Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 1 Teil 3/3 Grundlagen des Pferdekörpers

Alle Pferde haben denselben biologischen Grundbauplan, aber nicht denselben Bedarf.

"Warum jedes Pferd anders gefüttert werden muss – obwohl alle Pferde denselben Verdauungstrakt besitzen."

Bisher haben wir gesehen:
Das Pferd ist ein Pflanzenfresser.
Sein Verdauungssystem ist darauf spezialisiert, über viele Stunden kleine Mengen pflanzlicher Nahrung aufzunehmen.
Es braucht Rohfaser.
Es braucht Bewegung.
Es braucht Zeit zum Fressen.
Diese Grundlagen gelten für jedes Pferd.
Und trotzdem wissen erfahrene Pferdemenschen:

Ein Isländer kann nicht einfach genauso gefüttert werden wie ein hoch im Sport stehendes Warmblut. Ein altes Pferd hat andere Bedürfnisse als ein junges Pferd im Wachstum. Ein leichtfuttriges Pony stellt andere Anforderungen als ein schwerfuttriges Sportpferd.

Wie passt das zusammen?
Die Antwort liegt in einem wichtigen Grundsatz:

Alle Pferde sind biologisch gleich aufgebaut – aber nicht alle Pferde haben denselben Bedarf.

Die Gemeinsamkeiten aller Pferde

Bevor wir über Unterschiede sprechen, müssen wir verstehen, was wirklich alle Pferde verbindet.

Jedes Pferd besitzt:

  • denselben Grundbauplan des Verdauungssystems,
  • denselben Bedarf an Wasser,
  • denselben Bedarf an lebensnotwendigen Mineralstoffen,
  • dieselbe Notwendigkeit von Rohfaser,
  • dieselbe Bedeutung einer gesunden Darmflora.

Diese Grundlagen verändern sich nicht dadurch, dass ein Pferd größer, kleiner, sportlicher oder älter ist.
Ein Shetlandpony verdaut Pflanzenfasern nach demselben Prinzip wie ein Grand-Prix-Pferd. Ein Freizeitpferd benötigt dieselben Grundnährstoffe wie ein Rennpferd. Der Unterschied liegt nicht im "Was braucht ein Pferd grundsätzlich?"

Sondern:
Wie viel davon braucht dieses spezielle Pferd?

Warum manche Pferde "gute Futterverwerter" sind

Vielleicht kennst du solche Pferde:
Sie schauen ein Stück Wiese an und nehmen scheinbar schon zu. Während andere Pferde trotz großer Futtermengen eher schlank bleiben.
Diese Unterschiede sind kein Zufall. Sie haben mehrere Ursachen.

Genetik spielt eine große Rolle

Über Jahrhunderte wurden Pferde für unterschiedliche Aufgaben gezüchtet.
Ein ursprüngliches Pony aus kargen Regionen musste mit wenig Nahrung auskommen. Es war ein Vorteil, Energie besonders effizient nutzen zu können.

Ein hoch spezialisiertes Sportpferd wurde dagegen auf andere Eigenschaften selektiert:

  • Größe,
  • Schnelligkeit,
  • Bewegungsumfang,
  • Muskelentwicklung,
  • Leistungsbereitschaft.

Diese Unterschiede zeigen sich auch im Stoffwechsel.

Der Unterschied zwischen "leichtfuttrig" und "schwerfuttrig"

Diese Begriffe hören wir im Pferdealltag häufig. Doch was bedeuten sie eigentlich?

Leichtfuttrige Pferde

Diese Pferde verwerten Energie besonders effizient.

Typische Beispiele sind viele:

  • Ponyrassen,
  • ursprüngliche Rassen,
  • robuste Kleinpferde.

Sie können aus relativ wenig Futter viel Energie gewinnen.

Das war in ihrer Entwicklung ein großer Vorteil. In unserer heutigen Haltung kann es jedoch manchmal zum Problem werden. Denn unsere Weiden und Futtermittel sind häufig deutlich energiereicher als die ursprünglichen Lebensbedingungen.

Schwerfuttrige Pferde

Andere Pferde benötigen deutlich mehr Energie.
Dazu gehören häufig:

  • große Sportpferde,
  • sehr aktive Pferde,
  • manche Vollblüter,
  • ältere Pferde mit eingeschränkter Verdauung.

Sie verbrauchen mehr Energie oder können Nährstoffe weniger effizient nutzen.

Rasse allein bestimmt jedoch nicht die Fütterung

Ein häufiger Fehler ist die Annahme:
"Diese Rasse braucht immer diese Fütterung."
So einfach ist es nicht. Denn innerhalb einer Rasse können große Unterschiede bestehen.
Ein Haflinger kann:

  • gemütliches Freizeitpferd sein,
  • aktives Wanderpferd,
  • erfolgreiches Sportpferd.

Der Bedarf unterscheidet sich deutlich.
Auch zwei gleich große Warmblüter können völlig unterschiedliche Fütterungen benötigen.
Warum?
Weil entscheidend sind:

  • Gewicht,
  • Trainingszustand,
  • Muskelmasse,
  • Alter,
  • Stoffwechsel,
  • Haltung,
  • Gesundheitszustand.

Training verändert den Bedarf

Ein Pferd im Erhaltungsbedarf benötigt vor allem genug Energie, um seinen normalen Körperstoffwechsel aufrechtzuerhalten.
Ein Pferd im Training benötigt zusätzlich:

  • Energie für Bewegung,
  • Baustoffe für Muskelanpassung,
  • Mineralstoffe für Stoffwechselprozesse,
  • ausreichend Eiweiß für Gewebeerneuerung.

Dabei wird ein wichtiger Punkt häufig missverstanden:
Mehr Training bedeutet nicht automatisch mehr Kraftfutter.
Der Bedarf steigt individuell. Ein entspanntes Ausreitpferd, das täglich eine Stunde bewegt wird, hat einen anderen Bedarf als ein Pferd im intensiven Turniertraining.

Alter verändert die Fütterung

Ein Pferd bleibt nicht sein ganzes Leben gleich.
Ein Jungpferd benötigt Nährstoffe für:

  • Wachstum,
  • Knochenentwicklung,
  • Muskelaufbau,
  • Reifung des gesamten Körpers.

Ein erwachsenes Pferd benötigt vor allem Erhaltung und Anpassung an seine Nutzung.
Ein Senior benötigt möglicherweise:

  • leichter verdauliche Nährstoffe,
  • hochwertigeres Eiweiß,
  • besondere Aufmerksamkeit für Zähne und Verdauung.

Die ideale Fütterung verändert sich also mit dem Leben des Pferdes.

Warum es keine perfekte Standardration geben kann

Eine der häufigsten Fragen lautet:

"Wie viel Heu und welches Kraftfutter braucht ein Pferd?"
Die ehrliche Antwort: Es kommt darauf an.
Nicht, weil niemand es weiß. Sondern weil Pferde Individuen sind.
Eine sinnvolle Fütterung muss berücksichtigen:

Das Pferd

  • Alter
  • Gewicht
  • Rasse
  • Stoffwechsel
  • Gesundheitszustand

Die Haltung

  • Box
  • Offenstall
  • Weide
  • Bewegungsmöglichkeiten

Die Nutzung

  • Freizeit
  • Zucht
  • Sport
  • Training

Das Futter selbst

  • Heuqualität
  • Nährstoffgehalt
  • Mineralstoffversorgung

Die wichtigste Erkenntnis aus diesem ersten Artikel

Wenn jemand fragt:

"Was ist die beste Pferdefütterung?"
Dann lautet die Antwort nicht: "Dieses Produkt." Oder: "Diese Methode."

Die bessere Antwort lautet:

Die beste Fütterung ist diejenige, die die Biologie des Pferdes respektiert und gleichzeitig zu diesem individuellen Pferd passt.

Ausblick auf die gesamte Serie

Damit endet der erste große Grundsatzartikel.

Wir wissen jetzt:
Ein Pferd ist kein kleiner Mensch. Es ist kein Sportgerät. Und es ist auch kein Tier, das durch möglichst viele Zusatzprodukte gesund gehalten wird. Es ist ein hoch spezialisierter Pflanzenfresser. Und genau dort beginnt unsere Reise.


Im nächsten Artikel gehen wir einen Schritt tiefer.
Wir schauen uns nicht mehr nur an, was ein Pferd braucht, sondern:

Warum ein Pferd kein Müsli braucht – sondern Zeit zum Fressen

Wir beschäftigen uns mit:

  • dem natürlichen Tagesablauf eines Pferdes,
  • warum Kauen ein Gesundheitsfaktor ist,
  • warum Fresszeit genauso wichtig ist wie Futtermenge,
  • welche Rolle Bewegung für die Verdauung spielt,
  • und warum artgerechte Fütterung mehr bedeutet als nur die richtige Futtersorte.

Quellen

  • National Research Council (NRC). Nutrient Requirements of Horses. National Academies Press, 2007.
  • Meyer, H.; Coenen, M. Pferdefütterung. Schaper Verlag.
  • Geor, R.J.; Harris, P.A.; Coenen, M. Equine Applied and Clinical Nutrition. Elsevier.
  • GfE. Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden.
  • McGreevy, P.D. Equine Behavior – A Guide for Veterinarians and Equine Scientists.