Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 9 Teil 2/5 Der Darm des Pferdes
Das Darmmikrobiom des Pferdes – die unsichtbaren Helfer im Inneren
Das Darmmikrobiom des Pferdes: Die unsichtbaren Helfer im Inneren
Wenn wir über Verdauung sprechen, denken viele zunächst an mechanische Prozesse: Das Zermahlen der Nahrung im Maul, die Knetbewegungen des Magens, die Darmperistaltik oder die Ausschüttung von Verdauungssäften. Doch der entscheidende Schritt bei der Energiegewinnung des Pflanzenfressers Pferd findet auf mikroskopischer Ebene statt.
Im Dickdarmkomplex (Blinddarm und großes Colon) lebt eine unfassbare Population mikrobieller Untermieter:
- Bakterien (mehrere Billionen Individuen pro Gramm Darminhalt)
- Archaeen (Methanbildner)
- Anaerobe Pilze (z. B. Neocallimastigomycota)
- Protozoen (Wimperntierchen)
Diese hochkomplexe Lebensgemeinschaft wird als Darmmikrobiom (früher: „Darmflora“) bezeichnet. Es handelt sich um ein dynamisches, hochsensibles Ökosystem, das in ständiger Wechselwirkung mit der Darmschleimhaut, dem Immunsystem und dem gesamten Stoffwechsel des Pferdes steht.
Warum das Pferd ohne sein Mikrobiom verhungern würde
Als Pflanzenfresser nimmt das Pferd mit Raufutter (Heu, Stroh, Weidegras) enorme Mengen an Gerüstsubstanzen wie Cellulose, Hemicellulose und Pektin auf.
Säugetiere besitzen jedoch keine körpereigenen Enzymsysteme, um diese ß-1,4-glykosidische Bindung der pflanzlichen Zellwände zu spalten. Hier greift das Prinzip der Symbiose: Das Pferd bietet den Mikroorganismen einen idealen, warmen und anaeroben (sauerstofffreien) Lebensraum mit stetiger Futterzufuhr. Im Gegenzug spalten die Mikroben die unverdaulichen Pflanzenfasern auf und stellen dem Pferd die Abbauprodukte als primäre Energiequelle zur Verfügung.
Die Biochemie der Fermentation: Flüchtige Fettsäuren (VFA)
Der mikrobielle Abbau von Rohfaser im Dickdarm erfolgt über die anaerobe Fermentation. Dabei brechen die Mikroben die strukturellen Kohlenhydrate ab und verstoffwechseln sie zu kurzkettigen, flüchtigen Fettsäuren (VFAs = Volatile Fatty Acids).
1. Acetat (Essigsäure): Der Hauptenergielieferant
Acetat entsteht in den größten Mengen bei der reinen Faserverdauung. Es tritt über die Darmwand direkt in die Blutbahn über und dient dem Pferd als universeller Brennstoff zur zellulären Energiegewinnung (über den Citratzyklus) sowie als Baustein für die Fettsynthese. Ein Pferd mit adäquater Heufütterung deckt bis zu 70 % seines gesamten Erhaltungsenergiebedarfs allein über Acetat!
2. Propionat (Propionsäure): Der Traubenzucker-Ersatz
Propionat ist der wichtigste Precursor für die Gluconeogenese. In der Leber wird Propionat in Glucose umgewandelt. Das erlaubt dem Pferd, seinen Blutzuckerspiegel stabil zu halten, ohne große Mengen Stärke oder Zucker über die Nahrung aufnehmen zu müssen.
3. Butyrat (Butter- / Buttersäure): Treibstoff für die Darmschleimhaut
Butyrat dient den Kolonozyten (den Epithelzellen der Dickdarmwand) als primäre Energiequelle. Es stimuliert das Zellwachstum, verstärkt die Tight Junctions (Zellverbindungen) der Darmbarriere und besitzt ausgeprägte entzündungshemmende Eigenschaften.
Das empfindliche Gleichgewicht: Cellulolytische vs. Amylolytische Bakterien
Ein gesundes Dickdarmmikrobiom zeichnet sich nicht nur durch eine hohe Keimzahl aus, sondern vor allem durch Diversität und Stabilität. Die Zusammensetzung der Mikrobiota wird maßgeblich durch die Art der zugeführten Substrate bestimmt.
MIKROBIELLE POPULATIONEN IM VERGLEICH:
Faserfressende Bakterien (Cellulolytisch)
• Bakterienstämme: Fibrobacter succinogenes, Ruminococcus albus
• Optimaler pH-Wert: 6,5 bis 7,0 (neutral bis leicht sauer)
• Aufgabe: Abbau von Heu/Stroh, Synthese von B-Vitaminen
Stärkefressende Bakterien (Amylolytisch)
• Bakterienstämme: Streptococcus bovis, Lactobacilli
• Optimaler pH-Wert: 5,5 bis 6,0 (sauer)
• Produkt bei Übervermehrung: Milchsäure (Lactat)
Futterwechsel: Warum Anpassung Zeit braucht
Mikroorganismen können ihre Populationen nicht über Nacht umstellen. Während sich amylolytische (stärkeverwertende) Bakterien bei einem Überschuss an leichtverdaulichen Kohlenhydraten innerhalb weniger Stunden rasant vermehren, benötigen die cellulolytischen (faserfressenden) Bakterien 2 bis 3 Wochen, um sich an veränderte Faserstrukturen oder neue Raufutterpartien anzupassen.
Jede plötzliche Futterumstellung (z. B. das Anweiden im Frühjahr, ein abrupter Heuwechsel oder ein schneller Kraftfutterwechsel) birgt daher das hohe Risiko einer mikrobiellen Dysbiose (Fehlbesiedlung).
Die Heuqualität als Fundament der Mikrobiomgesundheit
Das Mikrobiom profitiert von einer konstant hohen Heuqualität. Staubiges, schimmeliges oder feucht gelagertes Heu bringt Mykotoxine (Pilzgifte) und pathogene Keime in den Verdauungstrakt ein.
- Schimmelpilzgifte (z. B. Aflatoxine, Zearalenon): Schädigen direkt die Enterozyten der Darmwand und belasten die Leber.
- Erde / Sand im Heu: Führt zu mechanischer Reizung der Schleimhaut, vermindert die Enzymaktivität und kann bis zur Sandkolik führen.
Prä- und Probiotika: Sinnvolle Unterstützung oder Geldverschwendung?
Zur Unterstützung der Darmflora werden auf dem Markt zahlreiche Ergänzungsfuttermittel angeboten. Hier gilt es differenziert zu unterscheiden:
1. Präbiotika (Futter für die "guten" Bakterien)
Präbiotika sind nicht verdauliche Futterbestandteile, die gezielt das Wachstum nützlicher Darmbakterien anregen.
- Beispiele: Pektine (z. B. aus Apfeltrester oder Karotten), Inulin, Topinambur, Hefezellwände (Mannan-Oligosaccharide / MOS, Beta-Glucane).
- Wirkung: Sehr gut belegt. MOS binden zudem krankheitserregende Keime und Endotoxine im Darm und schleusen sie aus.
2. Probiotika (Lebende Mikroorganismen)
Probiotika führen dem Darm lebende Keime zu.
- Zugelassener Stamm beim Pferd: In der EU ist primär die Lebendhefe Saccharomyces cerevisiae (z. B. Stamm NCYC Sc47) als Probiotikum für Pferde zugelassen.
- Wirkung: Lebendhefen verbrauchen im Dickdarm den Restsauerstoff, schaffen so ein optimales anaerobes Milieu für Faserverwerter, puffern Milchsäure ab und stabilisieren den pH-Wert.
- Einschränkung: Bakterielle Probiotika aus dem Humanbereich (z. B. Lactobacillus-Präparate) sind für Pferde oft nutzlos, da die Bakterien die Magensäure-Barriere nicht überleben oder sich im Pferdedickdarm nicht dauerhaft ansiedeln können.
Aus osteopathischer Sicht: Das Mikrobiom und der Tonus des Pferdes
Ein gestörtes Darmmikrobiom (Dysbiose) erzeugt durch Fehlgärungen nicht nur Gasbildung und Blähungen, sondern führt über biochemische Botenstoffe (Zytokine) zu systemischen, leichtgradigen Entzündungsreaktionen (Low-Grade Inflammation).
Dies beeinflusst den Bewegungsapparat direkt:
- Fasziale Verklebungen: Das visceral-fasziale System des Darms (Mesenterium) steht unter Dauerzug.
- Metabolische Ermüdung: Eine beeinträchtigte VFA-Synthese führt zu verringerter Energiebereitstellung in den Muskelzellen. Die Muskeln übersäuern schneller, die Regenerationszeit verlängert sich drastisch.
- Spannungsmuster: Dysbiosen manifestieren sich osteopathisch häufig in einer Steifheit der Lendenwirbelsäule, Abwehr beim Gurten und mangelndem Schwung aus der Hinterhand.
Checkliste für Pferdehalter: So schützt du das Mikrobiom
- Raufutter ad libitum bzw. angepasste Fütterung: Mindestens 1,5 bis 2,0 kg Heu pro 100 kg Soll-Körpergewicht täglich.
- Keine Fresspausen über 4 Stunden: Zur Vermeidung von Säure- und Mikrobiom-Schocks.
- Sehr langsame Futterumstellungen: Mindestens 14 bis 21 Tage Zeit nehmen beim Anweiden oder Heuwechsel.
- Stärke kappen: Maximale Stärkemenge pro Mahlzeit: < 1,0 g Stärke / kg Körpergewicht.
- Hygiene beachten: Nur einwandfreies, hygienisch einwandfreies Heu verfüttern (kein Schimmel, kein Staub).
Zusammenfassung
Das Darmmikrobiom ist der unsichtbare Motor des Pferdes. Nur wenn die Milliarden Kleinstlebewesen im Dickdarm optimal mit rohfaserreicher Nahrung versorgt werden, kann das Pferd Energie produzieren, Vitamine synthetisieren und sein Immunsystem stabil halten.
Fortsetzung Artikel 9 – Teil 3/5
Im nächsten Teil:
Wenn die Verdauung aus dem Gleichgewicht gerät
- Kolik verstehen: Mechanistische und physiologische Ursachen
- Fehlgärungen & Dickdarm-Azidose: Wenn das Mikrobiom kippt
- Durchfall und Kotwasser: Symptome, Ursachen und Behandlungsansätze
- Verstopfungen & Impaktionskoliken: Risikofaktoren im Fokus
- Darmstörungen erkennen: Frühwarnzeichen richtig deuten
Quellen
- Costa, M.C.; Weese, J.S.: The equine intestinal microbiome. Veterinary Clinics of North America: Equine Practice, 34(1), 1–12.
- Julliand, V.; Grimm, P.: The physiological impact of diet on the equine gastrointestinal tract. Journal of Animal Science, 94(10), 4047–4058.
- National Research Council (NRC): Nutrient Requirements of Horses. 6th revised edition, National Academies Press, Washington D.C.
- Garber, A. et al.: Factors influencing the equine gut microbiome: A review. Animals, 10(7), 1223.
- Geor, R.J.; Harris, P.A.; Coenen, M.: Equine Applied and Clinical Nutrition: Health, Welfare and Performance. Saunders Elsevier.
- Meyer, H.; Coenen, M.; Vervuert, I.: Pferdefütterung. 6. überarbeitete Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart.
- Julliand, V. et al.: Validation of Saccharomyces cerevisiae Sc 47 as a probiotic in horses. Journal of Animal Science.