Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 7 Teil 5/5 Nährstoffe im Gleichgewicht
"Kräuter beim Pferd richtig einsetzen"
Zwischen natürlicher Vielfalt und gezielter Ergänzung
Können Kräuter auch schaden?
Ja.
Auch natürliche Pflanzen können bei falscher Anwendung unerwünschte Wirkungen haben.
Entscheidend sind:
- welche Pflanze verwendet wird,
- welche Inhaltsstoffe enthalten sind,
- welche Menge gefüttert wird,
- wie lange sie eingesetzt wird,
- wie das einzelne Pferd darauf reagiert.
Ein Pferd benötigt nicht möglichst viele Kräuter gleichzeitig.
Eine gezielte Auswahl ist meist sinnvoller als eine große Mischung aus vielen verschiedenen Pflanzen.
Tiere wählen Pflanzen – aber nicht jede Situation ist vergleichbar
In der Natur beobachten wir häufig, dass Tiere bestimmte Pflanzen bevorzugt aufnehmen.
Dieses Verhalten wird auch als:
Selbstselektion
bezeichnet.
Pferde können über Geschmack und Geruch bestimmte Pflanzen auswählen.
Dabei spielen vermutlich verschiedene Faktoren eine Rolle:
- Nährstoffbedarf,
- Erfahrung,
- Verfügbarkeit,
- Geschmack,
- möglicherweise auch der Bedarf an bestimmten Pflanzenstoffen.
Trotzdem kann dieses natürliche Verhalten nicht vollständig mit unserer heutigen Pferdehaltung verglichen werden.
Ein Pferd im Stall oder auf einer artenarmen Weide hat häufig nicht die gleiche Auswahl wie ein Wildtier.
Außerdem werden Kräuter heute oft:
- getrocknet,
- konzentriert,
- als Pulver,
- als Extrakt
angeboten.
Dadurch können deutlich größere Mengen bestimmter Inhaltsstoffe aufgenommen werden als bei natürlicher Aufnahme einzelner Pflanzen.
Die richtige Frage lautet deshalb nicht:
"Welche Kräuter kann ich meinem Pferd noch geben?"
Sondern:
"Welche Pflanze passt zu diesem Pferd und zu seinem aktuellen Bedarf?"
Dosierung – warum die Menge entscheidend ist
Auch wertvolle Pflanzen können bei falscher Dosierung problematisch werden.
Die Wirkung hängt ab von:
- Konzentration der Inhaltsstoffe,
- Qualität der Pflanze,
- Fütterungsmenge,
- Dauer der Anwendung,
- individueller Verträglichkeit.
Ein Beispiel:
Ein Kraut mit vielen Bitterstoffen kann in kleiner Menge interessant sein.
Eine sehr große Menge kann jedoch:
- die Futteraufnahme verändern,
- die Verdauung beeinflussen,
- das Gleichgewicht der Ration verändern.
Besonders vorsichtig sollte man sein bei:
- trächtigen Stuten,
- sehr jungen Pferden,
- chronisch kranken Pferden,
- Pferden mit Medikamentengaben.
Einzelpflanze oder Kräutermischung?
Beides kann sinnvoll sein.
Vorteil Einzelpflanze
Bei einer einzelnen Pflanze weiß man:
- was gefüttert wird,
- welcher Inhaltsstoff im Vordergrund steht,
- wie das Pferd darauf reagiert.
Vorteil Mischung
Eine Mischung kann verschiedene Pflanzen kombinieren und dadurch mehrere Inhaltsstoffe liefern.
Der Nachteil:
Wenn viele Pflanzen gleichzeitig eingesetzt werden, ist schwer zu erkennen:
- welche Pflanze wirkt,
- welche Pflanze nicht benötigt wird,
- welche eventuell nicht vertragen wird.
Gerade bei empfindlichen Pferden kann deshalb die Verwendung einzelner Pflanzen sinnvoll sein.
Qualität von Kräutern
Nicht jedes Kräuterprodukt ist gleich.
Die Qualität hängt unter anderem ab von:
- Pflanzenart,
- Erntezeitpunkt,
- Standort,
- Trocknung,
- Lagerung.
Wichtige Punkte bei der Auswahl:
Klare Deklaration
Ein gutes Produkt sollte erkennen lassen:
- welche Pflanze enthalten ist,
- welcher Pflanzenteil verwendet wird,
- wie viel enthalten ist.
Gute Lagerung
Viele Pflanzenstoffe können empfindlich reagieren auf:
- Licht,
- Wärme,
- Feuchtigkeit,
- Sauerstoff.
Möglichst natürliche Verarbeitung
Eine schonende Verarbeitung hilft, wertvolle Inhaltsstoffe zu erhalten.
Kräuter und die Darmgesundheit
Die Vielfalt der Ernährung spielt auch für das Darmmikrobiom eine wichtige Rolle.
Der Dickdarm des Pferdes beherbergt eine große Gemeinschaft von Mikroorganismen.
Diese leben von den Bestandteilen pflanzlicher Nahrung.
Unterschiedliche Pflanzen liefern unterschiedliche:
- Fasern,
- pflanzliche Verbindungen,
- Nährstoffmuster.
Diese Vielfalt kann dazu beitragen, ein abwechslungsreiches Umfeld für die Darmmikroorganismen zu schaffen.
Deshalb ist die Ergänzung mit geeigneten Pflanzen nicht nur eine Frage einzelner Wirkstoffe.
Sie ist auch eine Frage der natürlichen Ernährungsvielfalt.
Die Verbindung zur individuellen Pferdefütterung
Damit schließt sich der Kreis dieser Serie.
Wir haben betrachtet:
Das Grundfutter entscheidet
Heu und Gras bleiben die wichtigste Grundlage.
Der Bedarf entscheidet
Nicht jedes Pferd benötigt dieselben Ergänzungen.
Pflanzen können unterstützen
Kräuter, Samen und andere Pflanzenbestandteile können wertvolle Ergänzungen sein.
Zusammenfassung Artikel 7
Pflanzen begleiten Pferde seit ihrer Entwicklung.
Die natürliche Ernährung bestand nie ausschließlich aus Gras.
Kräuter, Zweige, Samen und andere Pflanzenbestandteile gehören zur biologischen Vielfalt der Pferdeernährung.
Heute kann eine gezielte Ergänzung sinnvoll sein, weil viele Pferde deutlich weniger Pflanzenvielfalt aufnehmen als ursprünglich vorgesehen.
Die wichtigste Erkenntnis:
Kräuter können den Organismus unterstützen.
Aber auch natürliche Pflanzen besitzen eine Wirkung und sollten deshalb gezielt, bewusst und passend zum einzelnen Pferd eingesetzt werden.
Abschluss Artikel 7
Wir wissen nun:
Pflanzen können wertvolle Begleiter sein.
Aber Gesundheit entsteht nicht durch ein einzelnes Produkt.
Sie entsteht durch das Zusammenspiel von:
- Fütterung,
- Haltung,
- Bewegung,
- Training,
- Regeneration,
- individueller Anpassung.
Ausblick
Im nächsten Artikel widmen wir uns einem Thema, das häufig unterschätzt wird:
Mineralstoffe beim Pferd – warum kleine Mengen große Wirkung haben
Im nächsten Artikel geht es um:
- Warum Heu nicht immer den gesamten Bedarf deckt
- Calcium und Phosphor als Grundlage des Knochen- und Muskelstoffwechsels
- Magnesium und seine Bedeutung für Nerven und Muskulatur
- Zink, Kupfer, Selen und Mangan
- Salz und Elektrolyte
- Wie man ein passendes Mineralfutter auswählt
- Warum sowohl Mangel als auch Überversorgung problematisch sein können
Quellen
-
National Research Council (NRC). Nutrient Requirements of Horses. National Academies Press, 2007.
-
Meyer, H.; Coenen, M. Pferdefütterung. Schaper Verlag.
-
Geor, R.J.; Harris, P.A.; Coenen, M. Equine Applied and Clinical Nutrition. Elsevier.
-
GfE. Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden.
-
European Medicines Agency (EMA). Herbal Monographs.
-
Williamson, E.M. Potter’s Herbal Cyclopaedia.
-
Julliand, V. Arbeiten zur Verdauungsphysiologie und Darmmikrobiologie des Pferdes.
-
McDonald, P. et al. Animal Nutrition.