser Pflanzen besitzt ihre eigenen besonderen Eigenschaften.
Welche davon in welcher Situation sinnvoll sein können, betrachten wir in den nächsten Teilen dieses Artikels genauer.
Aus osteopathischer Sicht
Ein gesunder Organismus lebt von Vielfalt.
Nicht nur bei der Bewegung, sondern auch bei der Ernährung.
Je vielfältiger die Versorgung mit unterschiedlichen Pflanzenstoffen ist, desto besser können viele Regulationsprozesse unterstützt werden.
Kräuter sind deshalb kein Wundermittel.
Sie sind ein natürlicher Baustein eines funktionierenden Gesamtsystems.
Wichtigste Erkenntnis
Ein gesundes Pferd braucht keine möglichst vielen Kräuter.
Es profitiert vielmehr von einer abwechslungsreichen, natürlichen Pflanzenvielfalt – ergänzt mit Bedacht und immer auf der Grundlage einer bedarfsgerechten Fütterung.
Fortsetzung Artikel 7 – Teil 2/5
Im nächsten Teil betrachten wir einzelne Kräuter und Samen genauer.
Unter anderem:
- Leinsamen
- Flohsamen
- Brennnessel
- Löwenzahn
- Mariendistel
- Fenchel
- Anis
- Kümmel
Wir schauen uns an,
- welche Inhaltsstoffe sie enthalten,
- welche traditionellen Einsatzgebiete sie haben,
- welche biologischen Eigenschaften sie besitzen
- und wie sie sinnvoll in die Pferdefütterung integriert werden können.
Quellen
- National Research Council (NRC). Nutrient Requirements of Horses. National Academies Press.
- Meyer, H.; Coenen, M. Pferdefütterung.
- Geor, R.J.; Harris, P.A.; Coenen, M. Equine Applied and Clinical Nutrition.
- GfE. Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden.
- European Medicines Agency (EMA). Herbal Monographs.