Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 7 Teil 3/5 Nährstoffe im Gleichgewicht
"Pflanzen für Bewegungsapparat, Gelenke und Regeneration beim Pferd"
Was können Kräuter wirklich leisten?
Der Bewegungsapparat des Pferdes ist ein hochkomplexes Zusammenspiel aus:
- Knochen,
- Gelenken,
- Knorpel,
- Sehnen,
- Bändern,
- Muskeln,
- Faszien,
- Nervensystem.
Damit ein Pferd sich gesund bewegen und an Belastungen anpassen kann, müssen viele Prozesse ineinandergreifen:
- Aufbau und Abbau von Gewebe,
- Energieversorgung,
- Durchblutung,
- Regulation von Entzündungsprozessen,
- Reparaturmechanismen,
- Regeneration.
Viele Pflanzen werden traditionell eingesetzt, um diese Prozesse zu begleiten.
Dabei ist wichtig:
Eine Pflanze "repariert" keinen beschädigten Gelenkknorpel.
Sie ersetzt kein Training, keine passende Haltung und keine medizinische Behandlung.
Aber:
Bestimmte Pflanzenstoffe können den Organismus bei seinen natürlichen Regulationsprozessen unterstützen.
Warum Pflanzen für Bewegung und Regeneration interessant sind
Pferde haben sich über Jahrtausende nicht von reinem Gras ernährt.
Wildlebende Pferde nehmen neben Gräsern auch auf:
- Blätter,
- Zweige,
- Rinden,
- Samen,
- Kräuter,
- unterschiedliche Pflanzenbestandteile.
Diese Vielfalt liefert nicht nur Energie, Eiweiß und Mineralstoffe.
Sie liefert auch zahlreiche sekundäre Pflanzenstoffe.
Dazu gehören:
- Polyphenole,
- Flavonoide,
- ätherische Öle,
- Gerbstoffe,
- Bitterstoffe.
Unsere heutigen Weiden und Heuvorräte bestehen jedoch häufig überwiegend aus wenigen Grasarten.
Dadurch reduziert sich die natürliche Pflanzenvielfalt.
Das gezielte Angebot von geeigneten Pflanzen kann deshalb eine sinnvolle Ergänzung sein.
Zum Beispiel:
- getrocknete Kräuter,
- Kräutertees,
- Zweige von geeigneten Bäumen,
- unterschiedliche Futterpflanzen.
Entzündung – ein wichtiger biologischer Prozess
Der Begriff "Entzündung" wird häufig ausschließlich negativ verstanden.
Dabei ist Entzündung zunächst eine normale Schutz- und Anpassungsreaktion des Körpers.
Sie dient:
- Reparaturprozessen,
- Abwehr,
- Anpassung an Belastungen.
Problematisch wird es, wenn Entzündungsprozesse:
- dauerhaft aktiviert bleiben,
- überschießend sind,
- nicht ausreichend reguliert werden.
Viele Pflanzen enthalten Stoffe, die im Zusammenhang mit solchen Regulationsprozessen untersucht werden.
Dazu gehören vor allem:
- Polyphenole,
- Antioxidantien,
- bestimmte ätherische Öle.
Kurkuma (Curcuma longa)
Kurkuma gehört zu den bekanntesten Pflanzen im Bereich natürlicher Unterstützung.
Der wichtigste Inhaltsstoff:
Curcumin
Curcumin gehört zur Gruppe der Polyphenole.
Inhaltsstoffe und Bedeutung
Curcuminoide
Der wichtigste Bestandteil der Kurkumawurzel sind die Curcuminoide.
Sie werden wissenschaftlich untersucht aufgrund ihrer:
- antioxidativen Eigenschaften,
- möglichen Beteiligung an Regulationsprozessen des Stoffwechsels.
Mineralstoffe in Kurkuma
Kurkuma enthält unter anderem:
- Kalium,
- Eisen,
- Magnesium,
- Calcium.
Die Mengen sind jedoch bei üblichen Fütterungsmengen gering.
Die Bedeutung von Kurkuma liegt daher nicht in der Mineralstoffversorgung, sondern in den enthaltenen Pflanzenstoffen.
Kurkuma und Regeneration
Bei körperlicher Belastung entstehen im Körper unter anderem:
- freie Radikale,
- oxidative Prozesse.
Der Organismus besitzt eigene Schutzsysteme.
Pflanzliche Antioxidantien können diese Prozesse begleiten.
Grenzen von Kurkuma
Ein wichtiger Punkt:
Curcumin wird im Körper nur begrenzt aufgenommen.
Die Bioverfügbarkeit ist ein entscheidender Faktor.
Deshalb ist die Aussage:
"Kurkuma heilt Gelenkprobleme"
nicht wissenschaftlich haltbar.
Sinnvoller formuliert:
"Kurkuma kann bestimmte Stoffwechsel- und Regulationsprozesse unterstützen."
Ingwer (Zingiber officinale)
Ingwer ist eine traditionelle Gewürz- und Heilpflanze.
Er enthält verschiedene biologisch aktive Pflanzenstoffe.
Besonders bekannt:
- Gingerole,
- Shogaole.
Inhaltsstoffe und Bedeutung
Gingerole
Gingerole sind Scharfstoffe der Ingwerwurzel.
Sie gehören zu den sekundären Pflanzenstoffen.
Sie werden untersucht im Zusammenhang mit:
- antioxidativen Eigenschaften,
- Regulation bestimmter Stoffwechselprozesse.
Mineralstoffe
Ingwer enthält unter anderem:
- Kalium,
- Magnesium,
- Calcium.
Die Mengen über eine Kräutergabe sind nicht relevant für die Deckung des Mineralstoffbedarfs.
Die Wirkung beruht vor allem auf den Pflanzenstoffen.
Traditionelle Nutzung
Ingwer wird traditionell eingesetzt zur Unterstützung von:
- Verdauung,
- Stoffwechsel,
- Beweglichkeit,
- älteren Pferden,
- Pferden mit hoher Belastung.
Ingwer und Sportpferde
Bei intensiver Belastung entstehen im Körper Anpassungsprozesse.
Dazu gehören:
- Muskelumbau,
- erhöhter Energieumsatz,
- oxidative Belastung.
Pflanzenstoffe wie die im Ingwer enthaltenen Gingerole können den Körper bei diesen Prozessen begleiten.
Vorsicht bei Ingwer
Auch natürliche Pflanzen sind nicht automatisch harmlos.
Ingwer enthält starke bioaktive Inhaltsstoffe.
Eine dauerhafte hochdosierte Gabe sollte deshalb kritisch betrachtet werden.
Besondere Vorsicht bei:
- empfindlichen Pferden,
- Magenthemen,
- Medikamentengabe.
Teufelskralle (Harpagophytum procumbens)
Die Teufelskralle gehört zu den bekanntesten Pflanzen im Bereich Bewegungsapparat.
Der wichtigste Inhaltsstoff:
Harpagosid
Inhaltsstoffe
Teufelskralle enthält:
- Iridoidglykoside,
- insbesondere Harpagosid,
- Bitterstoffe.
Harpagosid
Harpagosid ist ein sekundärer Pflanzenstoff.
Es wird im Zusammenhang mit möglichen Einflüssen auf Entzündungsregulation und Beweglichkeit untersucht.
Mineralstoffe
Teufelskralle enthält zwar Mineralstoffe wie:
- Kalium,
- Calcium,
- Magnesium,
diese spielen bei der üblichen Anwendung jedoch keine ernährungsphysiologische Rolle.
Die Bedeutung liegt in den sekundären Pflanzenstoffen.
Traditionelle Anwendung
Teufelskralle wird traditionell genutzt bei:
- älteren Pferden,
- Unterstützung der Beweglichkeit,
- erhöhter Belastung.
Wichtige Einschränkung
Teufelskralle ist nicht für jedes Pferd geeignet.
Besondere Vorsicht bei:
- empfindlichem Magen,
- Magengeschwüren,
- trächtigen Stuten,
- Medikamentengabe.
Weidenrinde (Salix spp.)
Die Weide ist eine der bekanntesten traditionellen Pflanzen im Zusammenhang mit dem Bewegungsapparat.
Inhaltsstoffe
Der bekannteste Inhaltsstoff:
Salicin
Salicin gehört zu den pflanzlichen Stoffen, aus denen im Körper salicylartige Verbindungen entstehen können.
Weitere Inhaltsstoffe:
- Gerbstoffe,
- Flavonoide,
- Polyphenole.
Bedeutung der Inhaltsstoffe
Salicin
Salicin wird traditionell mit Unterstützung bei:
- entzündlichen Prozessen,
- Beschwerden des Bewegungsapparates
in Verbindung gebracht.
Mineralstoffe
Weidenrinde enthält unter anderem:
- Calcium,
- Kalium,
- Magnesium.
Die Mengen sind nicht der Grund für die Nutzung.
Die Bedeutung liegt in den Pflanzenstoffen.
Vorsicht bei Weidenrinde
Eine häufige Vermarktung lautet:
"Natürliche Alternative zu Schmerzmitteln."
Diese Aussage ist zu einfach.
Eine Pflanze ersetzt nicht:
- Diagnostik,
- Schmerzmanagement,
- tierärztliche Behandlung.
Mädesüß (Filipendula ulmaria)
Mädesüß gehört zu den traditionellen Pflanzen Mitteleuropas.
Inhaltsstoffe
Mädesüß enthält:
- Salicylate,
- Flavonoide,
- Gerbstoffe,
- ätherische Bestandteile.
Traditionelle Nutzung
Mädesüß wird traditionell eingesetzt im Zusammenhang mit:
- Bewegungsapparat,
- Stoffwechselunterstützung,
- allgemeinem Wohlbefinden.
Bedeutung für Pferde
Wie bei vielen Pflanzen gilt:
Nicht ein einzelner Stoff macht die Pflanze wertvoll.
Das Zusammenspiel verschiedener Pflanzenstoffe bestimmt die biologische Wirkung.
Hagebutte (Rosa canina)
Die Hagebutte ist eine besonders beliebte natürliche Ergänzung.
Sie enthält:
- Vitamin C,
- Carotinoide,
- Polyphenole,
- Galaktolipide.
Vitamin C – wichtig, aber differenziert betrachtet
Vitamin C ist ein bekanntes Antioxidans.
Das Pferd kann Vitamin C jedoch grundsätzlich selbst im Körper bilden.
Eine zusätzliche Gabe ist deshalb nicht immer notwendig.
Mineralstoffe der Hagebutte
Hagebutten enthalten unter anderem:
- Kalium,
- Calcium,
- Magnesium.
Die Mengen tragen bei üblichen Gaben jedoch nicht wesentlich zur Mineralstoffversorgung bei.
Interessanter sind:
- Polyphenole,
- antioxidative Pflanzenstoffe.
Hagebutte und Regeneration
Bei Belastung entstehen oxidative Prozesse.
Antioxidative Pflanzenstoffe können dazu beitragen, die natürlichen Schutzsysteme des Körpers zu begleiten.
Die Rolle von Bewegung bei Gelenkgesundheit
Ein besonders wichtiger Punkt:
Gelenke brauchen Bewegung.
Bewegung unterstützt:
- Gelenkstoffwechsel,
- Versorgung des Knorpels,
- Koordination,
- Anpassung der Strukturen.
Eine reine Fütterungsstrategie kann fehlende Bewegung nicht ersetzen.
Warum ein "Gelenkkraut" selten die Lösung ist
Ein Pferd mit Bewegungseinschränkungen kann viele Ursachen haben:
- falsches Training,
- muskuläre Dysbalancen,
- Haltungsprobleme,
- Schmerzen,
- Überlastung,
- fehlende Regeneration.
Die Pflanze kann nur ein Baustein innerhalb eines größeren Systems sein.
Aus osteopathischer Sicht
Die entscheidende Frage lautet nicht nur:
"Wo ist das Problem?"
Sondern:
"Warum entsteht diese Einschränkung?"
Ein Pferd mit eingeschränkter Bewegung kann Zusammenhänge zeigen zwischen:
- Gelenken,
- Muskeln,
- Faszien,
- Nervensystem,
- Verdauung,
- Stoffwechsel.
Eine ganzheitliche Betrachtung verbindet:
- Ernährung,
- Haltung,
- Bewegung,
- Training,
- Regeneration.
Wann Pflanzen sinnvoll eingesetzt werden können
Eine Ergänzung kann sinnvoll sein:
✅ bei älteren Pferden
✅ bei hoher körperlicher Belastung
✅ während intensiver Trainingsphasen
✅ zur Unterstützung der Regeneration
Aber immer:
gezielt,
passend zum Pferd,
und nicht nach dem Prinzip:
"Viel hilft viel."
Zusammenfassung Teil 3/5
Pflanzen können den Bewegungsapparat nicht reparieren.
Aber sie können den Organismus durch ihre sekundären Pflanzenstoffe unterstützen.
Besonders interessant sind:
- Curcuminoide aus Kurkuma,
- Gingerole aus Ingwer,
- Harpagosid aus Teufelskralle,
- Salicin aus Weidenrinde,
- Polyphenole aus Hagebutte.
Die Grundlage bleibt jedoch:
✅ passende Bewegung
✅ artgerechte Haltung
✅ ausreichende Regeneration
✅ bedarfsgerechte Ernährung
Wichtigste Erkenntnis
Ein gesundes Pferd entsteht nicht durch ein einzelnes Gelenkkraut.
Aber passende Pflanzen können einen gut versorgten Organismus sinnvoll begleiten.
Fortsetzung Artikel 7 – Teil 4/5
Pflanzen für Haut, Fell, Immunsystem und Stoffwechsel
Im nächsten Teil betrachten wir:
- Brennnessel
- Bierhefe
- Schwarzkümmel
- Spirulina und Algen
- Zink und Hautstoffwechsel
- Fellwechsel
- sogenannte "Entgiftungskuren"
Dabei geht es besonders um:
- Nährstoffe und Inhaltsstoffe,
- natürliche Funktionen des Körpers,
- sinnvolle Ergänzungen,
- Grenzen von Werbeversprechen.
Quellen
-
National Research Council (NRC). Nutrient Requirements of Horses. National Academies Press, 2007.
-
Meyer, H.; Coenen, M. Pferdefütterung. Schaper Verlag.
-
Geor, R.J.; Harris, P.A.; Coenen, M. Equine Applied and Clinical Nutrition. Elsevier.
-
GfE. Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden.
-
European Medicines Agency (EMA). Herbal Monographs verschiedener Pflanzen.
-
ESCOP. Monographs on the Medicinal Uses of Plants.
-
Williamson, E.M. Potter’s Herbal Cyclopaedia.
-
McDonald, P. et al. Animal Nutrition.
-
McGowan, C.M.; Goff, L.; Stubbs, N. Animal Physiotherapy: Assessment, Treatment and Rehabilitation of Animals.