Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 9 Teil 1/5 Der Darm des Pferdes
Zentrum von Verdauung, Stoffwechsel und Gesundheit
Wenn wir ein Pferd fressen sehen, wirkt der Vorgang auf den ersten Blick denkbar einfach: Das Pferd nimmt Gras oder Heu auf, kaut bedächtig, schluckt ab, und der Körper nutzt die darin enthaltenen Nährstoffe.
Doch hinter diesem scheinbar alltäglichen Ablauf verbirgt sich ein hochkomplexes, hochsensibles biochemisches und physiologisches System. Der Verdauungstrakt des Pferdes ist das Resultat einer jahrmillionenlangen Evolution (spezifisch als spät-fermentierender Pflanzenfresser oder "Hindgut Fermenter"). Er ist perfekt an eine Lebensweise angepasst, die durch drei Grundpfeiler definiert ist:
- Kontinuierliche Futteraufnahme (12 bis 16 Stunden täglich)
- Ballaststoff- und faserreiche Pflanzennahrung
- Viele kleine, stetig aufgenommene Portionen
Viele moderne Fütterungsprobleme, Stoffwechselstörungen und Verhaltensauffälligkeiten entstehen schlichtweg dadurch, dass wir dieses biologisch fest verankerte Verdauungssystem durch unnatürliche Haltungs- und Fütterungsformen überfordern.
Das Pferd als kontinuierlicher Raufutterverwerter
Pferde gehören anatomisch und physiologisch zu den kontinuierlichen Raufutterverwertern. Ihr gesamter Verdauungstrakt – von der Speichelsekretion über die Säureproduktion im Magen bis hin zur mikrobiellen Gärung im Dickdarm – arbeitet im Dauerbetrieb.
Ein wildlebendes Pferd verbringt den Großteil seines Tages mit der Vergesellschaftung von drei Elementen:
Dabei nimmt es primär strukturell reiche Gräser, Kräuter, Rinden und Wurzeln auf. Dieser Dauerstrom an Rohfaser hält die Darmperistaltik aufrecht, versorgt das Mikrobiom mit Nährstoffen und schützt das System vor Säureschäden.
Warum Pferde keine „Großmahlzeiten-Tiere“ sind
Im Gegensatz zu Raubtieren (Carnivoren) oder Allesfressern (Omnivoren), die nach einer erfolgreichen Jagd oder Mahlzeit große Futtermengen im Magen zwischenspeichern können, besitzt das Pferd bezogen auf seine Körpergröße einen extrem kleinen Magen.
- Fassungsvermögen: Das Magenvolumen eines ausgewachsenen Warmbluts (ca. 600 kg) beträgt lediglich 8 bis 15 Liter.
- Proportionaler Anteil: Der Magen macht weniger als 10 % des Gesamtfassungsvermögens des Verdauungstrakts aus.
Die Natur hat den Magen als Durchlaufstation konzipiert. Werden Pferden große Kraftfutter- oder Raufutterportionen auf einmal vorgelegt, führt dies zu einer Überladung des Magens, einer unzureichenden Durchmischung mit Magensaft und dem unverdauten Weiterleiten von Stärke in nachfolgende Darmabschnitte.
Die Reise des Futters durch den Pferdekörper
Der Verdauungstrakt des Pferdes erstreckt sich über eine Gesamtlänge von etwa 30 Metern. Jeder Abschnitt erfüllt hochspezialisierte physikalische und chemische Aufgaben:
Das Maul: Der Auftakt der Verdauung – Kauen und Speichelbildung
Die Verdauung beginnt keineswegs erst im Magen, sondern beim Kauen. Während der Mensch bereits im Speichel das Enzym Ptyalin besitzt, um Kohlenhydrate anzudauen, fehlt dieses Enzym beim Pferd weitgehend. Der Pferdespeichel dient vorrangig der Gleitfähigkeit des Futterbreis und der chemischen Neutralisation von Säuren.
Beim intensiven Mahlen von Raufutter produziert das Pferd enorme Mengen Speichel:
- Speichelmenge: Ca. 40 bis 50 Liter pro Tag (abhängig von der Kautätigkeit).
- Inhaltsstoffe: Wasser, Schleimstoffe (Muzine) und hohe Konzentrationen an Bikarbonat.
- Pufferkapazität: Bikarbonat ist der natürliche Gegenspieler der Magensäure.
Kautätigkeit im Vergleich: Raufutter vs. Kraftfutter
Die Art des Futters entscheidet maßgeblich über die Anzahl der Kauschläge und damit über die produzierte Speichelmenge:
| Futtermittel (1 kg) | Kauschläge (ca.) | Fressdauer (ca.) | Speichelproduktion |
|---|---|---|---|
| Heu / Stroh | 3.000 – 3.500 | 40 – 50 Minuten | ca. 4 – 5 Liter |
| Hafer / Pellets | 800 – 1.200 | 10 – 15 Minuten | ca. 1 – 1,5 Liter |
Praxis-Erkenntnis: Wer Kraftfutter vor Raufutter füttert, lässt das Pferd mit wenig Speichel schlingen. Die Folge: Der Magen ist unzureichend gepuffert, wenn die Magensäure auf das Kraftfutter trifft. Aus diesem Grund gilt die eiserne Regel: Immer Heu vor Kraftfutter füttern!
Der Magen: Anatomie, Physiologie und die Entstehung von Magengeschwüren
Der Pferdemagen ist zweigeteilt. Diese funktionelle Trennung ist der Grund, warum Fresspausen für Pferde extrem gefährlich sind:
- Drüsenloser Bereich (Margo plicatus / Pars caeca):
Der obere Teil des Magens ist mit einer drüsenlosen Schleimhaut (Plattenepithel) ausgekleidet. Er besitzt keinen eigenen Schutzfilm gegen Säure. - Drüsenhaltiger Bereich (Pars glandularis):
Der untere Teil ist mit einer Drüsenschleimhaut bedeckt, die stetig Salzsäure und Pepsinogen zur Eiweißverdauung sowie schützenden Schleim und Bikarbonat produziert.
Das Problem der kontinuierlichen Säuresekretion
Im Gegensatz zum Menschen, dessen Magen erst bei Futteraufnahme gezielt Säure produziert, schüttet der Pferdemagen kontinuierlich Magensäure aus – unabhängig davon, ob das Pferd frisst oder nicht.
Fügt man nun lange Fresspausen (mehr als 4 Stunden) hinzu, geschieht Folgendes:
- Es fehlt die Pufferung durch bikarbonatreichen Speichel.
- Der Säure-See im unteren Bereich steigt an.
- Bei Bewegung oder Anspannung schwappt die saure Flüssigkeit über die Grenzzone (Margo plicatus) in den ungeschützten drüsenlosen Bereich.
- Die Schleimhaut wird verätzt – es entstehen Equine Gastric Ulcer Syndrome (EGUS) bzw. Magengeschwüre.
Der Dünndarm: Enzymatische Spaltung und Nährstoffresorption
Der Dünndarm (bestehend aus Duodenum, Jejunum und Ileum) ist etwa 18 bis 22 Meter lang. Hier findet die präcaecale Verdauung statt – also die Aufspaltung von Nährstoffen durch körpereigene Enzyme.
Im Dünndarm werden aufgenommen:
- Leichtverdauliche Kohlenhydrate: Glucose und Fructose aus Zucker und Stärke.
- Proteine / Aminosäuren: Essenzielle Aminosäuren (z. B. Lysin, Methionin).
- Fette / Lipide: Über Dünndarm-Spaltung (Pferde besitzen keine Galleblase; die Galle fließt kontinuierlich aus der Leber).
- Mengen- & Spurenelemente: Calcium, Magnesium, Zink, Kupfer etc.
Das Limit der Stärkeverdauung
Pferde können Stärke durch das Enzym Amylase abbauen, jedoch nur in begrenztem Maße.
Die maximale Aufnahmekapazität liegt bei etwa 1 bis 1,5 Gramm Stärke pro Kilogramm Körpergewicht pro Mahlzeit.
Wird diese Grenze überschritten (z. B. durch zu große Mengen Getreide), gelangt unverdaute Stärke in den Dickdarm. Dies führt zu einer gefährlichen Überfeuerung der Dickdarmflora (Azidose), da stärkebauende Bakterien Milchsäure produzieren, den pH-Wert absenken und nützliche Faserverwerter absterben lassen (Risiko für Hufrehe und Koliken).
Der Dickdarm & Blinddarm: Die mikrobielle Bio-Raffinerie
Der Dickdarmkomplex – bestehend aus Blinddarm (Caecum) und großem Colon – ist das Herzstück des Pferdes als Pflanzenfresser. Er fasst über 100 Liter und fungiert als riesiger Gärbehälter.
Da Säugetiere selbst keine Enzymsysteme besitzen, um pflanzliche Zellwände (Cellulose, Hemicellulose, Pektin) zu spalten, verlässt sich das Pferd auf eine Symbiose mit Milliarden von Mikroorganismen:
Zusätzlich synthetisiert die gesunde Dickdarmflora essenzielle B-Vitamine (z. B. B1, B2, B6, B12, Biotin) und Vitamin K, wodurch das Pferd bei intakter Darmflora kaum auf externe Synthesevitamine angewiesen ist.
Darm, Immunsystem und Stoffwechsel: Ein vernetztes Gesamtsystem
Der Darm ist keineswegs nur ein Schlauch zur Nährstoffaufnahme. Er ist das größte Immunorgan des Pferdes:
- Gut-Associated Lymphoid Tissue (GALT): Ca. 70 bis 80 % aller immunologisch aktiven Zellen befinden sich im darmassoziierten Immunsystem.
- Darmbarriere (Tight Junctions): Verhindert, dass Toxine, Endotoxine (aus abgestorbenen Bakterien) oder Krankheitserreger in den Blutkreislauf gelangen.
- Metabolische Achse: Stoffwechselprodukte der Mikrobiota steuern die Insulinsensitivität, die Leberfunktion und Entzündungskaskaden im gesamten Körper.
Risikofaktor Kraftfutter: Qualität und Quantität
Kraftfutter erfüllt bei Sportpferden oder schwerfuttrigen Pferden einen klaren Zweck zur Energiebereitstellung, birgt aber bei falscher Handhabung erhebliche Risiken für die Magengesundheit:
- Mangelnder Speichelfluss: Für 1 kg Hafer benötigt ein Pferd nur etwa 1.000 Kauschläge (ca. 10–15 Minuten Fressdauer) und produziert lediglich 1 bis 1,5 Liter Speichel. Im Vergleich zu 1 kg Heu (40–50 Minuten Fressdauer, 4–5 Liter Speichel) ist der Puffer-Effekt minimal.
- Gärungssäurebildung: Hohe Mengen an leichtverdaulicher Stärke werden bereits im drüsenlosen Magenbereich von Milchsäurebakterien anvergoren. Die dabei entstehenden flüchtigen Fettsäuren und Milchsäure greifen die Schleimhaut zusätzlich an.
- Magenüberladung: Große Kraftfutterportione (> 0,5 kg pro 100 kg Körpergewicht) überfordern das Magenvolumen, verkürzen die Verweildauer und fluten unverdaut in den Dünn- und Dickdarm über.
Goldene Fütterungsregel: Immer erst Heu, dann Kraftfutter füttern! Durch das vorherige Heufressen wird der Magen mit einem Speichel-Puffer-Gemisch gefüllt, das nachfolgende Kraftfuttermahlzeiten abfedert.
Stress, Bewegung und das enterische Nervensystem
Der Magen reagiert extrem sensibel auf psychische und physische Belastungen. Der Magen-Darm-Trakt wird durch das enterische Nervensystem (ENS) gesteuert, das über den Nervus vagus in direkter Verbindung mit dem Gehirn steht (Darm-Hirn-Achse).
- Stress (Transport, Herdenwechsel, Stallruhe, Turnier): Führt über die Ausschüttung von Cortisol und Adrenalin zu einer Minderdurchblutung der Magenschleimhaut. Die Produktion der schützenden Schleimschicht bricht ein.
- Training mit leerem Magen: Bei Trab oder Galopp erhöht sich der intraabdominelle Druck. Ist der Magen leer, wird die vorhandene reines Säure direkt an die drüsenlose Magenwand gepresst.
Die osteopathische Perspektive: Viszeral-Somatische Wechselwirkungen
In der osteopathischen Praxis betrachten wir den Verdauungstrakt niemals isoliert. Über das autonome Nervensystem (Sympathikus und Parasympathikus) sowie viszeral-fasziale Aufhängungen steht der Darm in direkter Verbindung mit dem Bewegungsapparat.
Ein Pferd mit Magenproblemen leidet nicht nur unter inneren Schmerzen; die viszeralen Reize übertragen sich direkt auf das somatische Nervensystem (viszeral-somatischer Reflex):
- Funktionelle Blockaden: Über die spinale Innervation des Magens (Segment T6–T10) kommt es zu schmerzhaften Hypertonien in der Brustwirbelsäule und im Bereich der Sattellage.
- Trageerschöpfung: Das Pferd nimmt eine Schonhaltung ein, zieht den Bauch hoch oder wölbt den Rücken weg, was die freie Entfaltung der Hinterhand hemmt.
- Gurtigkeit und Berührungsempfindlichkeit: Die Spannung im Bereich des Zwerchfells und der Faszienverbindungen führt zu starker Abwehr beim Nachgurten oder Putzen der ventralen Bauchwand.
Typische Anzeichen von Magenproblemen
Magenveränderungen äußern sich oft schleichend und variabel:
- Mäkelige Futteraufnahme (besonders bei Kraftfutter oder Nährstoffzusätzen)
- Häufiges Gähnen, Flehmen oder Zähneknirschen
- Gewichtsverlust und stumpfes Fell
- Leistungsabfall, Unwilligkeit unter dem Reiter, mangelnde Rittigkeit
- Verändertes Verhalten (Aggressivität, Rückzug, Koppen)
Ein Pferd mit schleichenden Dickdarmreizungen oder Blähungen zeigt in der Bewegungsanalyse häufig:
- Eine feste, trageerschöpfte Lendenwirbelzone
- Einschränkungen in der Untertrittphase der Hinterhand
- Schmerzpunkte im Bereich der Flanken und des Hüfthöckers
- Abwehrverhalten beim Nachgurten oder Putzen der Bauchregion
Praxis-Checkliste: So schützt du den Pferdemagen
- Raufutter priorisieren: Mindestens 1,5 bis 2,0 kg qualitativ hochwertiges Heu pro 100 kg Soll-Körpergewicht täglich.
- Fresspausen kappen: Max. 3 bis 4 Stunden Fresspause (auch nachts!).
- Kraftfutter aufteilen: Max. < 1,0 g Stärke / kg Körpergewicht pro Mahlzeit, verteilt auf mehrere kleine Gaben.
- Kein Training auf leeren Magen: Vor der Arbeit eine kleine Portion Heu oder Cobs füttern, um eine physische Säurebarriere zu schaffen.
- Stressmanagement: Haltungsbedingungen, Sozialkontakte und Transportroutinen optimieren.
Zusammenfassung & Ausblick
Der Darm des Pferdes ist ein meisterhaft konstruiertes, aber hochsensibles Organ. Wer die Gesundheit, Rittigkeit und Leistungsfähigkeit seines Pferdes erhalten oder wiederherstellen möchte, muss an der Basis ansetzen: bei einer raufutterbasierten, bedarfsgerechten und stressfreien Fütterung.
Im kommenden Teil 2 widmen wir uns detailliert dem Thema:
- Der Darm als Ökosystem: Das Mikrobiom im Detail
- Bakterienstämme und ihre spezifischen Aufgaben
- Biochemische Prozesse bei Futterumstellungen
- Heuqualität, Prä- und Probiotika sowie Mykotoxinbelastungen
Quellen
- National Research Council (NRC): Nutrient Requirements of Horses. 6th revised edition, National Academies Press, Washington D.C.
- Meyer, H.; Coenen, M.; Vervuert, I.: Pferdefütterung. 6. überarbeitete Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart.
- Geor, R.J.; Harris, P.A.; Coenen, M.: Equine Applied and Clinical Nutrition: Health, Welfare and Performance. Saunders Elsevier, Edinburgh.
- Julliand, V.; Grimm, P.: The physiological impact of diet on the equine gastrointestinal tract. Journal of Animal Science, 94(10), 4047–4058.
- Julliand, V. et al.: Calculation of starch digestibility in the small intestine of horses. Equine Veterinary Journal.
- Ellis, A.D.; Hill, J.: Nutritional physiology of the horse. Nottingham University Press.
- Toelboell, T. et al.: Gastric ulceration in horses: Pathophysiology and prevention. Equine Veterinary Education.