Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 8 Teil 2/5 Mineralfutter & Spurenelemente
Spurenelemente beim Pferd – Zink, Kupfer, Selen und Mangan richtig verstehen
Im ersten Teil unserer Serie haben wir die Mengenelemente wie Calcium, Magnesium und Natrium kennengelernt. Nun tauchen wir ein in die Welt der Spurenelemente. Wie der Name schon verrät, benötigt das Pferd diese Nährstoffe nur in winzigen Dosen – oft messen wir den täglichen Bedarf in Milligramm (mg) oder gar Mikrogramm (µg).
Dennoch gilt in der Pferdenährung: Die Menge sagt nichts über die Bedeutung aus. Spurenelemente wirken wie mikroskopisch kleine Schalter im Organismus. Fehlt auch nur ein einzelner Schalter, geraten komplexe Enzymketten, der Zellschutz und die Regeneration ins Stocken.
Der Denkfehler der "Symptom-Fütterung"
In der Praxis begegnet uns immer wieder dasselbe Muster. Ein Pferd zeigt ein optisches oder funktionelles Problem, und die Suche nach der "Wundermittel-Lösung" beginnt:
- "Mein Pferd hat stumpfes Fell und Strahlfäule – ich muss Zink füttern!"
- "Mein Pferd ist steif in der Hinterhand – das ist sicher Selenmangel!"
- "Mein Pferd wirkt schlapp und müde – es braucht dringend Eisen!"
Die biochemische Realität ist jedoch ungleich komplexer. Kein Symptom lässt sich monokausal auf ein einziges Spurenelement zurückführen. Ein schlechtes Hufhorn oder ein verzögerter Fellwechsel können ebenso durch Proteinmangel, Leberüberlastung, Darmdysbiosen, Parasitendruck oder schlichte Fütterungsfehler (z. B. ein Überschuss an Stärke) entstehen.
Das Spurenelement-Netzwerk: Die Gefahr von Antagonismen
Spurenelemente arbeiten im Körper nicht isoliert. Sie konkurrieren im Dünndarm oft um dieselben Aufnahme-Wege (Rezeptoren und Transportproteine wie den DMT-1-Transporter). Füttert man ein Spurenelement in isolierter Hochdosierung ungezielt "auf Verdacht", blockiert man zwangsläufig die Aufnahme anderer wichtiger Partner.
Goldene Regel der Fütterung: Füttere niemals einzelne Spurenelemente hochdosiert über längere Zeit, ohne das Gesamtsystem (Verhältnis von Zink, Kupfer, Eisen und Mangan) zu berücksichtigen!
Die wichtigsten Spurenelemente im Porträt
1. Zink (Zn) – Der Meister von Haut, Fell und Immunsystem
Zink ist Co-Faktor von über 300 Enzymen im Pferdekörper. Es ist essenziell für die Zellteilung und die Synthese von Keratin – dem Hauptbaustoff von Haaren, Hufhorn und Epidermis.
- Hauptaufgaben: Hautregeneration, Wundheilung, Hufwachstum, Immunabwehr, Zellschutz.
- Typische Fehlschlüsse: Nicht jede Mauke oder Schuppenbildung ist ein Zinkmangel. Oft ist die Leber durch Umweltgifte oder Schimmelpilze im Heu überlastet, wodurch der Zinkbedarf zweitrangig erhöht erscheint.
2. Kupfer (Cu) – Der Architekt des Bindegewebes
Kupfer wird in der Praxis häufig stiefmütterlich behandelt, ist jedoch für die osteopathische Therapeutenseite von herausragender Bedeutung. Kupfer ist Bestandteil des Enzyms Lysyloxidase, welches für die Quervernetzung von Kollagen- und Elastinfasern sorgt.
- Hauptaufgaben: Stabilisierung von Sehnen und Bändern, Pigmentbildung (Fellfarbe), Hämostase und Eisenmobilisierung.
- Das Zink-Kupfer-Verhältnis: Ein optimales Verhältnis liegt etwa bei 3:1 bis 4:1 (Zink zu Kupfer). Ein massiver Zinküberschuss führt schleichend zu brüchigen Sehnenstrukturen durch Kupfermangel!
3. Selen (Se) – Der hocheffektive Zellschützer
Selen ist ein zentraler Baustein des Enzyms Glutathionperoxidase. Es schützt die Zellmembranen vor aggressiven Sauerstoffradikalen, die bei der Muskelarbeit entstehen.
- Hauptaufgaben: Antioxidativer Schutz der Muskelzellen, Immunsystem, Schilddrüsenfunktion.
- Achtung – Enge therapeutische Breite! Selen ist toxisch bei Überdosierung. Während ein echter Selenmangel zu Muskelschwäche und Degeneration führt, bewirkt eine chronische Überversorgung das Absterben von Gewebe: Ausscheren der Mähne, Vergiftungssymptome und Risse in der Hufwand bis hin zum Hufreheschub. Selen niemals ohne gesicherte Diagnose hochdosieren!
4. Mangan (Mn) – Der Vergessene für Knorpel und Knochen
Mangan ist unverzichtbar für die Synthese von Glykosaminoglykanen (GAGs) wie Chondroitinsulfat und Hyaluronsäure, welche die Matrix von Gelenkknorpeln und Synovialflüssigkeit ("Gelenkschmierte") bilden.
- Hauptaufgaben: Knorpel- und Knochenstoffwechsel, Sehnenelastizität, Kohlenhydrat- und Fettstoffwechsel.
- Relevanz: Besonders wichtig für Jungpferde im Wachstum sowie Sportpferde mit hoher Gelenkbelastung.
5. Eisen (Fe) – Sauerstofftransport & der "Müdigkeits-Mythos"
Eisen ist der Kern des Hämoglobins (roter Blutfarbstoff) und Myoglobins (Muskeleiweiß) und damit verantwortlich für den Sauerstofftransport im Blut und Muskel.
- Der Mythos: "Das Pferd ist schlapp – es braucht Eisen."
- Die Fütterungsrealität: Ein echter Eisenmangel ist bei Pferden extrem selten! Heu und Bodenpartikel enthalten meist mehr als reichlich Eisen. Ein Zuviel an Eisen blockiert wiederum die Dünndarmresorption von Kupfer und Zink und kann entzündliche Prozesse im Körper anfachen.
Der Zusammenhang zum Muskelaufbau
Da Muskelaufbau ein zentrales Ziel vieler Pferdesportler und Therapeuten ist, muss klargestellt werden: Kein Spurenelement baut isoliert Muskeln auf.
Der Muskelzuwachs ist ein vielschichtiges Zahnradsystem:
Fehlt eines dieser Zahnräder, stagniert der Muskelaufbau trotz härtesten Trainings.
Warum Blutwerte oft trügerisch sind
Ein häufiger Fehler liegt in der ungeprüften Interpretation eines einfachen Blutbildes.
Der Pferdekörper betreibt eine strikte Homöostase: Er versucht, die Konzentration wichtiger Elemente im Blutserum um jeden Preis konstant zu halten. Sinkt die Zufuhr über das Futter, mobilisiert der Körper Reserven aus den Speicherorganen (Leber, Knochen, Gewebe).
- Ein normaler Blutwert bedeutet daher keineswegs, dass die Gewebespeicher voll sind.
- Ein niedriger Blutwert im Serum zeigt oft erst einen bereits weit fortgeschrittenen, chronischen Mangel an.
Eine verlässliche Beurteilung erfordert immer die Gesamtschau aus:
- Detaillierter Rationsberechnung (Heuanalyse + Mineralfutter-Check)
- Klinischem Erscheinungsbild (Fell, Hufe, Bemuskelung, Zähne)
- Blutbild (ggf. unter Berücksichtigung von Organwerten wie AP, GLDH, AST)
- Haltungs- und Trainingsbedingungen
Häufige Fehler bei der Spurenelement-Fütterung
- Symptombekämpfung statt Ursachensuche: Beim ersten Anzeichen von Hautproblemen ein Zinkpräparat kaufen, anstatt das Grundfutter und den Darm zu analysieren.
- Der "Produkt-Cocktail": Gleichzeitige Fütterung von Mineralfutter, Müslipackungen mit Zusatzstoffen und mehreren Spezial-Ergänzungsfuttern. Ergebnis: Unkontrollierte Überdosierungen und Nährstoffblockaden.
- Vertrauen auf Werbeversprechen: "All-in-One"-Produkte versprechen Wunder, passen aber oft nicht zum spezifischen Mineralstoffprofil des eigenen regionalen Heus.
Zusammenfassung der Spurenelemente
| Spurenelement | Primäre Funktion im Körper | Hauptsymptome bei Mangel | Gefahr bei Überdosierung |
|---|---|---|---|
| Zink (Zn) | Haut, Fell, Keratinsynthese, Immunsystem | Stumpfes Fell, Mauke, schlechte Hufqualität | Verdrängt Kupfer & Eisen |
| Kupfer (Cu) | Kollagensynthese, Sehnen, Bänder, Pigmente | Bänder- & Sehnenschwäche, "Kupferbrille" | Toxisch, Leberschädigung |
| Selen (Se) | Antioxidativer Zellschutz, Muskelstoffwechsel | Muskelschwäche, Steifheit, Leistungsabfall | Sehr hoch: Hufrehe, Ausscheren der Haare |
| Mangan (Mn) | Knorpelmatrix (GAGs), Knochen, Enzymsysteme | Gelenk- & Sehnenprobleme, Wachstumsstörungen | Hemmt die Eisenaufnahme |
| Eisen (Fe) | Sauerstofftransport (Hämoglobin) | Anämie (extrem selten durch Fütterung) | Darmreizungen, Kupfer-/Zinkmangel |
Quellen
- Suttle, N.F.: Mineral Nutrition of Livestock. 4th Edition, CABI Publishing (Standardwerk zu Trace Element Interactions & Antagonisms).
- Geor, R.J.; Harris, P.A.; Coenen, M.: Equine Applied and Clinical Nutrition: Health, Welfare and Performance. Saunders Ltd. (Kapitel: Micronutrient Balance and Metabolism).
- Meyer, H.; Coenen, M.; Vervuert, I.: Pferdefütterung. 6. Auflage, Thieme Verlag, Stuttgart (Kapitel: Spurenelemente, Intoxikationen und Mangelzustände).
- NRC (National Research Council): Nutrient Requirements of Horses. National Academies Press, Washingtn D.C.