Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 10 Teil 4/6 Fütterung im Laufe des Pferdelebens

Sportpferde richtig füttern: Energie, Ausdauer, Regeneration und typische Fütterungsfehler

Biologisch gesehen ist ein Sportpferd nichts anderes als ein Freizeitpferd. Es hat exakt denselben Magen-Darm-Trakt, dieselben Grundbedürfnisse (ausreichend Heu, Wasser, Bewegung und Kumpels in der Herde) und dieselbe körperliche Grundausstattung.

Der einzige echte Unterschied ist die Belastung: Während ein Freizeitpferd Futter hauptsächlich braucht, um seine Körperwärme zu halten, den Körper am Laufen zu halten und sich etwas zu bewegen, fordert Sporttraining den Körper ganz anders.

Hier muss das Futter gezielt Energie liefern, Muskeln nach dem Training reparieren und den Salz- und Wasserhaushalt ausgleichen.

Wie der Muskel seine Energie bekommt (Die 3 Energiewege)

Jede Muskelbewegung kostet Energie. Da die Zellen nur einen winzigen Energiespeicher für den Notfall haben, muss der Körper unter Belastung ständig neue Energie nachproduzieren.

Je nachdem, wie schnell, wie hart und wie lange das Pferd arbeitet, nutzt es dafür drei verschiedene „Kraftwerke“:

Der Blitz-Antrieb (Extrem kurz & explosiv)

Wie es funktioniert: Der Muskel nutzt einen superschnellen internen Treibstoffspeicher (Kreatinphosphat).

Eigenschaften: Funktioniert sofort und ohne Sauerstoff, hält aber nur etwa 5 bis 10 Sekunden durch.

Wann gebraucht: Der allererste Kraftakt beim Absprung über ein Hindernis oder beim Antritt zum Sprint.

Der Turbo-Antrieb (Kurz & intensiv)

Wie es funktioniert: Der Muskel verbrennt schnell verfügbare Zuckerreserven (Glykogen) ohne Sauerstoff.

Eigenschaften: Liefert extrem schnell viel Energie, bildet dabei Laktat und Wasserstoff-Ionen. Die zunehmende Übersäuerung im Muskel trägt bei hoher Intensität zur Ermüdung bei, typischerweise über Belastungsphasen von etwa 30 bis 180 Sekunden.

Wann gebraucht: Steile Anstiege im Gelände, der Endspurt im Rennen oder sehr schwere, anstrengende Dressurlektionen.

Der Ausdauer-Antrieb (Langstrecke)

Wie es funktioniert: Der Körper verbrennt Kohlenhydrate und Fette mithilfe von Sauerstoff. Verdauliche Faserbestandteile liefern dabei über die mikrobielle Fermentation im Dickdarm ebenfalls energiereiche Fettsäuren.

Eigenschaften: Liefert die größte Gesamtausbeute an Energie, arbeitet aber mit einer geringeren Energiebereitstellungsrate als die anaeroben Systeme.

Wann gebraucht: Aufwärmen, normale Trab- und Galopparbeit, Grundlagenausdauer und Distanzritte.

Die Treibstoffe im Futter-Vergleich

  • Rohfaser / Heu (Strukturkohlenhydrate): Raufutter ist das unersetzliche Fundament – auch für Sportpferde! Im Dickdarm entstehen daraus Fettsäuren. Sie liefern dauerhafte Ausdauerenergie, halten den Darm gut gefüllt und unterstützen ein stabiles Darmmikrobiom.

  • Stärke & Zucker (Getreide & Kraftfutter): Getreidestärke wird im Dünndarm zu Glucose abgebaut und kann als Glykogen in Muskeln und Leber gespeichert werden.

    • Achtung, Mengengrenze! Der Dünndarm des Pferdes kann nur begrenzte Mengen Stärke auf einmal verdauen (als praxisorientierter Richtwert etwa 1,0 bis 1,5 g Stärke pro kg Körpergewicht pro Mahlzeit – bei einem 600-kg-Pferd entspricht das etwa 600–900 g Stärke).
    • Die Gefahr: Wird zu viel Stärke auf einmal gefüttert, kann sie unverdaut in den Dickdarm gelangen. Dort kann sich das mikrobielle Gleichgewicht verschieben und der pH-Wert abfallen. Das erhöht das Risiko für Verdauungsstörungen und kann unter bestimmten Umständen auch Hufrehe begünstigen.
  • Pflanzenöle & Fette: Fett liefert mehr als doppelt so viel Energie wie Kohlenhydrate, enthält keine Stärke und kann als energiereiches Substrat für den aeroben Stoffwechsel genutzt werden. Wird das Pferd schrittweise an eine höhere Fettzufuhr gewöhnt, kann dies dazu beitragen, Kohlenhydrate als Energiereserve für intensivere Belastungsphasen zu schonen.

Was brauchen die verschiedenen Disziplinen?

  • Dressur:

    • Energiequelle: Viel Heu/Faser, moderate Mengen Stärke, gesunde Fette.
    • Fokus: Nervenstärke und innere Ruhe, B-Vitamine, Magnesium und hochwertige Eiweißbausteine (Aminosäuren) für den Muskelaufbau.
  • Springen:

    • Energiequelle: Schnell verfügbare Stärke für explosive Kraft.
    • Fokus: Schnelligkeit, Antioxidantien (Vitamin E & Selen) zur Muskelerholung sowie Schutz für Sehnen und Gelenke.
  • Vielseitigkeit (Busch):

    • Energiequelle: Kombination aus viel Heu/Faser, leicht verdaulicher Stärke und Fett.
    • Fokus: Wiederauffüllen der Zuckerspeicher, massiver Ausgleich von Elektrolyten (Salzen).
  • Distanzreiten:

    • Energiequelle: Sehr viel verdauliche Faser (Heu/Cobs) und ein hoher Fettanteil.
    • Fokus: Flüssigkeitshaushalt stabil halten, Verhindern von Salzmangel und Austrocknung.

Praxiskonsequenz: Bei hoher Belastung und Schwitzen reicht reines Trinkwasser nicht aus. Elektrolyte müssen zusammen mit Wasser verabreicht werden, um den osmotischen Druck im Blut zu erhalten und das Saugverhalten aufrechtzuerhalten.

Regeneration, Übertraining & Systemische Überlastung

Der Leistungssprung entsteht nicht in der Trainingseinheit, sondern während der Superkompensation in der Erholungsphase.

Wird das System durch Dauerbelastung ohne adäquate Erholungs- und Nährstoffphasen überfordert, droht das Overtraining Syndrome (OTS).

Schwitzen, Salze und Trinken

Beim Training entsteht im Muskel viel Wärme. Um nicht zu überhitzen, schwitzt das Pferd. Pferdeschweiß enthält dabei relativ hohe Konzentrationen an wichtigen Salzen (Elektrolyten).

Das Tückische bei großem Flüssigkeitsverlust: Wenn das Pferd stark schwitzt, verliert es neben Wasser auch erhebliche Mengen an Elektrolyten. Dadurch verändern sich Wasser- und Salzhaushalt des Körpers. Bei ausgeprägtem Flüssigkeits- und Elektrolytverlust können die Durst- und Trinksignale beeinträchtigt sein, obwohl weiterhin ein erheblicher Flüssigkeitsbedarf besteht.

Für die Praxis bedeutet das: Nach starkem Schwitzen reicht die Versorgung mit reinem Wasser nicht immer aus. Je nach Dauer und Intensität der Belastung sowie der Schweißmenge kann eine gezielte Elektrolytversorgung sinnvoll sein. Elektrolyte sollten dabei zusammen mit ausreichender Flüssigkeit angeboten werden, um den Wasser- und Salzhaushalt des Pferdes zu unterstützen.

Wenn das Pferd nach starkem Schwitzen nicht trinken will

Wenn ein Pferd durch starkes Schwitzen erhebliche Mengen Flüssigkeit und Elektrolyte verloren hat und anschließend nicht trinken möchte, sollte die Ursache ernst genommen werden. Ein ausgeprägter Flüssigkeits- und Elektrolytverlust kann die normale Regulation von Durst und Flüssigkeitshaushalt beeinträchtigen.

Wichtiger Sicherheitshinweis: Ein Pferd, das nach hoher Belastung oder bei großer Hitze nicht trinkt und Anzeichen einer deutlichen Dehydrierung oder Kreislaufbelastung zeigt (z. B. ausgeprägte Teilnahmslosigkeit, trockene Schleimhäute, deutlich verzögerte Hautelastizität, erhöhter Puls oder auffällige Atmung), benötigt umgehend tierärztliche Hilfe. In schweren Fällen kann eine intravenöse Flüssigkeitstherapie erforderlich sein.

Maßnahmen in der Praxis

  • Frisches Wasser anbieten: Dem Pferd sollte jederzeit sauberes, frisches Wasser zur Verfügung stehen. Es sollte selbstständig trinken können.

  • Elektrolyte gezielt einsetzen: Nach starkem Schwitzen kann eine bedarfsgerechte Elektrolytversorgung sinnvoll sein. Dabei sollte das verwendete Präparat entsprechend der Herstellerangaben dosiert werden. Idealerweise steht zusätzlich immer ein Eimer mit normalem Trinkwasser zur Verfügung.

  • Elektrolyte nicht erzwingen: Trinkt das Pferd eine Elektrolytlösung nicht freiwillig, sollte sie nicht gewaltsam über eine Maulspritze eingegeben werden. Bei einem erschöpften oder dehydrierten Pferd besteht insbesondere bei unsachgemäßer Eingabe ein Aspirationsrisiko. In einer solchen Situation sollte der Tierarzt entscheiden, wie die Flüssigkeits- und Elektrolytversorgung erfolgen soll.

  • Wasser über angefeuchtetes Futter anbieten: Sehr stark verdünntes Mash oder eingeweichte Heucobs können zusätzlich Flüssigkeit liefern, sofern das Pferd aufmerksam ist, normal schluckt und freiwillig frisst.

  • Trinkverhalten beobachten: Nach intensiver Belastung sollte kontrolliert werden, ob das Pferd wieder freiwillig trinkt, uriniert und sich sein Allgemeinzustand normalisiert.

Was du unbedingt vermeiden solltest

  • Kein Zwangstränken: Wasser oder Elektrolytlösungen sollten einem erschöpften oder auffällig dehydrierten Pferd nicht gewaltsam über eine Maulspritze eingegeben werden.

  • Keine eigenmächtigen Hochdosis-Salzgaben: Reines Koch- oder Viehsalz ersetzt keine individuell abgestimmte Elektrolyttherapie. Zu hohe Salzgaben können den Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt zusätzlich belasten.

  • Keine festen Dosierungen ohne Kontext: Die benötigte Menge an Wasser und Elektrolyten hängt unter anderem von Körpergewicht, Schweißverlust, Trainingsdauer, Umgebungstemperatur und Gesundheitszustand ab. Daher sollten konkrete Dosierungen nach Herstellerangaben bzw. tierärztlicher Empfehlung erfolgen.

  • Nicht ausschließlich auf Futter setzen: Bei deutlicher Dehydrierung reicht angefeuchtetes Futter nicht als Ersatz für eine medizinisch notwendige Flüssigkeitstherapie.

Merke: Ein Pferd, das nach starker Belastung nicht trinken möchte, ist nicht einfach nur „wählerisch“. Besonders bei gleichzeitig auffälligem Allgemeinzustand muss ein relevanter Flüssigkeits- oder Elektrolytverlust ausgeschlossen werden.

Erholung, Übertraining und typische Fehler

Das Pferd wird nicht während des Trainings stärker, sondern in den Ruhephasen danach! Wird das Pferd ohne ausreichende Pausen und passende Nährstoffe immer weiter gefordert, droht ein chronischer Leistungseinbruch (Übertraining).

Der große Fehler: „Das Pferd ist schlapp – also gib ihm mehr Kraftfutter!“

Viele Reiter versuchen, ein müdes oder mattes Pferd mit noch mehr Getreide aufzuheizen. Wenn die Schlappheit aber von Magengeschwüren, einer überlasteten Leber oder einer Muskelerkrankung (wie PSSM2 / MIM) kommt, macht viel stärkereiches Getreide die Entzündungen und Schmerzen nur noch viel schlimmer!

Der Blick aus Sicht von Physiotherapie & Osteopathie

Stoffwechsel, Fütterung und ein geschmeidiger Körper hängen direkt zusammen:

  • Das Bindegewebe (Faszien): Damit die Faszien und Muskeln geschmeidig übereinander gleiten können, brauchen sie ausreichend Wasser und einen ausgeglichenen Säure-Basen-Haushalt. Ein übersäuerter oder ausgetrockneter Körper führt zu Verklebungen im Bindegewebe.

  • Verdauung und Rückenschmerzen: Magen- oder Darmprobleme senden dauerhaft Schmerzsignale an das Rückenmark. Die automatische Reaktion des Pferdekörpers darauf sind chronische Verspannungen im langen Rückenmuskel.

Das Fazit

Sportpferde brauchen keine unkontrollierten Mengen an Kraftfutter, sondern einen durchdachten Futterplan. Das Fundament muss immer hochwertiges Raufutter (Heu) sein.

Zusätzliches Kraftfutter, Fett, Eiweiß und Elektrolyte sollten exakt auf die Sportart, die Trainingsdauer und die Intensität abgestimmt werden. Nur so bleiben Leistung, Gesundheit und die Rittigkeit erhalten.

Merke: Ein Hochleistungsmotor läuft nur so gut wie das Gesamtsystem aus Kühlung, Schmierstoff und Treibstoff. Zu viel Energie ohne Verstand schadet dem Körper mehr, als es hilft!

Fortsetzung Artikel 10 – Teil 5/6

Im nächsten Teil:

Das ältere Pferd – Warum Senioren andere Ansprüche an Fütterung und Haltung haben

Die Kernfragen des nächsten Abschnitts:

  • Altersphysiologie: Veränderung der Verdauungseffizienz, Enzymsekretion und Zahnstatus
  • Sarkopenie im Alter: Wie Muskelverlust gezielt vorgebeugt werden kann
  • Metabolische Verschiebungen: PPID (Cushing) und geänderte Insulin-Sensitivität
  • Gewichtsmanagement: Rationen für den schwerfuttrigen Senior ohne Verdauungsbelastung

Quellen

  • National Research Council (NRC): Nutrient Requirements of Horses. 6th revised edition, National Academies Press, Washington D.C.
  • Geor, R. J.; Harris, P. A.; Coenen, M.: Equine Applied and Clinical Nutrition: Health, Welfare and Performance. Saunders Elsevier, Edinburgh.
  • Meyer, H.; Coenen, M.; Vervuert, I.: Pferdefütterung. 6. überarbeitete Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart.
  • Marlin, D.; Nankervis, K.: Equine Exercise Physiology. Blackwell Science.
  • Harris, P. A.: Nutritional management of the performance horse. Veterinary Clinics of North America: Equine Practice.
  • Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE): Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden. DLG-Verlag.