Pferdefütterung: "Vom Grashalm bis zur Muskelzelle" Artikel 8 Teil 1/5 Mineralfutter & Spurenelemente

Mineralstoffe beim Pferd – warum kleine Mengen große Wirkung haben

In der täglichen Pferdefütterung stehen meist die voluminösen, sichtbaren Bestandteile im Fokus: saftiges Gras, duftendes Heu, Kraftfutter, wertvolle Öle oder gezielt gewählte Kräuter. Die Mineralstoffe wirken dagegen auf den ersten Blick unscheinbar. Sie werden nur in Gramm- oder gar Milligramm-Mengen gefüttert.

Doch die Biochemie des Pferdes spricht eine deutliche Sprache: Ohne Mineralstoffe bricht der gesamte Organismus zusammen. Sie sind die unsichtbaren Regisseure im Hintergrund, ohne die weder der Stoffwechsel noch die Muskelarbeit oder die Regeneration funktionieren.

Was sind Mineralstoffe überhaupt?

Mineralstoffe sind lebensnotwendige, anorganische Nährstoffe. Da der Pferdekörper sie nicht selbst synthetisieren kann, müssen sie täglich in passender Dosierung und Bioverfügbarkeit über die Nahrung aufgenommen werden.

In der Pferdenährung unterteilen wir sie nach der benötigten Konzentration im Körper:

  • Mengenelemente: Werden im Gramm-Bereich (g) benötigt. Dazu zählen Calcium, Phosphor, Magnesium, Natrium, Kalium und Chlorid.
  • Spurenelemente: Werden im Milligramm- (mg) oder Mikrogramm-Bereich (µg) benötigt. Dazu gehören Zink, Kupfer, Selen, Mangan, Eisen, Jod und Kobalt.

Mineralstoffe

Mineralstoffe werden in Mengenelemente und Spurenelemente eingeteilt. Der Unterschied liegt in der Menge, die der Körper benötigt.

Mengenelemente Spurenelemente
Bedarf in Gramm Bedarf in Milligramm
Calcium (Ca) Zink (Zn)
Kalium (K) Mangan (Mn)
Phosphor (P) Kupfer (Cu)
Chlorid (Cl) Eisen (Fe)
Magnesium (Mg) Selen (Se)
Natrium (Na) Jod (I)

Der Motoren-Vergleich: Warum winzige Mengen entscheiden

Stell dir das Pferd wie einen Hochleistungsmotor vor: Heu und Gras liefern den Treibstoff (Raufutter-Energie). Doch ohne Motoröl, Kühlflüssigkeit und eine funktionierende Elektronik bewegt sich der Wagen kein Stück. Mineralstoffe sind die Elektronik und Schmierstoffe des Pferdekörpers. Sie liefern keine direkte Energie (Kalorien), dienen aber als:

  1. Baustoffe: Für Knochen, Zähne, Sehnen und Zellwände.
  2. Steuerstoffe & Katalysatoren: Als Co-Faktoren für Enzyme, ohne die kein Nährstoff umgesetzt werden kann.
  3. Signalgeber: Für die Weiterleitung von Nervenimpulsen und Hormonsignalen.
  4. Elektrolyte: Zur Regulation des Zell- und Flüssigkeitshaushalts.

Warum Grundfutter allein oft nicht ausreicht

Ein weit verbreiteter Mythos unter Pferdehaltern lautet: "Mein Pferd bekommt gutes Heu satt – damit ist es vollkommen ausreichend versorgt."

Raufutter ist zwar das unumstößliche Fundament jeder artgerechten Fütterung, doch der Mineralstoffgehalt im Heu unterliegt extremen Schwankungen. Zwei Heuballen können optisch und geruchlich identisch sein, biochemisch aber völlig unterschiedliche Mineralstoffprofile aufweisen.

EINFLUSSFAKTOREN AUF DEN MINERALGEHALT IM HEU

 [ Bodenstruktur & pH-Wert ]      [ Pflanzenbestand / Kräuter ]
             │                                   │
             ▼                                   ▼
     ┌──────────────────────────────────────────┐
     │        MINERALSTOFFGEHALT IM RAUFUTTER   │
     └──────────────────────────────────────────┘
             ▲                                   ▲
             │                                   │
  [ Schnittzeitpunkt & Wetter ]      [ Düngung & Bodenleben ]

Die regionale Komponente: Bodengeografie in Deutschland

Deutschland weist eine enorm heterogene Bodenstruktur auf, was zu stark schwankenden Grundfutter-Analysen führt:

  • Sandige Böden (z. B. Norddeutschland, Teile Brandenburgs): Häufig ausgewaschen, arm an Spurenelementen wie Zink, Kupfer und Selen.
  • Kalkreiche Böden (z. B. Schwäbische Alb, Kalkalpen): Hohe Calciumgehalte, die jedoch die Aufnahme anderer Elemente (wie Mangan oder Zink) im Darm hemmen können.
  • Mittelgebirgsregionen: Bieten je nach Urgestein sehr spezifische, oft saure Bodenverhältnisse mit Manganüberschuss, aber akutem Selenmangel.

Fazit: Es gibt kein "standardisiertes deutsches Heu". Ohne gezielte Ergänzung entstehen über die Jahre schleichende Mangelsituationen.

Individueller Bedarf: Kein Pferd füttert man wie das andere

Der exakte Mineralstoffbedarf lässt sich nicht pauschalisieren. Er variiert dynamisch je nach Lebensphase und Belastung:

Pferdekategorie Physiologische Besonderheit Schwerpunkte im Mineralstoffbedarf
Jungpferde im Wachstum Hohes Skelett- und Gewebewachstum Höherer Bedarf an Calcium, Phosphor, Kupfer & Mangan
Senioren Nachlassende Resorptionsfähigkeit im Darm Leicht erhöhter Bedarf, gut bioverfügbare Organik
Tragende/Laktierende Stuten Milchbildung und Fohlenentwicklung Extrem hoher Calcium- und Phosphorbedarf
Sportpferde Verlust über Schweiß, hoher Muskelumsatz Erhöhter Bedarf an Natrium, Chlorid, Magnesium & Kalium
Freizeitpferde / Leichtfuttrige Oft getreidefreie Diät (Heu-only) Genaue Abdeckung ohne Kalorienzufuhr essenziell

Die Mengenelemente im Detail

1. Calcium (Ca) & Phosphor (P) – Das Fundament des Skeletts

Calcium ist der mengenmäßig wichtigste Mineralstoff im Pferdekörper. Der Großteil (ca. 99 %) ist im Knochengewebe und in den Zähnen gebunden. Doch Calcium kann noch viel mehr: Es ist unentbehrlich für die Blutgerinnung, die Zellmembranstabilität und vor allem für die Muskelkontraktion.

Der Muskel-Mechanismus:

Soll ein Muskel anspannen, strömen Calcium-Ionen in die Muskelzelle. Erst dadurch können sich die Muskelproteine (Aktin und Myosin) ineinander verzahnen:

Nervenimpuls → Calcium-Freisetzung → Aktin-Myosin-Kopplung → Muskelkontraktion

Phosphor ist der direkte Partner von Calcium. Er bildet nicht nur das Knochengerüst mit, sondern ist als Bestandteil von ATP (Adenosintriphosphat) der universelle Treibstoff jeder einzelnen Zelle.

Das optimale Calcium-Phosphor-Verhältnis (Ca:P)

Im Gesamtfutter muss das Verhältnis von Calcium zu Phosphor stets im Auge behalten werden.

Optimales Ca:P-Verhältnis = 1,5 : 1 bis 2 : 1

  • Zu viel Phosphor (z. B. durch reine Getreide-/Kleiefütterung): Hemmt die Calciumaufnahme im Darm. Der Körper mobilisiert Calcium aus den eigenen Knochen, um den Blutspiegel konstant zu halten – die Knochensubstanz leidet ("Entkalkung").
  • Zu viel Calcium (z. B. durch extrem alfalferatige/Luzerne-lastige Fütterung): Kann die Verwertung von Zink, Mangan und Magnesium blockieren.

2. Magnesium (Mg) – Der Mineralstoff für Muskeln und Nerven

Während Calcium für die Anspannung des Muskels sorgt, wird Magnesium für die Entspannung benötigt. Magnesium löst die Aktin-Myosin-Verbindung im Muskel wieder auf und dämpft gleichzeitig die übermäßige Erregbarkeit von Nervenzellen.

Magnesium bei Nervosität und Stress

Magnesium wird oft als pauschales "Beruhigungsmittel" vermarktet. Zwar führt ein echter Magnesiummangel tatsächlich zu Übererregbarkeit, Schreckhaftigkeit und Muskelverspannungen, doch nicht jedes nervöse Pferd hat einen Magnesiummangel.

Bevor Ergänzungsfuttermittel gefüttert werden, müssen primäre Stressfaktoren abgeklärt werden:

  • Mangelnde Haltungsbedingungen (zu wenig Freilauf, Herdenstress)
  • Fütterungsfehler (zu viel leicht verdauliche Stärke/Zucker)
  • Magengeschwüre oder chronische Schmerzen
  • Ausbildungs- und Trainingsfehler

3. Natrium (Na), Kalium (K) & Chlorid (Cl) – Der Elektrolythaushalt

Diese drei Mineralstoffe steuern als geladene Ionen (Elektrolyte) den osmotischen Druck, den Wasserhaushalt des Körpers sowie den Säure-Basen-Haushalt.

  • Kalium: Ist reichlich im Heu und Gras enthalten. Ein Mangel ist bei raufutterbasierter Fütterung extrem selten.
  • Natrium & Chlorid (Kochsalz): Sind im Heu meist in viel zu geringen Mengen enthalten!

Ein Pferd verliert bereits im Schritt und bei leichter Arbeit stetig Natrium über den Schweiß. Ein Salzleckstein (reines Siedesalz/Steinsalz) gehört daher zur Grundausstattung jedes Pferdestalls. Bei starkem Schwitzen im Sommer oder nach intensivem Training reicht ein Leckstein oft nicht aus – hier müssen Elektrolyte gezielt über das Futter ergänzt werden, um Leistungseinbrüche und Koliken zu verhindern.

Der Blick aus osteopathischer Sicht: Fütterung trifft Bewegung

Als Therapeuten betrachten wir den Pferdekörper als funktionelle Einheit. Mineralstoffe sind keine rein internistische Angelegenheit – sie beeinflussen den Tonus des Bewegungsapparates unmittelbar:

OSTEOPATHISCHER WIRKUNGSKREIS

Elektrolyt- / Mineralmangel

Gestörte Signalübertragung an der motorischen Endplatte

Erhöhter Grundtonus (Muskelverspannung / Faszienverklebung)

Gelenkblockaden & Bewegungseinschränkungen der Wirbelsäule

Ein Muskel, der aufgrund von Magnesium- oder Calciummangel biochemisch nicht korrekt entspannen kann, erzeugt dauerhaften Zug auf Sehnenansätze, Faszien und Gelenke. Wiederkehrende Blockaden im Iliosakralgelenk (ISG) oder in der Halswirbelsäule haben ihre Ursache nicht selten in einer fehlgesteuerten Mineralstoffversorgung.

Zusammenfassung

Mineralstoffe sind keine optionalen "Zusatzstoffe", sondern essenzielle Bausteine des Lebens. Nicht die reine Quantität des Futters entscheidet über die Gesundheit und Leistungsfähigkeit deines Pferdes, sondern die exakte Abstimmung aller Mikronährstoffe aufeinander.


Quellen

  1. Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE): Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden. DLG-Verlag, Frankfurt am Main.
  2. Meyer, H.; Coenen, M.; Vervuert, I.: Pferdefütterung. 6. überarbeitete Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart (Schwerpunkt: Mengenelemente & Skelettmineralisierung).
  3. National Research Council (NRC): Nutrient Requirements of Horses. 6th revised edition, National Academies Press, Washington D.C. (Kapitel: Macrominerals & Electrolyte Balance).
  4. Kienzle, E.; Zeyner, A.: Ernährung des Pferdes. In: Lehrbuch der Pferdemedizin, Enke Verlag, Stuttgart.