Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 8 Teil 5/5 Mineralfutter & Spurenelemente
Der praktische Mineralstoff-Check – Schritt für Schritt zur ausgewogenen Ration
In den Teilen 1 bis 4 haben wir die faszinierende Biochemie der Mengenelemente, Spurenelemente und deren biomechanische Auswirkungen auf Muskeln, Faszien und Nerven analysiert. Doch wie sieht die konkrete Umsetzung im Stallalltag aus?
Pferdehalter schwanken häufig zwischen zwei Extremen:
- Den Leichtsinnigen: "Mein Pferd ist ein Wildpferd-Abkömmling – Heu und ein Salzstein reichen völlig aus."
- Den Überfürsorglichen: "Mein Pferd bekommt fünf verschiedene Ergänzungsfuttermittel, Pulver und Kräuter, damit es an nichts fehlt."
Die goldene Mitte liegt in der zielgerichteten, bedarfsgerechten Präzision. Gesundheit entsteht nicht durch maximale Mengen, sondern durch das perfekte Gleichgewicht.
Der 5-Schritt-Check für deine Fütterung
Damit du die Mineralstoffversorgung deines Pferdes objektiv bewerten kannst, nutze diese systematische Analyse:
Schritt 1: Die Grundlagen der Gesamtration betrachten
Erfasse ungefiltert alles, was dein Pferd über 24 Stunden aufnimmt:
- Raufutter: Wie viel Kilo Trockenmasse frisst dein Pferd? Handelt es sich um artenreiches Wiesenheu oder überständiges, spätes Holzkopf-Heu?
- Weidegang: Wie artenreich ist die Koppel? Stehen dort viele Kräuter oder reine Hochleistungsgräser?
- Krippenfutter & Müslis: Enthält das tägliche Kraftfutter bereits zugesetzte Vitamine und Spurenelemente? (Achtung: Dies muss von der Dosis des Mineralfutters abgezogen werden!)
Schritt 2: Den echten Bedarf einschätzen
Kein Pferd füttert man wie das andere. Der Nährstoffbedarf unterscheidet sich je nach Lebensphase drastisch:
- Freizeitpferd bei leichter Arbeit: Benötigt primär Erhaltungsbedarf an Energie, aber die volle Abdeckung der Spurenelemente zur Gewebereparatur.
- Sportpferd bei hoher Belastung: Höherer Elektrolyt- (Schweiß), Magnesium- und Selenbedarf durch gesteigerten Muskelumsatz.
- Jungpferd im Wachstum: Hoher Bedarf an Calcium, Phosphor, Mangan und Kupfer für einen gesunden Knochen- und Gelenkaufbau.
- Senior: Häufig verminderte Enzymleistung im Magen-Darm-Trakt – benötigt leicht verdauliche, organisch gebundene Mikronährstoffe.
Schritt 3: Symptome kritisch hinterfragen (Mangel vs. Ursache)
Optische Auffälligkeiten sind Warnsignale, aber selten eindeutige Diagnosen für ein einzelnes Produkt:
| Beobachtetes Symptom | Erster Impuls (Oft falsch) | Mögliche reale Ursachen |
|---|---|---|
| Stumpfes Fell / Schlechter Wechsel | "Mehr Zink füttern!" | Proteinmangel, Parasiten, Leberüberlastung, Cushing (PPID) |
| Brüchiges, weiches Hufhorn | "Biotin & Zink kaufen!" | Falsche Hufbearbeitung, Feuchtigkeitsmangel, Aminosäurendefizit |
| Muskelverspannung / Steifheit | "Magnesium & Selen geben!" | Unpassender Sattel, Fehlausbildung, Blockaden, Energiemangel |
| Müdigkeit / Schlappheit | "Eisen-Kur starten!" | Chronischer Entzündungsherd, Bewegungsmangel, Magenprobleme |
Schritt 4: Die Heuanalyse als objektiver Kompass
Wer Raterei vermeiden will, lässt sein Heu im Labor untersuchen (z. B. LUFA). Eine Standard-Heuanalyse zeigt verlässlich die Gehalte an:
- Rohprotein, Energie (ME) und Zucker.
- Mengenelementen (Calcium, Phosphor, Magnesium, Kalium, Natrium).
- Spurenelementen (Zink, Kupfer, Mangan, Eisen, Selen).
Praxistipp: Ist eine eigene Heuanalyse im Stall nicht umsetzbar, ziehe die regionalen Durchschnittswerte von Landwirtschaftskammern heran. In vielen deutschen Mittelgebirgen herrscht beispielsweise ein flächendeckender Selenmangel bei gleichzeitig hohem Eisen- und Mangananteil im Boden.
Schritt 5: Das Mineralfutter zielgerichtet auswählen
Prüfe das Wunschprodukt anhand folgender Kriterien:
- Transparenz: Sind alle Werte in mg oder g je Kilo angegeben? Versteckt sich der Hersteller hinter "proprietären Mischungen"?
- Dosierbarkeit: Lässt sich die Menge flexibel an das Gewicht deines Pferdes anpassen?
- Keine Füllstoffe: Ist das Produkt frei von unnötigem Zucker, Melasse, künstlichen Farbstoffen oder Getreideüberschuss?
Die 3 häufigsten Fehler bei der Mineralstofffütterung
- Der "Multi-Produkt-Cocktail": Aus Sorge werden Mineralfutter, Fellglanz-Pellets, Muskelaufbau-Präparate und vitaminisierte Belohnungsleckerlis kombiniert. Ergebnis: Das Pferd erleidet eine schädliche Überversorgung mit Selen oder Zink.
- Kauf nach Werbeversprechen: "All-in-One"-Wundermittel existieren nicht. Fütterung muss individuell zur Grundration passen.
- Ursache mit Wirkung verwechseln: Ein Pferd mit Blockaden in der Wirbelsäule wird auch durch das teuerste Mineralfutter nicht locker traben, wenn die Ursache im Sattel oder in einem verklebten Fasziennetz liegt.
Ganzheitlicher Ansatz: Wenn Fütterung auf Biomechanik trifft
Als Therapeuten wissen wir: Der Körper ist ein geschlossenes, dynamisches System. Wir unterteilen den Pferdekörper in der Praxis in drei miteinander verwobene Ebenen:
- Struktur: Bildet das mechanische Gerüst (Skelett, Gelenke, Bandapparat).
- Funktion: Steuert die Koordination, den Muskeltonus und die Bewegungsabläufe.
- Stoffwechsel: Liefert das biochemische Baumaterial (Mineralstoffe, Spurenelemente, Proteine) und die Energie.
Fehlt die biochemische Basis im Stoffwechsel, leidet der Muskeltonus (Funktion), was über kurz oder lang zu Gelenkblockaden und Verschleiß führt (Struktur).
Das Gesamtfazit der Artikelreihe "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle"
- Raufutter ist das Fundament: Jede Fütterung beginnt bei ausreichend qualitativ hochwertigem Heu und Gras.
- Bedarf ist dynamisch: Alter, Rasse, Training und Haltung bestimmen die Rationsgestaltung.
- Energie & Eiweiß bauen auf: Muskeln benötigen Aminosäuren und Energie – Mineralstoffe steuern die Prozesse.
- Mineralstoffe sind Mikroschalter: Sie sind unentbehrliche Katalysatoren für Nerven, Muskeln, Immunsystem und Faszien.
- Einheit von Körper und Futter: Fütterung liefert die Bausteine – gezieltes Training und Therapeuten formen daraus ein funktionierendes, gesundes Pferd!
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NEUER ARTIKEL 9
Der Darm des Pferdes –
Das Zentrum von Verdauung, Stoffwechsel und Gesundheit
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Schwerpunkte:
- Anatomie des Pferdedarms
- Warum Pferde Dauerfresser sind
- Mikrobiom und Darmflora
- Zusammenhang zwischen Darm und Immunsystem
- Darm und Bewegungsapparat
- Kolikrisiko
- Magengesundheit
- Fütterungsfehler erkennen
Quellen
- National Research Council (NRC): Nutrient Requirements of Horses. 6th revised edition, National Academies Press, Washington D.C.
- GfE (Gesellschaft für Ernährungsphysiologie): Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden. DLG-Verlag, Frankfurt am Main.
- Meyer, H.; Coenen, M.; Vervuert, I.: Pferdefütterung. 6. überarbeitete Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart.
- Geor, R.J.; Harris, P.A.; Coenen, M.: Equine Applied and Clinical Nutrition: Health, Welfare and Performance. Saunders Ltd.
- Suttle, N.F.: Mineral Nutrition of Livestock. 4th Edition, CABI Publishing.
- McDonald, P. et al.: Animal Nutrition. 7th Edition, Pearson Education.