Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 7 Teil 4/5 Nährstoffe im Gleichgewicht
"Pflanzen für Haut, Fell, Immunsystem und Stoffwechsel beim Pferd"
Warum Haut und Fell mehr erzählen als nur die äußere Erscheinung
Viele Pferdehalter betrachten Haut und Fell als sichtbares Zeichen für Gesundheit.
Und tatsächlich können Veränderungen Hinweise geben auf:
- Ernährungszustand,
- Stoffwechselbelastung,
- Versorgung mit Nährstoffen,
- Verdauung,
- hormonelle Veränderungen,
- allgemeine Regulation des Körpers.
Ein glänzendes Fell bedeutet jedoch nicht automatisch:
"Das Pferd ist rundum optimal versorgt."
Ebenso bedeutet stumpfes Fell nicht automatisch:
"Es fehlt nur ein bestimmtes Kraut."
Der Körper muss immer als Gesamtsystem betrachtet werden.
Die natürliche Pflanzenvielfalt – warum Kräuter ursprünglich dazugehören
Pferde haben sich über Millionen Jahre als Pflanzenfresser entwickelt.
In freier Natur besteht ihre Nahrung nicht nur aus Gras.
Sie fressen abhängig von:
- Jahreszeit,
- Verfügbarkeit,
- Standort,
- individuellem Bedarf,
auch:
- Kräuter,
- Blätter,
- Zweige,
- Rinden,
- Samen,
- unterschiedliche Pflanzenarten.
Diese Vielfalt liefert nicht nur Energie und Eiweiß.
Sie versorgt den Organismus auch mit einer großen Anzahl verschiedener Pflanzenstoffe.
Dazu gehören:
- Bitterstoffe,
- Flavonoide,
- Polyphenole,
- ätherische Öle,
- Gerbstoffe,
- Schleimstoffe.
Unsere heutige Pferdefütterung unterscheidet sich jedoch deutlich von der natürlichen Situation.
Viele Pferde erhalten hauptsächlich:
- Heu,
- Gras von intensiv genutzten Weiden,
- wenige zusätzliche Pflanzenquellen.
Dadurch ist die pflanzliche Vielfalt häufig deutlich geringer als ursprünglich vorgesehen.
Gerade für den Darm ist Vielfalt interessant.
Denn das Darmmikrobiom lebt von unterschiedlichen Faserquellen und Pflanzenbestandteilen.
Eine größere Vielfalt kann deshalb helfen, unterschiedliche Mikroorganismen zu ernähren und die natürliche Anpassungsfähigkeit des Verdauungssystems zu unterstützen.
Aber: Auch natürliche Pflanzen sind nicht automatisch harmlos
Ein wichtiger Punkt:
Pflanzen wirken nicht nur durch ihre Nährstoffe.
Sie enthalten auch biologisch aktive sekundäre Pflanzenstoffe.
Diese können:
- Verdauungsprozesse beeinflussen,
- Stoffwechselwege beeinflussen,
- Entzündungsprozesse regulieren,
- mit anderen Stoffen reagieren.
Deshalb gilt auch bei Kräutern:
Nicht "viel hilft viel".
Eine gezielte Auswahl passend zum Pferd ist sinnvoller als eine wahllose Kombination vieler Pflanzen in großen Mengen.
Tiere wählen in der Natur häufig instinktiv verschiedene Pflanzen aus.
Dieses Verhalten bedeutet jedoch nicht, dass jede Pflanze unbegrenzt oder dauerhaft in großen Mengen geeignet ist.
Haut, Fell und Stoffwechsel – ein Zusammenspiel vieler Faktoren
Für gesunde Haut und Fellbildung benötigt der Körper unter anderem:
- ausreichend Energie,
- hochwertiges Eiweiß,
- essentielle Aminosäuren,
- Mineralstoffe,
- Spurenelemente,
- Vitamine.
Besonders wichtig sind:
Eiweiß und Aminosäuren
Haare bestehen überwiegend aus Keratin.
Dafür benötigt der Körper Aminosäuren wie:
- Methionin,
- Cystein,
- Lysin.
Vor allem schwefelhaltige Aminosäuren spielen eine Rolle beim Aufbau von Keratin.
Eine Pflanze kann hier unterstützen, wenn sie Eiweiß liefert.
Sie ersetzt jedoch keine bedarfsgerechte Eiweißversorgung.
Zink
Zink ist beteiligt an:
- Hautstoffwechsel,
- Zellteilung,
- Wundheilung,
- Fellbildung,
- Immunfunktion.
Ein Mangel kann sich beispielsweise zeigen durch:
- schlechte Fellqualität,
- Hautprobleme,
- verzögerte Heilung.
Aber:
Mehr Zink bedeutet nicht automatisch bessere Gesundheit.
Eine Überversorgung kann die Aufnahme anderer Mineralstoffe beeinflussen.
Bereits bekannte Pflanzen – ergänzende Betrachtung
Einige Pflanzen wurden bereits in den vorherigen Teilen ausführlicher betrachtet.
Hier werden nur die zusätzlichen Aspekte für Haut, Fell und Stoffwechsel ergänzt.
Brennnessel (Urtica dioica)
Bereits behandelt in:
Artikel 7 – Teil 2/5: Kräuter für Verdauung und Stoffwechsel
Die Brennnessel gehört zu den klassischen heimischen Futterpflanzen.
Sie enthält:
- Mineralstoffe,
- sekundäre Pflanzenstoffe,
- pflanzliches Eiweiß.
Mineralstoffprofil der Brennnessel
Brennnessel kann enthalten:
- Calcium,
- Kalium,
- Magnesium,
- Silizium,
- Eisen.
Besonders interessant ist der Gehalt an Mineralstoffen und Spurenelementen im Zusammenhang mit:
- Fellwechsel,
- Hautstoffwechsel,
- allgemeiner Versorgung.
Die tatsächlichen Mengen schwanken jedoch stark abhängig von:
- Standort,
- Boden,
- Erntezeitpunkt,
- Verarbeitung.
Bedeutung für Haut und Fell
Traditionell wird Brennnessel eingesetzt bei:
- Fellwechsel,
- stumpfem Fell,
- allgemeiner Vitalität.
Mögliche Gründe:
Die enthaltenen Pflanzenstoffe und Mineralien können die Nährstoffvielfalt der Ration erhöhen.
Wichtig:
Brennnessel ersetzt kein Mineralfutter.
Ein Pferd mit einem tatsächlichen Mangel benötigt eine gezielte Versorgung.
Mariendistel (Silybum marianum)
Bereits behandelt in:
Artikel 7 – Teil 2/5: Kräuter für Verdauung und Stoffwechsel
Die Mariendistel wird besonders mit der Leber verbunden.
Der wichtigste Inhaltsstoff:
Silymarin
Silymarin gehört zu den sekundären Pflanzenstoffen und wird vor allem wegen seiner antioxidativen Eigenschaften betrachtet.
Warum die Leber für Haut und Fell wichtig ist
Die Leber spielt eine zentrale Rolle bei:
- Verarbeitung von Nährstoffen,
- Stoffwechselregulation,
- Speicherung,
- Umwandlung verschiedener Stoffe.
Eine funktionierende Stoffwechselregulation ist deshalb eine Grundlage für:
- Energieversorgung,
- Regeneration,
- Anpassungsfähigkeit.
Hagebutte (Rosa canina)
Bereits behandelt in:
Artikel 7 – Teil 3/5: Pflanzen für Bewegungsapparat und Regeneration
Ergänzend für Haut und Fell:
Hagebutten enthalten:
- Vitamin C,
- Carotinoide,
- Polyphenole.
Vitamin C
Vitamin C ist beteiligt an:
- antioxidativen Schutzsystemen,
- Kollagenbildung,
- Gewebestrukturen.
Das Pferd kann Vitamin C grundsätzlich selbst herstellen.
Eine zusätzliche Versorgung ist deshalb nicht immer notwendig.
Carotinoide und Polyphenole
Diese Pflanzenstoffe sind interessant aufgrund ihrer antioxidativen Eigenschaften.
Sie können dazu beitragen, Zellen vor oxidativem Stress zu schützen.
Neue Pflanzen für Haut, Fell und Immunsystem
Bierhefe
Bierhefe gehört nicht zu den klassischen Kräutern.
Sie wird jedoch häufig als natürliche Ergänzung eingesetzt.
Sie enthält:
- Hefezellen,
- B-Vitamine,
- Eiweißbestandteile.
B-Vitamine
Bierhefe kann unter anderem enthalten:
- Biotin,
- Niacin,
- Folsäure,
- Riboflavin.
Diese Vitamine spielen eine Rolle bei:
- Energiestoffwechsel,
- Hautfunktion,
- Zellstoffwechsel.
Aminosäuren
Bierhefe liefert pflanzliches Eiweiß.
Enthalten sind verschiedene Aminosäuren.
Die Mengen können jedoch je nach Produkt stark variieren.
Sie ist deshalb keine alleinige Lösung für einen Eiweißmangel.
Verbindung zum Darm
Bierhefe wird häufig eingesetzt, weil ein gesunder Darm eine wichtige Grundlage für:
- Nährstoffaufnahme,
- Immunsystem,
- Fellqualität
darstellt.
Wann kann Bierhefe problematisch werden?
Problematisch kann sie vor allem sein, wenn:
-
Zu viel oder zu lange gefüttert wird
Bierhefe ist kein „Darmputzmittel“, das man unbegrenzt geben sollte. Eine hohe Hefezufuhr kann das mikrobielle Gleichgewicht im Darm verändern. Nicht jedes Pferd profitiert von einer zusätzlichen Förderung bestimmter Mikroorganismen. -
Das Pferd bereits ein gestörtes Darmmilieu hat
Bei Pferden mit:
-Fehlgärungen,
-empfindlichem Darm,
-Kotwasser,
-Stoffwechselproblemen,
-ausgeprägten Dysbiosen
kann eine zusätzliche Gabe von fermentierbaren Bestandteilen manchmal die Symptome verschlechtern.
-
Sie als Ersatz für die eigentliche Ursache genutzt wird
Ein häufiger Fehler ist: Das Pferd zeigt Darmprobleme → Bierhefe wird gefüttert → die Ursache (z. B. zu wenig Raufutter, lange Fresspausen, zu viel Stärke, Magenthemen, Stress) bleibt bestehen. -
Bei bestimmten Stoffwechseltypen
Bierhefe kann je nach Produkt noch gewisse Mengen an Restzuckern enthalten. Bei insulinresistenten Pferden oder Pferden mit EMS sollte man deshalb das Produkt und die Menge genau betrachten.
Schwarzkümmel (Nigella sativa)
Schwarzkümmel gehört zu den Pflanzen, die in den letzten Jahren besonders populär geworden sind.
Inhaltsstoffe
Schwarzkümmel enthält:
- ätherische Öle,
- ungesättigte Fettsäuren,
- sekundäre Pflanzenstoffe.
Besonders bekannt:
Thymochinon
Bedeutung für Haut und Immunsystem
Traditionell wird Schwarzkümmel genutzt zur Unterstützung von:
- Haut,
- allgemeiner Widerstandskraft,
- Stoffwechsel.
Die enthaltenen Pflanzenstoffe sind biologisch aktiv.
Gerade deshalb sollte er gezielt und nicht unbegrenzt eingesetzt werden.
Sonnenblumenkerne
Bereits erwähnt in:
Artikel 7 – Teil 1/5: Samen als natürliche Nährstoffquelle
Ergänzend für Haut und Fell:
Sonnenblumenkerne liefern:
- Fett,
- Eiweiß,
- Vitamin E.
Vitamin E
Vitamin E ist ein wichtiges Antioxidans.
Es schützt Zellmembranen vor oxidativen Schäden.
Besonders interessant bei:
- Sportpferden,
- hoher körperlicher Belastung,
- Regenerationsphasen.
Fettversorgung
Fette liefern Energie und essentielle Fettsäuren.
Diese spielen unter anderem eine Rolle für:
- Hautbarriere,
- Fellqualität,
- Zellmembranen.
Algen und Spirulina
Algenprodukte werden häufig als besonders nährstoffreich beworben.
Sie können enthalten:
- Eiweiß,
- Mineralstoffe,
- Pigmente,
- verschiedene Mikronährstoffe.
Eiweiß
Spirulina kann einen hohen Eiweißanteil besitzen.
Sie liefert verschiedene Aminosäuren.
Die tatsächliche Bedeutung hängt jedoch immer von der gesamten Ration ab.
Mineralstoffe
Algen können enthalten:
- Eisen,
- Magnesium,
- Calcium,
- Spurenelemente.
Die Mengen schwanken stark.
Besonders bei Meeresalgen muss auf den Jodgehalt geachtet werden.
Pferd mit Stoffwechselproblemen
Nicht einfach eine Kräutermischung einsetzen.
Zuerst:
- Ursache suchen,
- Haltung betrachten,
- Fütterung überprüfen.
Zusammenfassung Teil 4/5
Pflanzen können eine wertvolle Ergänzung sein.
Besonders interessant für Haut, Fell und Stoffwechsel sind Pflanzen mit:
- antioxidativen Pflanzenstoffen,
- Mineralstoffen,
- Vitaminen,
- natürlichen Fettsäuren.
Aber:
Die Grundlage bleibt:
✅ gutes Grundfutter
✅ ausreichende Eiweißversorgung
✅ passende Mineralstoffversorgung
✅ Bewegung
✅ artgerechte Haltung
Wichtigste Erkenntnis
Ein gesundes Fell entsteht nicht durch ein einzelnes Fellprodukt.
Es entsteht durch einen gesunden Organismus.
Kräuter und Pflanzen können diesen Organismus begleiten.
Sie ersetzen jedoch nicht die Grundlagen einer artgerechten Pferdefütterung.
Fortsetzung Artikel 7 – Teil 5/5
Im letzten Teil:
Kräuter beim Pferd richtig einsetzen – Risiken, Grenzen und praktische Anwendung
Themen:
- Können Kräuter schaden?
- Warum "mehr hilft mehr" nicht gilt
- Wechselwirkungen mit Medikamenten
- Qualität von Kräuterprodukten
- Einzelpflanze oder Mischung?
- große Übersicht: Welche Pflanze für welches Ziel?
Quellen
- National Research Council (NRC). Nutrient Requirements of Horses. National Academies Press, 2007.
- Meyer, H.; Coenen, M. Pferdefütterung. Schaper Verlag.
- Geor, R.J.; Harris, P.A.; Coenen, M. Equine Applied and Clinical Nutrition. Elsevier.
- GfE. Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden.
- European Medicines Agency (EMA). Herbal Monographs.
- McDonald, P. et al. Animal Nutrition.
- Julliand, V. Arbeiten zur Darmmikrobiologie des Pferdes.
- Williamson, E.M. Potter’s Herbal Cyclopaedia.