Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 8 Teil 3/5 Mineralfutter & Spurenelemente
Mineralfutter beim Pferd richtig auswählen – Zwischen Marketingmythen und Bedarf
Der Markt für Mineralfutter ist riesig und für viele Pferdehalter kaum noch überschaubar. Bunte Verpackungen werben mit organischen Super-Chelaten, natürlicher Kräutermagie, speziellen Rezepturen für Sportpferde oder Versprechen für glänzendes Fell und rapiden Muskelaufbau.
Doch der höchste Preis oder die imposanteste Zutatenliste garantieren keineswegs die beste Versorgung. Die einzig relevante Frage bei der Auswahl lautet: Deckt dieses Mineralfutter punktgenau die Lücken meiner aktuellen Grundration, ohne mein Pferd zu überversorgen?
Braucht wirklich jedes Pferd ein Mineralfutter?
Die kurze Antwort lautet: Ja, nahezu jedes Pferd unter modernen Haltungsbedingungen.
In freier Wildbahn legen Pferde täglich viele Kilometer zurück. Sie fressen Dutzende verschiedene Gräser, tiefwurzelnde Kräuter, Rinden, Blätter und nehmen Mineralien über naturbelassene Böden und Quellwasser auf.
Auf unseren heutigen Kulturweiden und bei der modernen Heugewinnung sieht die Realität anders aus:
- Artenarme Gräsermischungen (oft dominiert von ertragsorientiertem Deutschen Weidelgras).
- Ausgelaugte, intensiv genutzte oder übersäuerte Böden.
- Monotone Raufutterfütterung über Monate hinweg.
Selbst qualitativ hochwertiges Heu liefert meist ausreichend Energie und Rohfaser, weist aber schleichende Defizite bei den Spurenelementen (insbesondere Zink, Kupfer und Selen) auf. Eine gezielte Ergänzung ist daher der Schlüssel zu langfristiger Gesundheit.
Salzleckstein vs. Mineralfutter: Der große Unterschied
Eine weit verbreitete Fehlannahme lautet: "Mein Pferd hat einen Salzleckstein im Stall, damit deckt es seinen Mineralstoffbedarf selbst ab."
Hier müssen zwei völlig unterschiedliche Bausteine getrennt werden:
Fazit: Ein Salzleckstein deckt ausschließlich den Natrium- und Chloridbedarf. Er kann ein vollwertiges Mineralfutter niemals ersetzen.
Chemische Formen: Organisch vs. Anorganisch
Auf Mineralfutterverpackungen stößt man unweigerlich auf Begriffe wie "Zinksulfat" oder "Zink-Glycin-Chelat". Was verbirgt sich dahinter?
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Anorganische Verbindungen (Oxide, Sulfate, Carbonate)
Eigenschaften: Mineralstoffe sind an anorganische Salze gebunden (z. B. Zinkoxid, Magnesiumsulfat, Calciumcarbonat).
Vorteile: Sehr kostengünstig in der Herstellung, lange haltbar.
Nachteile: Benötigen viel Magensäure zur Spaltung; können im Dünndarm leichter von Gegenspielern (Antagonisten) blockiert werden. -
Organische Verbindungen (Chelate, Aminosäure-Komplexe, Histinate)
Eigenschaften: Das Mineralstoff-Ion ist an eine organische Substanz (z. B. eine Aminosäure wie Glycin) gebunden.
Vorteile: Hohe Bioverfügbarkeit. Der Körper nimmt das Mineral geschützt über die Aminosäure-Transporter im Darm auf. Das Risiko von Verdrängungseffekten durch andere Mineralien ist geringer.
Nachteile: Aufwendiger im Herstellungsprozess und dadurch preislich intensiver.
Anorganisch (z. B. Oxide) [ Magen-Darm-Passage ] ──► Hohes Risiko von Blockaden durch Antagonisten im Dünndarm
Organisch (z. B. Chelate) [ Magen-Darm-Passage ] ──► "Schutzhülle" erlaubt direkte Aufnahme über Aminosäurepfade
Die Mythos-Falle: "Organisch ist immer besser"
Organische Mineralien sind biochemisch hochwirksam, aber nicht pauschal die einzig wahre Lösung. Für ein gesundes Freizeitpferd mit intakter Verdauung ist eine durchdachte Kombination aus gut verfügbaren anorganischen und organischen Formen oft völlig ausreichend und schont den Geldbeutel. Bei Stoffwechselpatienten (z. B. EMS, Cushing, KPU) oder extremen Mängeln sind organische Chelate hingegen die Mittel der ersten Wahl.
Warum "100 % Natürlich" nicht automatisch optimal ist
Der Begriff "natürlich" wird im Marketing hoch geschätzt. Doch die Biochemie unterscheidet nicht zwischen einem Zink-Molekül aus einer Hagebutte und einem Zink-Molekül aus dem Labor – die Atome sind absolut identisch.
Zudem birgt der reine Glaube an die Natur Gefahren:
- Dosierungsunsicherheit: Kräuter und Pflanzen unterliegen natürlichen Gehaltsschwankungen.
- Gefahr der Kumulation: Natürliche Rohstoffe wie Algen oder Peloid-Erden können je nach Herkunft mit Schwermetallen (z. B. Arsen, Blei) beladen sein.
- Unvollständigkeit: Eine Kräutermischung allein erreicht selten die geforderten Tagesdosierungen an Zink oder Selen für ein gearbeitetes Pferd.
Die unterschätzte Gefahr: Die Überversorgung
In dem Bestreben, dem Pferd etwas Gutes zu tun, füttern viele Halter eine Kombination aus Mineralfutter, Müsli mit Vitaminzusätzen, Belohnungsleckerlis mit Zusatzstoffen und bunten Kräutermischungen.
Das Problem: Mineralstoffe addieren sich!
Eine chronische Überversorgung ist mindestens genauso schädlich wie ein Mangel:
- Zink-Überdosierung: Hemmt die Aufnahme von Kupfer und Eisen und führt sekundär zu Sehnenschwäche.
- Selen-Überdosierung: Führt zu Gewebetoxizität, Hufwandrissen und Ausfall des Langhaars.
- Calcium-Überdosierung: Kann die Verwertung von Magnesium, Mangan und Zink blockieren.
In 3 Schritten zum richtigen Mineralfutter
Um Fehlkäufe zu vermeiden, folge diesem logischen Leitfaden:
Schritt 1: Grundration ermitteln
- Wie viel Heu frisst das Pferd tatsächlich (Kilo pro Tag, trocken)?
- Aus welcher Region stammt das Heu? Gibt es bereits eine Heuanalyse?
- Werden Kraftfutter oder Müsli gefüttert? (Achtung: Ist dieses bereits mineralisiert?)
Schritt 2: Den individuellen Bedarf definieren
- Gewicht & Alter: Ein 600-kg-Warmblut hat andere Bedarfe als ein 200-kg-Shetlandpony.
- Leistung: Freizeit, Dressur/Springen, Zucht, Wachstum oder Seniorenalter.
- Vorerkrankungen: Liegen Stoffwechselstörungen (EMS, PSSM, Cushing) vor?
Schritt 3: Deklaration lesen & Gehalte vergleichen
Schau auf die Rückseite des Eimers unter "Ernährungsphysiologische Zusatzstoffe je kg":
- Enthält das Produkt ein ausgeglichenes Zink-Kupfer-Verhältnis (ca. 3:1 bis 4:1)?
- Ist der Selengehalt an dein regionales Heu angepasst?
- Ist das Mineralfutter frei von unnötigen Füllstoffen (z. B. hohem Getreideanteil, Melasse oder künstlichen Aromen)?
Zusammenfassung
Ein gutes Mineralfutter zeichnet sich nicht durch bunte Bilder oder extrem hohe Preise aus. Es ist ein präzises Werkzeug, das die spezifischen Lücken deines Grundfutters schließt. Weniger ist hier oft mehr – aber das Richtige zur richtigen Zeit ist entscheidend.
Quellen & Literaturverzeichnis (Teil 3)
- McDonald, P.; Edwards, R.A.; Greenhalgh, J.F.D. et al.: Animal Nutrition. 7th Edition, Pearson Education (Kapitel: Bioavailability of Inorganic vs. Organic Trace Minerals).
- Meyer, H.; Coenen, M.; Vervuert, I.: Pferdefütterung. 6. Auflage, Thieme Verlag, Stuttgart (Kapitel: Futterwerttabellen, Mineralstoff-Deklarationen und Rationsgestaltung).
- Coenen, M.: Die Fütterung des Pferdes bei Stoffwechsel- und Verdauungsstörungen. In: Praktische Tierheilkunde.
- GfE (Gesellschaft für Ernährungsphysiologie): Empfehlungen zur Nährstoffversorgung von Pferden. DLG-Verlag, Frankfurt am Main.